Gottesdienst am 27. Sonntag im Jahreskreis

aus der Kirche St. Peter und Paul in Barleben

Predigt von Pfarrer Willi Kraning

Liebe Mitchristen! 

„Der Globus quietscht und eiert“,

so fing ein Lied in meiner Jugendzeit an. Einiges ist aus dem Lot, z.B.: Der Sommer war zu trocken. Die Klimakatastrophe macht sich bemerkbar. Die Friedenspolitik in Europa ist gescheitert. Auch in den persönlichen Beziehungen zeigen die steigenden Zahlen der Ehescheidungen, wie schwierig das Leben werden kann.

Wird alles Schlimmer oder setzt sich das Gute durch? Es gibt Leute, die sehen auch nach guten Erlebnissen schwarz. Sie sind traurig, dass die schöne Sache ein Ende hat, dabei könnten sie gestärkt in den Alltag gehen. Wir kennen das Sprichwort: Schöne Tage – weine nicht, dass sie vorüber, sondern freue dich, dass sie gewesen sind.

1) Wie sehe ich das Leben an? Misstrauisch oder hoffnungsvoll? Geht alles gut? Überrollt uns die Klimakatastrophe? Wächst die soziale Ungerechtigkeit? Kommen wir trotz Energiekrise warm durch den Winter? Haben unsere Kinder eine gute Lebensgrundlage?

Hinter jeder Frage eine Sorge. Gehe ich der Zukunft mit Vertrauen oder mit Misstrauen entgegen? Das Evangelium des heutigen Sonntags sucht hier eine Antwort.

Die Frauen und Männer in der Begleitung des Wanderpredigers aus Nazareth hatten mehr Fragen als Antworten, mehr Zukunftsängste als Vertrauen.

„Stärke unseren Glauben!“,

ist ihre Bitte an diesen Jesus. Ich bin mit den Fragenden verwandt. Meine Zweifel sind oft ballongroß und mein Vertrauen ist klein wie ein Senfkorn. Das Evangelium ruft uns Zweifelnde an: Habt ihr denn keinen Glauben? Nach dem Wort Jesu gilt: Auch wenn er nur so groß wie ein Senfkorn wäre, wir könnten Berge versetzen.

2) Wir sind eingeladen zum Fest des Glaubens. Wir sind eingeladen zum Fest des Lebens. Am Ende steht nicht die Katastrophe, am Ende steht der Durchbruch ins Licht.

Glaube ist der Vogel, der singt, wenn die Nacht noch dunkel ist. Vögel singen in einer Welt, obwohl sie krank, lieblos und ungerecht ist. Vielleicht haben sie Recht. Für den, der glaubt, gibt es mehr Gründe für die Zuversicht als für die Verzweiflung. Jesus nannte seinen Gott „Abba“, Vater – eigentlich müssten wir übersetzen lieber Papa, zärtlich liebender Vater. Das war die Kraftquelle seines Lebens.

Die Mitte der Wirklichkeit ist Gottes Liebe. Das versuche ich zu glauben. Mein Leben ist getragen und Gott sorgt sich um mein Glück. Er könnte zu mir sprechen: Ich nehme Dir nicht das, was in Deinem Leben schwer ist, ich trage Dich weiter, ich führe Dich hindurch.

3) Diese Verheißung trägt unsere sündige Kirche durch die Welt: Jeder Mensch ist eingeladen zu einer Lebensfülle, die unser Können und Begreifen weit übersteigt.

Diesen Schatz bietet die Kirche uns an, trotz ihrer oft so schmutzigen Hände und mit ihren schmutzigen Händen. Es gilt, diesen Schatz zu heben (und die traditionellen Gewohnheiten unserer Kirche so zu verändern, dass die Geschenke Gottes, die sie zu den Menschen trägt, wieder erfahrbar werden

Das Leben ist mehr als Rackern und Sorgen. Wir sind schwanger mit der Verheißung, alles vollendet sich im Guten. Die heilenden Kräfte sind stärker als alle zerstörerischen Mächte, als alle Krankheitskeime.

An seine Gemeinde in Rom und an uns schreibt Paulus:

„Ich bin überzeugt, was wir in der gegenwärtigen Zeit noch leiden müssen, fällt überhaupt nicht ins Gewicht im Vergleich zu der Herrlichkeit, die Gott uns zugedacht hat und die er in der Zukunft offenbar machen wird.“

4.) Das ist nicht gegen unseren Verstand, wohl aber über unseren Verstand hinaus. Sie kennen die Parabel vom modernen Menschen: Ein moderner Mensch verirrte sich in der Wüste. Tage und Nächte irrte er umher. Der Durst war schlimm. Da sah er in einiger Entfernung eine Oase.

Er hörte schon das Wasser rauschen. Das ist das Ende, dachte er. Eine Fata Morgana, Hirngespinste! Anstatt in die Oase hineinzugehen, wandte er sich ab. Er starb. Am anderen Morgen fanden ihn zwei Beduinen.

„Kannst Du das verstehen? So nahe an einem Brunnen ist er verdurstet! Wie ist das nur möglich?“

Der andere antwortet:

„Er war halt ein moderner Mensch.“

Wir haben Durst wie dieser Mensch. Eingeladen zum Fest des Lebens darf ich die Oase finden. Hätte ich doch nur einen Glauben, so groß wie ein Senfkorn!

5.) Täglich stehen wir auf. Einmal stehen wir auf durch eine Katastrophe hindurch – wir nennen sie Tod – in den Tag hinein, der keinen Abend mehr kennt, weil die Sonne der Liebe nicht untergeht.

Dafür steht Jesus, der Christus, mit seinem Tod und seiner neuen Lebendigkeit, der Auferstehung. Das Christentum vermittelt eine Lebenshoffnung, die wir nicht selbst produziert haben. Wer hofft, ist sich selbst immer ein paar Schritte voraus.

Menschen, die hoffen, sehen weiter.

Menschen, die lieben, sehen tiefer

Menschen, die glauben, sehen alles in einem anderen Licht.

Mein senfkornkleiner Glaube und mein ballongroßer Zweifel müssen sich die Frage gefallen lassen: Warum bin ich so kleingläubig?

Sie, ich, wir alle bleiben eingeladen zum Fest des Glaubens.

Amen.


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Dieser Beitrag wurde am 02.10.2022 gesendet.





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