Am Sonntagmorgen, 25.09.2022

Angelika Daiker, Stuttgart

„Du krönst das Jahr mit deinem Segen.“ Wachwerden für Gottes Schöpfung

Jedes Jahr gibt es Erdüberlastungstage: Sie markieren den Zeitpunkt, an dem die Menschheit an einem Ort oder auf der ganzen Welt mehr Ressourcen verbraucht hat, als innerhalb eines Jahres reproduziert werden könnten. Diese Tage sind auch als Warnung gemeint, ein Wachrütteln für mehr Umweltschutz – und damit Schutz der Schöpfung Gottes.

© Akil Mazumder / Pexels

Ein heißer und trockener Sommer liegt hinter uns. Wochenlang schauten wir sorgenvoll auf die ausgetrockneten Bäche und Flüsse. Wasser wurde knapp und kostbar. Und wir wissen, dass dies kein Ausnahmesommer war, sondern der erschreckende Hinweis auf eine Klimaveränderung, die wir schon lange befürchten.

Bei aller Sorge denke ich aber auch an milde Sommerabende, an denen ich mit Freunden bei einem erfrischenden Rosé oder einem Aperol saß. Momente großer Dankbarkeit über die Schönheit und die Fülle des Lebens. 

Von der Gartenernte der Freunde habe ich in diesem Jahr besonders profitiert. Ich habe noch nie so viele Tomaten und Zwetschgen aus eigenen Gärten geschenkt bekommen.

Der Sommer – ein Mysterium

Der Sommer hat uns wunderbare Augenblicke geschenkt, in denen wir über unsere Sorgen hinausschauen konnten und eine Ahnung bekamen von unendlichen Welten, in denen uns das Geheimnis des Lebens aufscheint – ein Mysterium wie es die Dichterin Rose Ausländer beschreibt.

Mysterium

Die Seele der Dinge
lässt mich ahnen
die Eigenheiten
unendlicher Welten

Beklommen
such ich das Antlitz
eines jeden Dinges
und finde in jedem
ein Mysterium
Geheimnisse reden zu mir
eine lebendige Sprache

Ich höre das Herz des Himmels
pochen in meinem Herzen.

(Rose Ausländer)

Wie wunderbar wäre es, das Herz des Himmels im eigenen Herzen pochen zu hören, in Resonanz gehen zu können mit dem Geheimnis unendlicher Welten, wie es Rose Ausländer beschreibt – nicht analytisch, sondern poetisch.

Hörst Du den Herzschlag?

Für den Komponisten Helge Burggrabe war der letzte Vers dieses Gedichts Inspiration für ein Lied, das uns einlädt:

„Höre den Herzschlag des Himmels klingen in deinem Herzen.
Spüre den Herzschlag der Erde pochen in deinem Sein.“

Dankbar für den Herzschlag der Erde und für die reiche Ernte feiern gläubige Menschen in diesen Tagen Erntedankgottesdienste, und freuen sich über die Pracht eines üppigen Erntealtars. Sie wissen, dass die Erntefülle bei aller Gärtnerarbeit letztlich unverfügbar ist.

„Du krönst das Jahr mit deinem Segen.“

So sagt es der Psalm 65 in der Bibel. Gott setzt dem Jahr die Krone auf.

Die Ernte ist ein Geschenk Gottes, sagen Menschen – wenn sie an Gott glauben. Der Psalmist betet:

„Du hast für das Land gesorgt, es getränkt, es überschüttet mit Reichtum. Der Bach Gottes ist voller Wasser, gedeihen lässt du ihnen das Korn, so lässt du das Land gedeihen.“

(Ps 65, 10)

Dieser Psalmvers geht gerade nicht so leicht über die Lippen. Nein, der Bach Gottes ist in diesem Jahr nicht voller Wasser. Und an manchen Stellen ist er so verseucht, dass Fische sterben müssen. Als ob die Schöpfung um Atem ringen müsste.

Erdüberlastung: So steht es um den Planeten

Die Erde ist erschöpft! Wir haben sie zu lange ausgebeutet, so dass sie sich nur schwer erholen kann. Wir nennen das „Erdüberlastung“. Jedes Jahr errechnet das „Global Footprint Network“ die ökologischen Grenzen des Planeten und gab bereits am 28. Juli 2022 an, dass die Grenze der „Erdüberlastung“ schon erreicht sei.

Berechnet wird die Erdüberlastung aus zwei Größen: Aus der Kapazität, die die Erde zur Erneuerung von Ressourcen hat und aus dem Bedarf an Wäldern und Flächen, an Wassern und Acker, den die Menschheit verbraucht.

Am 28. Juli hatte die Weltbevölkerung für dieses Jahr die zur Verfügung stehenden Ressourcen aufgebraucht. Wir leben also mit unserem Verbrauch schon seit zwei Monaten weit über die Möglichkeiten, die uns die Erde mit ihrer Regenerationskraft bietet. 1962 waren am Ende des Jahres noch Ressourcen übrig.

Jedoch bereits seit dem Jahr 1970 ist eine Welt nicht mehr genug, um den Bedarf der Menschheit zu decken. Heute bräuchte es 1,75 Erden, um den Ressourcenverbrauch weltweit zu decken.

Gottes Schöpfung

Die Sensibilität für die gefährdete Natur ist heute groß, vor allem unter jungen Menschen. Sie sind die Leidtragenden einer Entwicklung, deren Ende wir noch nicht absehen.

Die wachsame und engagierte Sorge um den Planeten Erde ist zu einer internationalen Bewegung geworden. Sie spricht jedoch nicht oder nur selten von Schöpfung oder gar von „Gottes Schöpfung“

Von Gott als dem Schöpfer zu sprechen, ist für viele naturwissenschaftlich denkende Menschen schwierig. Theologische Schöpfungsaussagen und das Wissen von der Evolution sind für sie nicht vereinbar – insbesondere in einer Zeit, in der die Kirche als Hüterin des Schöpfungsglaubens für die Menschen ihre Glaubwürdigkeit verloren hat.

Noch immer steckt in vielen Menschen die Vorstellung, man müsste die Schöpfungserzählung der Bibel „wortwörtlich“ nehmen, als ob die Erschaffung der Erde in 7 Tagen geschehen sei.

Heutige Theologie macht jedoch deutlich, dass wir der Natur zuliebe neu über den Schöpfungsbericht nachdenken müssen, der keine biologische oder wissenschaftliche Rekonstruktion von Vergangenem ist. 

Hier wird vielmehr in poetischer Form etwas über die Beziehung Gottes zur Welt, zum Menschen ausgesagt. Die biblische Schöpfungserzählung ist getragen von der Grundeinstellung, dass alles sich einem Schöpfer verdankt und nichts aus sich selbst existiert. Es geht um ein Bekenntnis zu Gott als dem Schöpfer der Welt, der in allem zu finden ist!

Wie es sein könnte

Schöpfungstexte sind, so formuliert es heutige Schöpfungstheologie, daher auch Hoffnungsgedichte, Sehnsuchtsbilder und Protestgesänge angesichts einer unerträglichen Gegenwart. Den herrschenden Verhältnissen setzen sie visionäre Utopien, Neuanfänge, entgegen. Sie sprechen davon, wie es sein könnte.

 „Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde. Die Erde war wüst und wirr und Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser.“

(Gen 1,1)

Dieser Text, der ganz am Anfang des Ersten Testaments steht, ist erst sehr spät in der Geschichte des Volkes Israel entstanden. Aufgeschrieben wurde diese großartige, anrührende Entfaltung der Weltwerdung in einer Zeit, in der es den Israeliten sehr schlecht ging.

Sie hatten zu diesem Zeitpunkt die Zerstörung des Tempels und die Deportation ihrer politischen und wirtschaftlichen Elite nach Babylon erlebt. Damit war für sie alles in Frage gestellt, auch ihre religiöse Identität.

Ihrer Verzweiflung setzten die Israeliten das Vertrauen in einen neuen Anfang entgegen: „Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde“ – Gott setzt einen Anfang. Mitten im Tohuwabohu des Exils, mitten in der Verzweiflung der Heimatlosigkeit, mitten in der großen Glaubenskrise leuchtete dem Volk Israel das Geheimnis des Anfangs auf. Die ersten Seiten der Bibel bezeugen den Glauben an Gott als Ursprung und Ziel von allem.

In den Katastrophen des Lebens lädt der Schöpfungsbericht ein, auch dort, wo wir sie nicht erkennen können, einer guten Ordnung zu vertrauen, die in der Natur verlässlich erfahrbar ist.

„Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht. Gott sah, dass das Licht gut war. Und Gott schied das Licht von der Finsternis.“

Der Schöpfergott setzt die Anfänge

Die Aussagen über Gott als den Schöpfer sind eine anrührende Poesie der Vergewisserung, dass Gott, den das Volk Israel schon lange als verlässlichen Gott erfahren hatte, auch jetzt mit ihnen auf dem Weg ist und Licht in ihre Dunkelheit bringt.

Gott setzt immer wieder einen Anfang. Das war die Erfahrung der Israeliten in ihrer schlimmsten Zeit. Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat wird sein Volk nie im Stich lassen.

Zentral war in dieser Zeit des Exils das Festhalten an jene Glaubenserfahrung, die bis heute für alle Juden das Zentrum ihres Glaubens ist: Die Befreiung aus der Knechtschaft der Ägypter, der große Exodus, in dem Gott als Retter erfahrbar wurde. Die Schöpfungserzählung ist ohne diese große Befreiung nicht denkbar.

Es ist faszinierend, wie die Israeliten in der größten Not des demütigenden Exils nicht gottlos wurden, sondern besonders wach und hellhörig für Gottes Anwesenheit. Gottes Nähe erlebten sie vor allem in der Schöpfung: in der Sonne, die jeden Tag verlässlich aufging, im Mond, der ihnen in der Nacht leuchtete, in all den Tieren und Pflanzen des Feldes. 

„Die Welt ist Gottes so voll“,

das haben die Israeliten am Tiefpunkt ihrer Geschichte erfahren. Diese Erfahrung beschreibt auch der Theologe Alfred Delp 1944 im Gefängnis, wenige Monate vor seiner Hinrichtung durch die Nazis:

„Das Eine ist mir so klar spürbar wie selten: Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen. Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und in den bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen. Das gilt… für alles Schöne und auch für das Elend. In allem will Gott Begegnung feiern und fragen und will die anbetende hingebende Antwort.“

Aufwachen für Gottes Schöpfung

Was uns auf dieser Erde begegnet, Chaos und Ordnung, Elend und Schönheit will durchlebt und durchlitten werden bis an den tiefsten Brunnenpunkt der göttlichen Gegenwart und verlangt nach unserer anbetenden Antwort. Nichts ist so geeignet von der Größe Gottes zu erzählen wie ein Gesang, der die Schöpfung jubelnd besingt. 

Denn:

„Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Feste verkündiget seiner Hände Werk.“

Im Lobpreis der Musik können wir neu „Wachwerden für Gottes Schöpfung“. Vielleicht werden wir für die Rettung der Umwelt erst tauglich, wenn wir wieder lernen, die Welt als Gottes Schöpfung zu sehen und ihr in Dankbarkeit und im Jubel zu begegnen.

Es macht Hoffnung, dass vor wenigen Wochen der Ökumenische Rat der Kirchen in Karlsruhe ein Zeichen des Aufbruchs und der persönlichen Verantwortung für die Schöpfung gesetzt hat.

Der Ökumenische Rat der Kirchen ist die umfassendste Zusammenkunft von Christinnen und Christen weltweit und vertritt aus 350 Kirchen etwa 580 Millionen Mitglieder auf allen Kontinenten der Erde.

Im Rahmen dieser Vollversammlung feierte die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Deutschland den international begangenen Ökumenischen Tag der Schöpfung. Grundlage war eine in der Charta Oecumenica formulierte Selbstverpflichtung:

Wir verpflichten uns, einen Lebensstil weiter zu entwickeln, bei dem wir gegen die Herrschaft von ökonomischen Zwängen und von Konsumzwängen auf verantwortbare und nachhaltige Lebensqualität Wert legen.“

Diese Charta eröffnet einen weiten Horizont, in dem die Schöpfung mit ihrem „Schrei nach Gerechtigkeit“ (Georg Steins) ernstgenommen wird und die Schöpfungserzählung als eine Verheißung gehört werden kann, dass Gottes Welt, eine gerechte Welt, sich durchsetzen wird, wenn wir das große Lied, das die Schöpfung zur Ehre Gottes und des Menschen singt, wieder hören können.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.

Musik:

Helge Burggrabe – Höre den Herzschlag

Christoph Haas / Banda Maracatú - Kalimba Song

Heinrich Schütz, SWV 386, „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 25.09.2022 gesendet.


Über die Autorin Angelika Daiker

Dr. Angelika Daiker. geb. 14.03 1955, studierte in Tübingen, München und Wien. Sie promovierte in Wien bei Prof. Dr. Michael Zulehner. Die gekürzte und überarbeitete Fassung ihrer Dissertation erschien 1999 unter dem Titel „Über Grenzen geführt – Leben und Spiritualität der Kleinen Schwester Magdeleine“ im Schwabenverlag. Daiker ist Pastoralreferentin und leitete von 2007- 2017 das Hospiz St. Martin in Stuttgart, das sie konzeptionell aufgebaut hat. Als Autorin, als Trauerbegleiterin und als Dozentin für Sacred Dance wird sie zu Vorträgen und Seminaren im Bereich Trauer- und Sterbebegleitung, zu Themen der Spiritualität und zu Tanzseminaren eingeladen. Neueste Veröffentlichung:
Hülle und Fülle - Palliative Spritualität in der Hospizarbeit,
Angelika Daiker / Barbara Hummler - Antoni,
Patmosverlag September 2018

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche