Morgenandacht, 20.09.2022

Schwester Gabriela Hesse, Kloster Marienstern

Spinnennetze

Mitte Mai dieses Jahres löste eine Spinne auf der A7 einen Polizeieinsatz aus. Das handtellergroße Tier hatte sich im Auto einer Fahrerin abgeseilt.

Am Ende ist alles gut gegangen, die Polizei sammelte das riesige Spinnentier ein – es entstand weiter kein Schaden, aber die meisten von uns mögen einfach keine Spinnen.

Viele haben sogar Angst vor ihnen. Dieses geräuschlose Krabbeln auf acht Beinen ist für sie einfach der Horror!

Dabei hat der Mensch doch viel von diesen fleißigen Tieren gelernt. Spinnennetze gelten als Wunder der Natur. Sie sind extrem reißfest und elastisch zugleich. Ingenieure, Künstler und Architekten ließen sich von diesen Wunderwerken inspirieren. Das Spinnen des Netzes und den Beutefang zu beobachten, kann sehr spannend sein.

Mir kam aber ein anderer Vergleich in den Sinn, als ich neulich eine Spinne beobachtete: So wie die Spinnen beim Bau ihrer Netze, so rasen unsere Gedanken oft hierhin und dorthin.

Wir spinnen uns Netze aus Sorgen, Schwierigkeiten und Hindernissen, die meistens gar nicht eintreffen. Wir sind wie gefangen. Wenn Gottes Gedanken dann in uns aufsteigen, bleiben sie in diesem klebrigen Sorgennetz hängen.

Ja, ich glaube, dass mir immer wieder Worte und Gedanken begegnen, die von Gott kommen. Diese dann aber auch bewusst wahrzunehmen, so dass sie eine Wirkung bekommen, ist eine andere Sache.

Ein solches Wort, das in meinen Gedanken hängen geblieben ist, war kürzlich der Abschnitt aus dem Jakobusbrief der Bibel:

„Werdet Täter des Wortes und nicht nur Hörer, sonst betrügt ihr euch selbst. Wer nur Hörer des Wortes ist und nicht danach handelt, gleicht einem Menschen, der sein eigenes Gesicht im Spiegel betrachtet: Er betrachtet sich, geht weg und schon hat er vergessen, wie er aussah. Wer aber zum Täter des Werkes geworden ist, wird selig sein in seinem Tun.“

(Jak 1,22-25)

Das Wort „Täter“ ist oft leider negativ besetzt. Da fallen mir sofort schreckliche Geschehnisse ein, die Menschen verübt haben. Aber es gibt „Gott sei Dank“ auch Taten im ganz positiven Sinn

Und diese Täter meint der Jakobusbrief: Das Wort Gottes überhaupt zu hören, ist der erste Schritt zur Tat. Nicht immer ist uns klar, ob es Gottes Wort ist:

Ich lese z.B. ein Buch und es spricht mich darin etwas ganz besonders an.

Ich sehe einen Film und ziehe Parallelen zu meinem eigenen Leben.

Ich habe ein gutes Gespräch, das mir Anregungen für mein Leben gibt.

Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, das Gehörte und Erfahrene in die Tat umzusetzen:

Ich bin am Frühstückstisch heute nicht mürrisch und meckere nicht über den angeblich dünnen Kaffee herum.

Ich versuche, ein freundliches Wort zu sagen, auch wenn ich noch so schrecklich müde und schlecht gelaunt bin.

Ich biete mich an, den Einkauf zu erledigen, die Waschmaschine anzustellen und auszuräumen.

Ich besuche einen einsamen, kranken Menschen.

Ich rufe Jemanden an, der schon lange auf einen Rückruf gewartet hat.

Eine gute Tat zieht eine andere gute Tat nach sich. Wie ein Netz kann sich das ausbreiten und viel Positives bewirken. Sind wir also nicht nur Hörer, sondern auch Täter!

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen gesegneten Tag!


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Dieser Beitrag wurde am 20.09.2022 gesendet.


Über die Autorin Schwester M. Gabriela Hesse

*geboren 1960 in Premnitz /Havel *10 Jahre POS (Polytechnische Oberschule) *Ausbildung zur Krankenschwester im St.   Hedwigs-Krankenhaus in Berlin *1981 Eintritt in die Zisterzienserinnen-Abtei St. Marienstern in Sachsen *26 Jahre als Cellerarin zuständig für die klösterliche Verwaltung *seit 2005 Priorin *2018 Wahl zur Äbtissin von St. Marienstern Kontakt: aebtissin@marienstern.de 

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