Morgenandacht, 23.09.2022

Schwester Gabriela Hesse, Kloster Marienstern

Wie sehe ich aus?

„Wie sehe ich aus?“

Frauen können diese Frage in einer einmaligen Weise stellen. Kokettierend, humorvoll, aber auch ganz ehrlich. Ich als Ordensfrau frage das auch manchmal. Dann möchte ich aber auch eine ehrliche Antwort hören!

Von einer Freundin bekam ich ein kleines Buch geschenkt mit eben diesem Titel: „Wie sehe ich aus?“, - aber mit dem Zusatz: „fragte Gott“.

Es ist ein Kinderbuch des 1946 geborenen syrisch-deutschen Schriftstellers und Chemikers Rafik Schami. Dieser Mann kam 1971 nach Deutschland und schrieb seit 1977 ausschließlich in Deutsch.

Diese Sprache musste er mühsam erlernen. Umso mehr erstaunt und fasziniert es mich, wie poetisch und einfühlsam er seine Gedanken aufschreibt. Gott wollte also eines Tages wissen, wie seine Geschöpfe ihn sehen.

„Und so kam Gott auf die Erde, unsichtbar wie ein Gedanke und neugierig wie ein Kind“,

heißt es in dem Buch.

„Wie sieht Gott aus?“, fragte Gott eine Schildkröte.

„Er ist die Ewigkeit, sein Anfang und sein Ende sind unsichtbar. Aber ich bin sicher, er besteht aus Güte. Das Böse kann mächtig sein, aber es bewirkt mit seiner Macht nur Zerstörung und die ist der Feind der Dauerhaftigkeit“, antwortete die Schildkröte mühselig, langsam. Siebenhundertsiebenundsiebzig Jahre brauchte sie für diese Worte. Für Gott, den Ewigen, war das weniger als ein Wimpernschlag.

„Wie sieht Gott aus?“, fragte Gott einen Distelfink. „Ach Gott? Ich glaube, er ist der beste Gesprächspartner der Welt. Er hört immer zu, wenn Menschen, Wale, Vögel, ja sogar dieser Kieselstein, der sich geräuschvoll im Bach badet, zu ihm sprechen. Es sind seine Ohren, die aus mir die schönsten Melodien herauslocken. Und wie alle, die gut zuhören, lacht Gott gerne, ja, ich bin sicher, auch er braucht das Lachen, um sein Werk zu vollenden.“

Ich finde diese Antworten einfach herrlich! Sie sprechen mir so aus dem Herzen!
Nun aber weiter:

„Gott dachte nach. Zum Schluss, bevor er die Erde wieder verließ, wollte er noch die Krönung seiner Schöpfung befragen. Er näherte sich einer kleinen Stadt. Dort besuchte einen sehr bekannten Meister in seinem Atelier. „Wie sieht Gott aus?“, fragte er den Maler. Der lächelte, schaute sich in einem großen Spiegel an und malte. Immer wieder betrachtete er sein Spiegelbild und malte emsig und mit geschickter Hand und leuchtenden Farben ein großes Bild von sich, samt Gewand und weißem Bart. Er prüfte das Gemälde und lächelte zufrieden. „Das ist Gott“, sagte er stolz.

Gott schüttelte nur den Kopf. Leise verließ er die Erde, und Zweifel nagten an ihm, ob er beim Menschen nicht irgendetwas falsch gemacht hatte.

Wie bin ich froh, dass ich nie glaubte, Gott sei ein alter Mann mit weißem Bart. Gott ist für mich ein lebendiges Feuer, der mich mit Liebe, Vertrauen, Träumen und Hoffnung erfüllt.

Er ist das Leben selbst. Das durfte ich in den sechs Jahrzehnten meines Lebens erfahren: Angefangen mit einer glücklichen Kindheit in einem katholischen Elternhaus.

Mit einer tollen und mich erfüllenden Ausbildung zur Krankenschwester.
Und dann mit dem Ruf Gottes, in ein Kloster einzutreten. Für mich ist das nach wie vor die spannendste Liebesgeschichte zwischen Gott und mir. Tag für Tag.

Und wie sieht Gott für Sie aus?

Quelle: Rafik Schami „Wie sehe ich aus?“, fragte Gott, edition chrismon 4.Auflage 2020


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 23.09.2022 gesendet.


Über die Autorin Schwester M. Gabriela Hesse

*geboren 1960 in Premnitz /Havel *10 Jahre POS (Polytechnische Oberschule) *Ausbildung zur Krankenschwester im St.   Hedwigs-Krankenhaus in Berlin *1981 Eintritt in die Zisterzienserinnen-Abtei St. Marienstern in Sachsen *26 Jahre als Cellerarin zuständig für die klösterliche Verwaltung *seit 2005 Priorin *2018 Wahl zur Äbtissin von St. Marienstern Kontakt: aebtissin@marienstern.de 

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche