Am Sonntagmorgen, 09.10.2022

Ulrich Nersinger, Eschweiler

Die verpasste Chance. Vor 60 Jahren begann das Zweite Vatikanische Konzil

Vor 60 Jahren begann das Zweite Vatikanische Konzil. Über drei Jahre saßen Bischöfe aus aller Welt immer wieder zusammen, stießen Reformen an und veränderten das Gesicht der Katholischen Kirche.

 

 

© Lothar Wolleh - Eigenes Werk CC BY-SA 3.0

Es ist nicht mehr allzu oft die Rede vom Zweiten Vatikanischen Konzil. Bedauerlicherweise. Denn die große, weltweite Versammlung hat in den vergangenen sechs Jahrzehnten das Leben der katholischen Kirche entscheidend, ja wegweisend geprägt.

Auf dem Konzil, das am 11. Oktober 1962 begann und 1965 endete, sollte die Kirche, salopp gesagt, „fit“ für die Zeit gemacht werden.

Die Versammlung verabschiedete 16 Dokumente. Wegweisend waren dabei die dogmatische Konstitution "Lumen gentium", die das Bild der Kirche als pilgerndes Volk Gottes betont, in dem jeder Einzelne Verantwortung trägt.

Die Konstitution über die Liturgie führte zu einer umfassenden Neuordnung der Feier der Gottesdienste. Es musste konnte nun in der jeweiligen Volkssprache gefeiert werden und nicht mehr nur auf Latein.

Weiterhin betonte das Konzil die Legitimität der wissenschaftlichen Erforschung der Bibel, die allgemeine Religionsfreiheit und den verstärkten Dialog mit Andersgläubigen.

All das waren Meilensteine in der Geschichte der Katholischen Kirche.

Neugestaltung in neuen Zeitumständen

„Wir halten die Zeit für reif, der katholischen Kirche und der Menschheitsfamilie die Möglichkeit eines neuen Ökumenischen Konzils zu schenken.“

Mit diesen Worten in der Apostolischen Konstitution „Humanae Salutis“ berief Papst Johannes XXIII. an Weihnachten 1961 das Zweite Vatikanische Konzil für das kommende Jahr ein.

Der Gedanke an die Einberufung eines Ökumenischen, d.h. hier eines neuen Konzils der gesamten katholischen Weltkirche, war durchaus nicht so neu und revolutionär, wie oft behauptet wird. Bereits der Vorgänger Johannes des XIII., Papst Pius XII., hatte eine derartige Kirchenversammlung angedacht.

Doch die Zeitumstände – der Kampf gegen menschenverachtende Diktaturen, der II. Weltkrieg, die Konsolidierung des Nachkriegseuropas und die schwache Gesundheit Pius’ XII. – vermochten die Überlegungen nicht Realität werden zu lassen.

Johannes XXIII. schien in seinem Pontifikat der Augenblick des Handelns gekommen zu sein. Der Papst bemerkte in seinem Einberufungsschreiben:

Das Konzil tritt zu einer Zeit zusammen, in der die Kirche danach verlangt, durch ein vertieftes Studium ihren Glauben neu zu stärken. Ebenso spürt sie immer drängender die Verpflichtung, nicht nur ihre heilbringende Lebenskraft wirksamer zu gestalten, sondern auch die Anpassung ihrer sonstigen Einrichtungen voranzutreiben. Das Konzil wird die Mutter Kirche in ihrer immerwährenden Lebenskraft und Jugend zeigen; eine Kirche, die sich selbst im Ablauf der Jahrhunderte immer neu gestaltet, während sie zugleich sich selbst und jenem erhabenen Bilde treu bleibt, das ihr göttlicher Bräutigam Jesus Christus, der sie liebt und schützt, ihrem Antlitz eingeprägt hat.“

Eine Bombe?

Für den 11. Oktober 1962 war die feierliche Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils im Petersdom in Rom anberaumt. Knapp einen Monat zuvor sah man sich dort mit einem beunruhigenden Vorfall konfrontiert.

Am Morgen des 22. September bemerkte ein Besucher des Gotteshauses ein verdächtiges Objekt. In der Sakramentskapelle, nahe bei den Tribünen der Konzilsaula, entdeckte er eine Glasflasche. Sie war mit einer unbekannten Flüssigkeit gefüllt. Aus dem Hals der Flasche ragte eine zwölf Zentimeter lange Zündschnur heraus.

Päpstliche Gendarmen sperrten die Kirche und unterzogen sie einer gründlichen Durchsuchung. Man wurde fündig. Beim Zugang, der in die Grotten der Basilika führte, stieß ein Gendarm auf einen zweiten Brandsatz. Dann aber konnte Entwarnung gegeben werden. Weitere verdächtige Gegenstände wurden nicht gefunden.

Dennoch ließ sich im Vatikan eine gewisse Nervosität nicht verleugnen. Die Frage kam auf: Gab es Gruppierungen, die das Vorhaben kritisch sahen oder sabotieren wollten? Erst der Papst konnte zur Beruhigung beitragen. Demonstrativ erschien Johannes XXIII. am folgenden Tag in der Basilika.

Der Fund in Sankt Peter und die Reaktion des Papstes machten klar, dass die Kirche nicht in einer vollkommenen und heilen Welt existierte, aber es auch keinen Grund gab, sich in der Gegenwart und vor der Zukunft abzuschotten, oder gar zu kapitulieren.

Übertragung in Kinosäälen

Das kommende Konzil sollte sich der Welt im Reichtum und in der Schönheit seiner Tradition zeigen, aber sich eben auch dem Neuem gegenüber aufgeschlossen erweisen. Bedenken dürften Hoffnungen nicht lähmen, hatte der Papst betont.

Zeichenhaft war der Tag der Eröffnung der Kirchenversammlung, die in der Zahl ihrer Teilnehmer keine historische Entsprechung besaß. Die Morgenstunden empfingen die Konzilsväter mit einem wolkenverhangenen Himmel.

Doch als sich die 2540 Konzilsväter aus aller Herren Länder aufmachten, über den Petersplatz in die Vatikanische Basilika einzuziehen, brach die Sonne hervor.

Den Film- und Fernsehkameras wurde ein eindrucksvolles Schauspiel geboten. Ihre Objektive fingen die nicht enden wollende Schar der Mitraträger ein. Dann erschien unter den Klängen der Papsthymne Johannes XXIII. – hoch auf der Sedia Gestatoria, dem goldverziehrten Tragsessel, sitzend, umgeben von den höchsten geistlichen und weltlichen Würdenträgern seines Hofstaates.

In den 1960er Jahren sind in den Kinosälen noch Vorprogramme, die Wochenschauen, üblich. Sie werden gegen Ende des Monats den Zuschauern die Bilder von dem Großereignis in Rom präsentieren. Die Kinovorführer registrierten in diesen Tagen ehrfurchtsvolles Staunen und begeisterte Ausrufe, aber vereinzelt auch schon ein lautes, manchmal hämisches Lachen und kritische Bemerkungen.

Eröffnungsrede in Latein

Die 68-ziger warfen ihre Schatten voraus. Die vor und in der Basilika postierten päpstlichen Garden, die Geheimen Kammerherren in spanischer Hoftracht, die den Tragstuhl umgeben, und die Fürstlichen Thronassistenten aus den Häusern Colonna und Torlonia, die den Pontifex zu seinem Thron geleiten, sollten schon bald in die Kritik kommen.

So wie auch die Zeremonien und Riten der feierlichen Papstliturgien. Die Rede zur Eröffnung des Konzils hielt Johannes XXIII. in der offiziellen Sprache der Kirche, Latein, - und vor allem voller Hoffnung:

„Es jubelt die Mutter Kirche, weil durch die besondere Gnade der göttlichen Vorsehung dieser Tag herangebrochen ist. Erleuchtet vom Licht des Konzils, wird die Kirche an geistlichen Gütern zunehmen und, mit neuen Kräften von daher gestärkt, unerschrocken in die Zukunft schauen“.

Ein Blick in die Konzilsaula, die nun ihre Arbeit aufnimmt, offenbart das Zusammenwirken von Altem und Neuem. Die Väter des II. Vaticanums diskutieren freimütig über die Probleme der Moderne, auf Latein in der Sprache Ciceros und des heiligen Thomas von Aquin.

Über die Dokumente des Konzils stimmen sie mit den neuesten technischen Geräten ab, doch wiederum in der Weltsprache der Antike: mit „placet – es gefällt“, „placet iuxta modum – es gefällt unter Vorbehalt“ und „non placet – es gefällt nicht“. In der reinen Männerwelt einer weltweiten Kirchenversammlung ist erstmals auch das weibliche Geschlecht vertreten, als „Beobachterinnen“ und „Hörerinnen“.

Ein galanter Konzilsvater heißt sie in seiner Rede als „pulcherrimae auditrices“ willkommen – „als wunderschöne Hörerinnen“, was einen der Bischöfe zu dem Zwischenruf „iuxta modum“ verleitet – „unter Vorbehalt“.

Streitgespräche und scharfe Worte

Von Anfang an sind unter den Teilnehmern des II. Vaticanums Spannungen auszumachen, hautnah zu spüren, es kommt zu heftigen, mit Zorn geführten Streitgesprächen; scharfe Worte und bisweilen auch Beleidigungen durchschneiden die Luft der Aula. Aber das ist kein Novum. Es geht bei diesem Konzil sogar zivilisierter zu als bei jenen der Vergangenheit.

Den Part der "Reformer" übernahmen vorwiegend die Westeuropäer: die Franzosen, Belgier, Niederländer, vor allen aber die Deutschen. Ihre theologischen Ideen zogen die Konzilsmehrheit mit. 

Als prägende Gestalten sind hier vor allem der Kölner Kardinal Josef Frings und sein Berater, der junge Professor Joseph Ratzinger zu nennen. Dazu die Kardinäle Döpfner und Bea sowie die Dogmatiker Hans Küng und Karl Rahner.

Das Zweite Vatikanische Konzil war als ein Pastoralkonzil angedacht – und wurde diesem Anliegen mehr als gerecht. In ihren Dokumenten entwarf es ein von der Gesamtheit der Theologie durchdrungenes seelsorgerliches Konzept für die Kirche von Heute und Morgen, fußend auf ihrer fast zweitausend Jahre währenden Geschichte und Tradition.

Das Konzil war in einer faszinierenden Kraftanstrengung bemüht gewesen, dem Menschen in seiner Lebenswelt den Weg und das Bekenntnis zu seinem Glauben aufzuzeigen.

Und dies ohne das „anathema sit“, den ausgesprochenen Kirchenbann vergangener Zeiten, also ohne beängstigende Drohungen für ein Fehlverhalten, vor dem kein Christ, mochte er noch so gläubig sein, gefeit war.

Papstwechsel während des Konzils

Der Papst und die Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils wollten vor allem die Freude an der christlichen Botschaft vermitteln, die den Menschen Trost und Hoffnung gab, ja den positiven Sinn ihres Lebens darlegte.

Johannes XXIII. starb während des Konzils. Sein Nachfolger, Papst Paul VI., setzte es mit großem Engagement fort. Er sah das Konzil auch als Dialog in der Ökumene, mit Nichtchristen und Nichtgläubigen, als Angebot an die Welt an. In seiner Ansprache zum Abschluss des Konzils sagte Paul VI.:

„Für die katholische Kirche ist niemand fremd, niemand ausgeschlossen, niemand fern. Diesen Unseren universellen Gruß richten Wir an Euch: Menschen, die Ihr Uns nicht kennt, Menschen, die Ihr Uns nicht versteht, Menschen, die Ihr Uns nicht für Euch notwendig und freundlich glaubt, und auch an Euch Menschen, die ihr Uns anfeindet, ein aufrichtiger Gruß, voll von Hoffnung und, heute glaubt es, voller Wertschätzung und Liebe!“

„Tolle et lege“ „Nimm und lies“

Sechs Jahrzehnte nach dem Zusammentreten des Zweiten Vatikanischen Konzils macht sich Desillusion breit. Das Konzil wird von unterschiedlichen Seiten kritisiert.

Die einen sehen in ihm eine Anpassung, eine fatale Übernahme des Zeitgeistes, ja sogar einen Glaubensabfall; für andere ist das Konzil inzwischen schon wieder längst überholt und ein Hemmnis für die Zukunft, im günstigsten Fall wird ein nebulöser „Geist des Konzils“ beschworen. Selbst die Forderung nach einem III. Vaticanum wird laut.

Wer in das Stimmenwirrwarr um das Konzil aufmerksam hineinhört, dem erschließt sich eine bittere Erkenntnis: Kaum jemand der Diskutanten kennt die Konstitutionen, Dekrete und Erklärungen der Kirchenversammlung, kaum jemand hat in ihnen geblättert.

Die Worte „tolle et lege“ hörte einst der Kirchenvater Augustinus (354-430) als Aufforderung, in der Bibel zu lesen, sie zu konsultieren. „Nimm und lies“ sollte auch das Maß für das Verständnis des Zweiten Vatikanischen Konzils sein. Ohne die Lektüre der Texte bleibt das Konzil jedermann und jederfrau verschlossen, ist jede Diskussion zu der Kirchenversammlung sinnlos.

Ohne „tolle et lege“ bleibt uns ein Schatz verschlossen, dessen Erwerb für den jetzigen und künftigen Weg der Kirche von großem, existentiellem Nutzen wäre.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden

Musik:

Ennio Morricone – River

Ennio Morricone – On Earth As It Is In Heaven

Ennio Morricone – Carlotta

Ennio Morricone – On Earth As It Is In Heaven

Ennio Morricone – Penance

Ennio Morricone – Remorse


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Dieser Beitrag wurde am 09.10.2022 gesendet.


Über den Autor Ulrich Nersinger

Ulrich Nersinger, geb. 1957, studierte Theologie, Philosophie und Christliche Archäologie in Deutschland, Österreich und Rom. Er gilt als Kenner der Päpste und ihrer Welt / des Vatikans,  schreibt u.a. für den „Osservatore Romano“, den „Schweizergardisten“ sowie das „Vatican-Magazin“ und war auf EWTN und Bibel.TV in zahlreichen Sendungen zu römischen Themen zu sehen. Kontakt: u.nersinger@gmail.com

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