Morgenandacht, 22.09.2022

Schwester Gabriela Hesse, Kloster Marienstern

Zeit tot schlagen

Zu uns ins Kloster kommen immer wieder Gruppen von Jugendlichen, die sich auf ihre Firmung oder Konfirmation vorbereiten. Sie wollen dann unbedingt ein Gespräch mit einer Ordensschwester führen.

Bei solchen Gesprächen lege ich mich so richtig ins Zeug, aber oft gestaltet sich der Beginn zäh und schleppend, dann ermutige ich die Jugendlichen immer, mich ruhig auszuquetschen und ohne Scheu zu fragen.

Meist entwickelt sich dann tatsächlich ein Gespräch, das für mich und die Jugendlichen sehr spannend ist. Sie überlegen sich ihre Fragen und Gedanken sehr genau.

Ein solches Gespräch ist mir noch in deutlicher Erinnerung. Dabei fiel mir ein Junge besonders auf, schon durch seine irgendwie aufreizend wirkende Frisur, seine Bewegungen, seine Sprache. Und eben seine Fragen.

Ich brauchte Geduld beim Zuhören, weil ich immer schon ein Stückchen voraus war und ihn aber doch ausreden lassen wollte. Die Frage, die sehr an mir haften blieb, lautete:

„Schlagen sie im Kloster auch ihre Zeit tot?“

Ich konnte erst gar nicht glauben, dass mich das Jemand fragt. Aber dieser Junge musste das wohl so erleben. Er hatte so viel Langeweile, dass er die Zeit irgendwie herumbringen musste, eben tot schlagen, wie wir es manchmal formulieren. Mich erfasste ein tiefes Mitgefühl mit diesem Jugendlichen.

Auch heute noch, wenn ich daran denke. Mir fiel dabei ein bekanntes Gespräch zwischen zwei Geschwistern ein, das schon über viele Jahrhunderte erzählt wird und mich immer wieder neu fasziniert.

Es ist das letzte Gespräch zwischen der hl. Scholastika und ihrem Bruder, dem hl. Benedikt von Nursia. Papst Gregor der Große hat dieses Gespräch, das sich im Jahr 543 ereignet haben muss, aufgeschrieben. 

Laut Gregor besuchte Scholastika einmal im Jahr ihren Bruder in der Nähe des Klosters Montecassino. Den ganzen Tag lang sollen die beiden im „Lob Gottes und in heiligen Gesprächen“ verbracht haben, so die Überlieferung.

Zu gerne hätte ich gewusst, worüber sie den ganzen Tag gesprochen haben und darüber völlig die Zeit vergaßen. Da gab es wohl keine Langeweile.

Schließlich will Benedikt, wieder in sein Kloster heimkehren. Doch Scholastika sieht das gar nicht ein. Sie kann nicht genug bekommen. Sie hat noch so viel auf dem Herzen. Und so betet sie und kurz darauf tobt ein Unwetter los.

Benedikt kann erstmal nicht ins Kloster zurückkehren. Zum Glück für Scholastika - sie wünscht sich Gemeinschaft und Austausch. Papst Gregor kommentiert die Szene in seinen Aufzeichnungen so:

„Es ist nicht zu verwundern, dass die Frau, die ihren Bruder länger zu sehen wünschte, in diesem Augenblick mehr vermochte als jener. Nach einem Wort des Johannes ist Gott die Liebe; so ist es ganz richtig: Jene vermochte mehr, weil sie mehr liebte.“

Benedikt hat in dieser Nacht viel von seiner Schwester gelernt. Keiner von uns ist mit dem Lernen hier auf der Erde am Ende und am Ziel. Uns ist jeden Tag viel Zeit dazu gegeben, die wir nicht tot schlagen sollten, sondern sinnvoll nutzen, um noch einmal die Frage des Jugendlichen aufzugreifen.

Diese Erzählung möge uns ermutigen, uns beschenken zu lassen von dem, was uns zugedacht ist, was wir brauchen. Gott findet immer Wege, um vorhandene Widerstände zu überwinden!

In dieser Zuversicht wünsche ich Ihnen einen gesegneten Tag!


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Dieser Beitrag wurde am 22.09.2022 gesendet.


Über die Autorin Schwester M. Gabriela Hesse

*geboren 1960 in Premnitz /Havel *10 Jahre POS (Polytechnische Oberschule) *Ausbildung zur Krankenschwester im St.   Hedwigs-Krankenhaus in Berlin *1981 Eintritt in die Zisterzienserinnen-Abtei St. Marienstern in Sachsen *26 Jahre als Cellerarin zuständig für die klösterliche Verwaltung *seit 2005 Priorin *2018 Wahl zur Äbtissin von St. Marienstern Kontakt: aebtissin@marienstern.de 

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