Katholischer Gottesdienst

aus der Pfarrkirche St. Wolfgang in Regensburg

Predigt von Pfarrer Michael Fuchs

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn hier in der Regensburger Wolfgangskirche und über Radio und Internet,

haben Sie schon einmal in einer Straße einen Kindergarten gesucht? Sie wissen die Adresse nicht genau, aber irgendwo hier muss er doch sein! Woran erkennen Sie von weitem, dass es der Kindergarten ist? An den Fenstern. Kinder haben etwas gebastelt, Sterne im Advent oder Blumen im Frühjahr, und das hängen sie dann ins Fenster.

Meist ist es mit transparentem Papier gemacht, sodass die Kinder im Licht, das von außen kommt, die Sterne oder die Blumen leuchten sehen können. Die Kinder haben die transparenten Bilder selbst gemacht, und doch ist es die Sone, die alles erhellt und zum Leuchten bringt.

Was hat das mit dem heutigen Kirchweihfest zu tun? Viele unserer Kirchen haben auch schön gestaltete Fenster. Wenn man die Wolfgangskirche hier in Regensburg betritt, dann fällt einem über dem Altar eine riesige Rosette auf.

Sie ist in die Westwand der Kirche eingefügt, und wenn am Nachmittag die Sonne durch die neun Meter große Rosette scheint, dann leuchten 17.000 kleine Glasstücke in verschiedensten Farben zu einem großen Gemälde auf: In der Mitte das hellgelbe Kreuz, dann unzählige Gruppen von bunten Fenstern, umrahmt von zwölf Kreisen.

In meinem ersten Jahr hier als Pfarrer hat mir ein Mann erzählt: Er hat einen bestimmten Platz in der Bank als Lieblingsplatz. Warum, fragte ich ihn. Und er erklärte mir: Hier scheint zu einem bestimmten Zeitpunkt die Sonne durch bestimmte Farben mich an, während ich bete, und deswegen ist das für mich der schönste Platz der Kirche.

Ist das nicht herrlich? Und sagt es uns im übertragenen Sinn nicht einiges über das heutige Kirchweihfest und über die Gemeinschaft der Kirche?

Zum einen: Die Kirche ist im Wesentlichen schön durch das Licht, das von außen, von oben hineinscheint. Und das gilt nicht nur für die Gebäude. In der heutigen Lesung hören wir, dass uns Jesus Christus „aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat“.

Dieses Licht brauchen wir, wenn wir auf die Welt um uns herum schauen: auf den Krieg vor unserer Haustüre und die verzweifelten Menschen, oft Mütter ohne Männer, die mit ihren Kindern bei uns Hilfe suchen.

In Regensburg und Umgebung sind dreieinhalb tausend Menschen aus der Ukraine untergekommen - wieviel Leid und Finsternis steckt in jeder Seele. Und ich denke heute auch an die vielen Kinder, die in der Corona-Pandemie psychisch unter die Räder gekommen sind.

In diesen Wochen wird es vielen von uns finster, wenn sie an den bevorstehenden Winter denken. Haben wir genug Energie, Gas, Öl? Können wir uns das noch leisten? Wie ist es mit den Lebensmittel-Preisen? Wie sollen wir da durchkommen? 

Wie gut können wir da die Worte Salomos nachbeten, die wir in der heutigen Ersten Lesung gehört haben:

„Höre auf das Gebet, das dein Knecht an dieser Stätte verrichtet! Achte auf das Flehen deines Knechtes und deines Volkes Israel, wenn sie an dieser Stätte beten!“

Wir beten darum, dass uns Jesus aus der Finsternis in sein Licht beruft und dass er wie eine Sonne durch das Fenster scheint.

Die Kirchenfenster zeigen uns noch etwas anderes: Sie können verschmutzen. Dann sehen wir die Fenster selber, den Schmutz und Dreck. Und vor allem: Mit der Zeit würde es immer dunkler in der Kirche.

Wenn es in unserer Glaubensgemeinschaft, in der Pfarrei oder auch in größeren Einheiten zu sehr um uns geht, um unsere Macht, um unsere Bedeutung und Geltung, wenn es zu sehr „menschelt“ und wir das eigentliche Licht vergessen, dann kann es dunkel werden in unserer Kirche.

Das kritisiert Jesus bei den Händlern im Tempel scharf. Ihnen geht es um ihr eigenes Geschäft und um ihre Sache, nicht um das Haus des Vaters, nicht um das Gebet und um das Licht, das von außen und oben in den Tempel kommt.

Jesus will, dass Licht in unsere Kirche kommt, und das geht nur, indem wir uns von ihm reinigen und erneuern lassen. Nur so kann durch uns wie durch ein Fenster Licht in die Finsternis kommen.

Dass solche Reinigung weh tun kann, können wir bei der Tempelreinigung Jesu erahnen. Zu sehr stecken wir in unseren Gewohnheiten fest. Und zu sehr hat sich mancher Dreck schon tief in unsere Seele eingegraben.

Ich erlebe es immer wieder in der Beichte, wie Menschen nach vielen Jahren kommen und erleichtert sind, wenn sie neu anfangen können. Manchmal denke ich mir dann: Wieviel Licht ist in diesem Beichtstuhl!

Jesus will, dass Licht in unsere Kirche kommt. Das gilt auch für größere Zusammenhänge, wenn wir etwa an den Missbrauch oder an Spaltungen und Streit denken, von denen wir hören. Wie heißt es beim Gebet des Salomo am Schluss: „Höre und verzeih!“ Neuerung und Reinigung tut not - und Licht.

Denn wir haben aus der Zweiten Lesung einen großen Auftrag:

„die großen Taten dessen verkünden, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.“

Das ist keine Aufgabe nur für die geweihten Priester - die haben eine eigene besondere Aufgabe -, sondern für alle Getauften. Wir haben das Licht nicht nur für uns, sondern zum Weitergeben. Nur so werden wir aus Jüngern zu Aposteln, aus der versammelten Kirche zu einer apostolischen Kirche.

Papst Franziskus wird nicht müde, diesen Auftrag zu betonen: die Kirchentüren aufzumachen und hinauszugehen zu den Menschen, die dieses Licht brauchen, und sie einzuladen, gerade jene, die am weitesten weg sind und die in Finsternis sind.

Danken wir daher Gott am heutigen Kirchweihfest für sein Licht und seine Güte zu uns. Und bitten wir ihn um die Kraft, dieses Licht und diese Güte weiterzugeben, damit es heller wird auf dieser Welt und hell bleibt.

Amen.


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Dieser Beitrag wurde am 16.10.2022 gesendet.





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