Am Sonntagmorgen, 23.10.2022

Sabine Pemsel-Maier, Freiburg

Faszination Engel. Was hat es auf sich mit den „Boten Gottes“?

„Du bist ein Engel!“ Wer das sagt, ist einer anderen Person meistens sehr dankbar für etwas. Ein Engel zu sein, darin steckt auch: helfen, beschützen, retten. So wie Mitmenschen manchmal wie Engel wirken gibt es auch in der Bibel viele Engelgeschichten. Der Glaube an Engel als Helfer und Boten Gottes reicht tatsächlich bis etwa neunhundert Jahre vor Christus zurück.

© Mario Wallner / Pexels

Engel sind „in“ – und das nicht nur zur Weihnachtszeit. Sie „bevölkern“ als Dekoration so manche Wohnung, und Engelsstatuen stehen häufig auf Gräbern. Aber auch auf Schlüsselanhängern, Teddybären und auf Postkarten sind sie zu finden.

Sie spielen traditionell eine große Rolle in der Literatur, im Film und in der Kunst. Eine Untersuchung von Werbemotiven hat ergeben, dass Engel mit am häufigsten eingesetzt werden. Kaum eine andere Gestalt scheint emotional so positiv besetzt – und so universal verwendbar.

Man kann einen solchen Umgang mit den Engeln als Banalisierung abtun. Man kann aber auch die Frage stellen, warum denn die Engelsthematik derart fasziniert. Die Religionssoziologie sieht darin eine Gegenbewegung zum Rationalismus unserer Weltanschauungen – auch zum Rationalismus, der in die Theologie Einzug gehalten hat.

Symbole der Glaubenserfahrung

Die Religionssoziologie deutet die Faszination als Ausdruck der Suche nach der verloren gegangenen Transzendenz, nach einer überirdischen Macht, die dem Menschen Schutz und Orientierung bietet, ihn aber nicht in seinem Streben nach Autonomie einschränkt. Es scheint für viele unverfänglicher, Glaubenserfahrungen an Engeln festzumachen statt am Gottesglauben.

So populär die Engel sind – in der kirchlichen Verkündigung fristen sie eher ein Schattendasein. Stattdessen haben sich die Esoterik und die Anthroposophie – also die postmodernen Konkurrenten in Sachen Religion – der Engel-Thematik angenommen.

Deutlich sind hier die Nachwirkungen des so genannten Entmythologisierungsprogramms des Exegeten Rudolf Bultmann zu spüren. Er sah in den Engeln Relikte eines längst überholten mythologischen Weltbildes, das es heute wissenschaftlich zu erklären gilt. Berühmt wurde sein Satz:

„Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben.“

Engel sind Boten Gottes

Kann man wirklich nicht? Vielen Zeitgenossen gelingt die Integration von beidem problemlos. Einerseits passen Engel in der Tat nicht in den Kontext eines naturwissenschaftlichen Weltbildes.

Andererseits greift Bultmanns These zu kurz. Denn er zog nicht in Betracht, dass auch zeitbedingte mythologische Aussagen eine überzeitliche Botschaft enthalten, die heute noch relevant ist.

Daher lohnt es sich, der Botschaft von den Engeln auf die Spur zu kommen, und zwar der Botschaft, wie die Bibel sie entfaltet. Das deutsche Wort „Engel“ kommt vom griechischen „angelos“, wörtlich: „Bote“.

Engel im eigentlichen biblischen Sinn sind also Boten, Boten Gottes. Aber keineswegs alle Wesen, die wir gemeinhin als „Engel“ bezeichnen, werden in der Bibel mit dem Begriff „angelos – Bote“ belegt. Nicht alles, was wir Engel nennen, ist also im eigentlichen Sinn des Wortes ein Engel.

Die drei Wesen von Engeln

In der christlichen Tradition werden drei verschiedene „Wesen“ mit dem Begriff „Engel“ belegt: erstens der Engel Jahwes, zweitens die Himmelswesen, die den himmlischen Hofstaat bilden und drittens schließlich die Boten Gottes im eigentlichen Sinn. Religionsgeschichtlich handelt es sich um drei verschiedene Vorstellungskreise, die nachträglich unter dem Begriff „Engel“ zusammengefasst wurden.

Zu den „Himmelswesen“ zählen die himmlischen Heerscharen, die Serafim – wörtlich übersetzt: „die Brennenden”. Dann die Cherubim, was so viel wie „Fülle des Göttlichen” bedeutet und die Throne, übersetzt „Rad“ oder „Wirbel”.

Ihre Aufgabe ist es, Gott zu lobpreisen und seine Herrlichkeit, Machtfülle und Heiligkeit den Menschen zu erschließen. Die Bibel nennt diese Himmelswesen an keiner Stelle „Engel”, denn sie sind keine Boten. Dass sie dennoch gemeinhin so bezeichnet werden, liegt daran, dass sie vielfach als „geflügelt“ beschrieben werden.

Einer ganz anderen Tradition ist der „Engel Jahwes“ zuzurechnen, der in den ältesten Schriften des Alten Testaments auftaucht, vor allem im Buch Genesis und Exodus. Er ist einerseits ein Bote Gottes und damit eine eigene Gestalt, andererseits verschmilzt er zugleich mit Gott Jahwe selbst und erscheint dann mit ihm identisch.

Am eindrucksvollsten zeigt dies die Erzählung von der Gottesoffenbarung im brennenden Dornbusch, wo einmal vom Engel Jahwes und dann von Gott Jahwe selbst die Rede ist.

Engel im eigentlichen Sinne des Wortes, nämlich Boten, sind in den biblischen Texten Wirklichkeiten, durch die Gott in dieser Welt wirkt und mit den Menschen in Beziehung tritt.

Sie verkünden Aufträge und Geburten

Die Botenengel haben unterschiedliche Aufgaben bzw. Funktionen: Sie gewähren Geborgenheit, Schutz und die Errettung aus Gefahr. Ein anschauliches Zeugnis dafür gibt das Buch Tobit mit dem Reisebegleiter Rafael, der dem Protagonisten Tobias an die Seite gegeben wird.

Ein anderes Beispiel ist die Szene aus der Apostelgeschichte, wo ein Engel den Apostel Paulus aus dem Gefängnis befreit. Boten-Engel verkünden Menschen einen besonderen Auftrag, wie der Engel, der Josef im Traum erscheint und ihn auffordert, mit Maria und Jesus nach Ägypten zu fliehen.

Boten-Engel kündigen die Geburt von besonderen Kindern an, die eine wichtige Rolle in der Geschichte Gottes mit den Menschen spielen: Im Alten Testament sind es etwa die Geburten von Isaak oder des späteren Richters Simson.

Im Neuen Testament verkündet Gabriel die Geburt des Messias an Maria. Boten-Engel deuten Ereignisse als Gottes Willen und Wirken – so verkünden Engel am leeren Grab die Auferstehung. Boten-Engel kündigen auch Strafe und Gericht an oder üben Kritik am Verhalten der Menschen.

Gleich welche Aufgabe die Engel-Boten auch wahrzunehmen haben, immer handeln sie im Auftrag Gottes. Niemals ist in der Bibel von ihnen um ihrer selbst willen die Rede, sondern stets um Gottes willen.

Gottes Boten gibt es überall

So sind auch ihre Namen Symbolnamen, die auf Gott verweisen: Rafael heißt „Gott heilt“; Michael „Wer ist wie Gott“ und Gabriel „Mann oder Kraft Gottes“.

Diese Namen signalisieren: Der Glaube an Engel kommt nicht zusätzlich zum Glauben an Gott hinzu, schon gar nicht tritt er an dessen Stelle oder führt davon weg, sondern er ist ein Aspekt des Gottesglaubens.

Es sind geschöpfliche Wirklichkeiten, derer Gott sich als Boten bedient. Manchmal sind es Menschen, die mit dem Begriff „angelos“ belegt werden, wie etwa Johannes der Täufer.

„Siehe, ich sende meinen Boten vor Dir her.“

Mit diesen Worten wird sein Auftreten eingeleitet. In den biblischen Texten werden auch die Apostel oder die Vorsteher der frühen Gemeinden als Boten bzw. Engel bezeichnet. Manchmal sind Engel aber auch die Kräfte der Natur, wenn es im Psalm 104 heißt:

„Du machst Dir die Winde zu Boten und lodernde Feuer zu deinen Dienern.“

Alles kann Engel werden

Alles, was Gott in seinen Dienst nimmt, um an den Menschen zu handeln, und was etwas von seiner Nähe und Zuwendung spürbar werden lässt, kann zum Engel werden: ein Mensch, der einem anderen eine wichtige Einsicht vermittelt, ebenso wie der Heuhaufen, in dem ein Kind, das vom Baum herunterfällt, unverletzt landet. In den Engeln wird Gott erfahrbar und sichtbar und erhält ein konkretes Gesicht.

In den Botenengeln bricht die Transzendenz Gottes ein in die Immanenz dieser Welt. Sie werden damit zu Grenzgestalten zwischen Himmel und Erde im Spannungsfeld von Transzendenz und Immanenz.

Dieses Einbrechen Gottes wird unterschiedlich erfahren: als Getragen- und Geborgensein, als Ereignis, das mit Freude erfüllt, das aufrüttelt, erschüttert – und immer als ein Ereignis, das das Gewohnte des Alltags sprengt.

Die Augen für eine andere Sicht der Wirklichkeit werden geöffnet, ein anderer Weg wird eingeschlagen. Immer geschieht das Auftreten der Engel überraschend. Es lässt sich nicht einplanen oder durch menschliche Bemühungen herbeiführen.

Die Bibel erzählt an vielen Stellen vom Wirken dieser Boten, doch sie trifft keine Aussagen über ihr Aussehen. Allenfalls schildert sie ihr Auftreten mittels typischer Elemente einer Theophanie, einer Gotteserscheinung. begleitet von Donnergrollen, Erdbeben und schneeweißen Gewändern.

Haben Engel Flügel?

Von Flügeln ist dagegen so gut wie nie die Rede. Entsprechend begegnen uns in den frühesten Engeldarstellungen in den römischen Katakomben des dritten Jahrhunderts nur flügellose Engelsdarstellungen.

Dass den meisten von ihnen im Lauf der Zeit Flügel zugewachsen sind, verdankt sich heidnischem Einfluss: In der griechischen und römischen Mythologie gehörten die Flügel zur typischen Ausstattung der Götterboten, um die Distanz zwischen Himmel und Erde zu überwinden. Weil auch die biblischen Gottesboten für die Verbindung zwischen Himmel und Erde zuständig sind, boten sich die Flügel als Symbol dafür an.

So wenig wir über das Aussehen der Engel erfahren, so wenig erfahren wir auch über ihr Wesen: Nichts wird ausgesagt über ihre Natur, über ihre Erschaffung oder über ihre Zukunft.

Was ein Engel ist, lässt sich nicht allgemein bestimmen oder definieren. Der Kirchenvater Augustinus hat diese Erkenntnis treffend in dem Satz zusammengefasst:

„Engel ist die Bezeichnung für eine Aufgabe, nicht für ein Wesen oder eine Gattung.“

Die richtigen Fragen stellen

Diese Einsicht ist bis heute ein Schlüssel, um einen Zugang zu den Engeln zu finden: Immer geht es um ihr Bote-Sein, niemals um ihr Wesen. Damit werden alle Fragen nach ihrem Aussehen, ihrem Wesen und ihrer Beschaffenheit relativiert; sie interessieren die Bibel schlichtweg nicht. Das einzige, was sie interessiert, ist ihr Wirken: Engel sind Wirklichkeiten.

Engel sind in diesem Sinne keine Fakten dieser Welt, sondern eine Frage der Deutung und des Glaubens, genauer: eine Deutung der Wirklichkeit dieser Welt im Licht des Glaubens. Die Frage „Gibt es Engel – ja oder nein?“ ist im Grunde falsch gestellt, auch wenn viele Menschen so fragen.

Denn Engel „gibt“ es genauso wenig, wie es Gott „gibt“ als eine Art Gegenstand und Teil dieser Weltwirklichkeit – beide sind nicht empirisch erfassbar. Entscheidend sind vielmehr die Fragen:

„Glaubst du, dass es für dich Engel gibt? Glaubst du, dass Gott an deinem Leben Anteil nimmt, dich begleitet und beschützt?“

Gott wirkt und schützt durch seine Engel

Vor diesem Hintergrund sind ebenfalls die biblische Rede vom Schutzengel und der weit verbreitete Schutzengelglaube zu verstehen. Die Bibel spricht an verschiedenen Stellen von der Geborgenheit und dem Schutz, der Menschen durch Engel zuteilwird, doch den Begriff „Schutzengel“ verwendet sie nicht.

Ebenso wenig ermuntert sie dazu, zu ihm zu beten. Denn damit ist nicht eine individuelle Engelsgestalt gemeint, die jedem Menschen zur Seite gestellt ist, sondern die Begleitung Gottes auf dem persönlichen Lebensweg. Durch Schutzengel werden Gottes Zuwendung und Begleitung personalisiert und konkretisiert; sie erhalten gewissermaßen ein persönliches Gesicht.

Eben darin besteht die Attraktivität des Schutzengelglaubens. Seine problematische Kehrseite ist ein mögliches magisches Missverständnis: Der Schutzengelglaube ist keine Lebensversicherung, die garantiert, dass einem nichts zustoßen kann.

Vielmehr ist er Zuspruch, dass „keine Mächte und Gewalten“, wie Paulus es formuliert, dass weder Leiden noch Tod Menschen trennen können von der Liebe und Fürsorge Gottes. Einer Fürsorge, die über den Tod hinausreicht und neues Leben in seiner Geborgenheit verheißt.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden

Musik:

Ola Gjeilo – The Spheres

Ola Gjeilo – Sanctus

Ola Gjeilo – Ubi Caritas

Ola Gjeilo – Reflections


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Dieser Beitrag wurde am 23.10.2022 gesendet.


Über die Autorin Sabine Pemsel-Maier

Sabine Pemsel-Maier aus Freiburg ist Professorin an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Sie studierte katholischen Theologie, Philosophie, Pädagogik und Germanistik; Promotion in ökumenischer Theologie. Außerdem übte Sie verschiedenste Tätigkeiten in Schuldienst, Lehrerausbildung, Erwachsenenbildung und Wissenschaft aus. Ihre Schwerpunkte sind: Ökumenische Theologie, Genderfragen, Religionspädagogik, Themen im Schnittfeld von systematischer und religionspädagogischer Theologie.

Kontakt
pemsel-maier@ph-freiburg.de

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