Morgenandacht, 19.09.2022

Schwester Gabriela Hesse, Kloster Marienstern

Gottes Melodie

Kennen auch Sie Menschen, die ständig vor sich hin summen, singen oder pfeifen? Sie selbst merken das oft gar nicht, sind vielleicht froh gestimmt, ganz entspannt oder hoch konzentriert, können aber unter Umständen ihre Umgebung damit sehr nervös und schlecht gelaunt machen.

Ich lebe in einer klösterlichen Gemeinschaft, deren Hauptaufgabe das feierlich gesungene Chorgebet ist. Die Stunden, die wir singend in unserer schönen Klosterkirche verbringen, sind Lob, Dank, Fürbitte.

Aber nicht einfach für uns selbst, sondern für Menschen, die uns darum bitten, ja für die Welt mit ihren Problemen, Sorgen und Unfrieden. Und so würde ich in etwa unser Chorgebet auch mit so einem „Dauersingen“ vergleichen. Die innere Verfassung jeder Einzelnen ist dabei völlig unterschiedlich.

Im Singen, in der Musik können wunderbare, eigentümliche Kräfte liegen. Ich kann mir den Kummer von der Seele singen; ich kann meiner Freude den angemessenen Ausdruck verleihen; ich kann beim Hören meiner Lieblingsmusik fasziniert sein, entspannen, auftanken.

Ich kann mich beim Hören eines bestimmten Musikstücks zurückerinnern an die Situation, die damit verbunden war, und in schönen Erinnerungen schwelgen.

Vom hl. Ignatius von Antiochien gibt es einen Satz, den er auf seinem Weg nach Rom, wo ihm der Prozess gemacht wird, an seine Gemeinde geschrieben hat:

„Nehmt Gottes Melodie in euch auf. So werdet ihr alle zusammen zu einem Chor, und in eurer Eintracht und zusammenklingender Liebe ertönt durch euch das Lied Jesu Christi.“

Ignatius scheint davon auszugehen, dass Gott eine Art Musiker ist, der eine Melodie für einen jeden Menschen komponiert hat, die er in seinem Leben entdecken, hören und aufnehmen kann.

Wir wissen: Jeder Mensch ist als Person einmalig. Person kommt von personare, was so viel heißt wie: ganz durchtönen, seine Stimme erschallen lassen, widerhallen. Wir sind als Menschen also Wesen, die ganz durchdrungen sind von einem Klang, ja Melodien.

Ist Gott der Komponist meines Lebens?

Das ist vielleicht ein poetisches Bild, das ich ruhig für mich weiterdenken darf!
Zuerst muss ich natürlich Gottes Melodie hören! Dazu muss ich still werden und schweigend die Melodie meines Lebens erlauschen. Wie sieht das praktisch aus?

Um das herauszubekommen, kann ich mir selbst ein paar Fragen stellen: Wie beginne ich meinen Tag? Hektisch? Lustlos? Übermüdet, weil ich am Abend zuvor weder Computer oder Fernseher rechtzeitig ausgeschaltet habe?

Oder erwartungsvoll? Stehe ich vielleicht sogar rechtzeitig auf, um vielleicht ein paar Minuten der Besinnung zu haben? Was lese ich und was schaue ich mir an?

Der hl. Benedikt, nach dessen Regel ich lebe, hat in zwei Kapiteln Ratschläge aufgeschrieben über „Die Haltung beim Gottesdienst“ und „Die Ehrfurcht beim Gebet“. Wichtig ist ihm dabei, ganz gegenwärtig zu sein.

Herz und Stimme sollen im Einklang sein. Im Normalfall fällt uns Menschen das schwer. Wir versuchen, immer mehrere Dinge gleichzeitig zu tun und zu erledigen.

Ich möchte Ihnen an diesem heutigen Tag den Satz des hl. Ignatius mit auf den Weg geben:

„Nehmt Gottes Melodie in euch auf.“

Sie wird sich auf Ihrem Gesicht widerspiegeln und so auch Ihr Handeln bestimmen!

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete, melodiereiche Woche!


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 19.09.2022 gesendet.


Über die Autorin Schwester M. Gabriela Hesse

*geboren 1960 in Premnitz /Havel *10 Jahre POS (Polytechnische Oberschule) *Ausbildung zur Krankenschwester im St.   Hedwigs-Krankenhaus in Berlin *1981 Eintritt in die Zisterzienserinnen-Abtei St. Marienstern in Sachsen *26 Jahre als Cellerarin zuständig für die klösterliche Verwaltung *seit 2005 Priorin *2018 Wahl zur Äbtissin von St. Marienstern Kontakt: aebtissin@marienstern.de 

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche