Gottesdienst am 25. Sonntag im Jahreskreis

aus der Kirche Mariä Himmelfahrt in Otterbach

Predigt von Dr. Christoph Hartmüller

Grenzübertritte sind wieder leichter geworden. In den vergangenen zwei Jahren war es zeitweise sehr schwierig, in ein anderes Land einzureisen. Durch die Pandemie wurden Grenzen zwischen Ländern wieder verstärkt als Hindernisse erlebt. Diese Zeiten sind glücklicherweise vorbei. Die offenen Grenzen sind wieder da.

Mit Grenzen ist es so eine Sache: Grenzen können in der Tat als Hindernisse empfunden werden. Grenzen bei den eigenen Möglichkeiten werden als hinderlich empfunden: Das können gesundheitliche Einschränkungen sein: körperliche oder geistige Krankheiten und Behinderungen. Es können finanzielle Belastungen sein, gerade in der aktuellen Krise. Wer jetzt viel mehr Geld für Lebensmittel und Energie ausgeben muss, ist in der Gestaltung anderer Aktivitäten massiv eingeschränkt. Viel zu oft bestehen Grenzen zwischen Menschen: keine Kommunikation, kein Verständnis füreinander; Streit und Unfrieden bis hinein in Familien. Solche Grenzen engen ein und behindern bei der freien Entfaltung des Lebens.

Aber Grenzen sind nicht immer ein Problem. Grenzen bieten häufig auch einen Schutz und das Fehlen von Grenzen wird dann problematisch. Jeder einzelne Mensch hat seine persönlichen Grenzen. Schlagworte wie Privatsphäre oder auch Datenschutz sind in unserer Zeit Ausdruck für solche Grenzen, die schützen wollen. Durch die schmerzhafte, aber so notwendige Diskussion über den sexuellen Missbrauch ist die Sensibilität für persönliche Grenzen in den letzten Jahren gewachsen; zugleich wurde deutlich, welchen Schaden Grenzüberschreitungen im persönlichen Bereich verursachen können. Grenzen sind auch wichtig, wo es um Verantwortung und Leitung geht und nicht selten die eigenen Befugnisse auf Kosten anderer überschritten werden. Die Diskussion um das Thema Machtmissbrauch hat nicht nur in der Kirche in der letzten Zeit hohe Wellen geschlagen. Eine Grenzüberschreitung, die nicht befreit, sondern Schaden anrichtet.

Im Gleichnis, das wir gerade gehört haben, ging es um einen Verwalter, der seine Macht missbraucht. Er ist nicht nur einfach ein unfähiger Verwalter, sondern ein krimineller. Er veruntreut das Vermögen seines Herrn, indem er anderen zu Unrecht ihre Schulden reduziert, um sich damit selbst – nach seiner Entlassung – einen Vorteil zu verschaffen. Eine ganz eindeutige Grenzüberschreitung in seiner Verantwortung als Vermögensverwalter. Machtmissbrauch. Und dann: „Der Herr lobte den ungerechten Verwalter.“ Dieses Lob aus dem Mund Jesu irritiert massiv. Der Verwalter wird für seine Grenzüberschreitung auch noch gelobt? Ja, das wird er tatsächlich. Aber es gibt hier zwei Arten von Grenzüberschreitung Nicht für die verbrecherische Art der Grenzüberschreitung, die sich in der Veruntreuung und damit im Machtmissbrauch zeigt, wird der Verwalter von Jesus gelobt. Gelobt wird er vielmehr für eine Art der Grenzüberschreitung, die Jesus als „klug“ bezeichnet. „Der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte.“ Und klug meint hier etwas ganz anderes als listig oder berechnend. Die Klugheit des Verwalters besteht darin, dass er in seinem ungerechten Tun noch andere Grenzen überschreitet, nämlich die seiner jetzigen Existenz. Er schaut über seinen Horizont hinaus und stellt sich die Frage, wie sieht es denn danach aus, wenn ich nicht mehr auf meinem Posten sein werde? Wie kann ich denn jenseits meiner aktuellen Situation irgendwie gut leben? Und mit dieser Perspektive zieht er Konsequenzen im Hier und Jetzt. Er richtet sein Handeln im Hier und Jetzt an der Perspektive aus, die sich jenseits der Grenze seiner jetzigen Existenz auftut.

Die kluge Art der Grenzüberschreitung, die über den Horizont, den Tellerrand oder auch den Kirchturm hinausschaut, wird also von Jesus gelobt. Sie kann sich für uns als Christen in unserer Zeit und Welt in ganz unterschiedlicher Weise zeigen. Die kluge Art der Grenzüberschreitung zeigt sich darin, dass die Christen mit ihrer Botschaft in die verschiedenen Teile unserer Gesellschaft vordringen, die in ihrer Breite keinen Bezug mehr zu Glauben und Kirche hat; an die Ränder gehen, wie Papst Franziskus sagt. Diese kluge Art der Grenzüberschreitung zeigt sich im Streit und in oft erbittert geführten Debatten, wenn ich meine eigene Position überdenke und vielleicht verlasse, um mich auf den anderen einzulassen und so Verständnis und Versöhnung zu ermöglichen. Diese kluge Art der Grenzüberschreitung zeigt sich im Blick für die Menschen in anderen Teilen unserer weltweiten Kirche, für ihre Sorgen und Nöte, bei denen wir helfen können, aber auch bei den vielen Dingen, die wir von ihnen lernen können. Diese kluge Art der Grenzüberschreitung zeigt sich schließlich darin, dass wir als Christen über diese Welt und über unser irdisches und oft so schwieriges Dasein hinausblicken dürfen und können. Jesus Christus hat in seiner Menschwerdung die Grenze zwischen Gott und den Menschen überschritten und er hat uns durch sein Sterben und seine Auferstehung die Grenze zu Gott geöffnet. In Jesus Christus steht uns der Grenzübergang in den Himmel offen. Den Blick dahin zu richten und mit diesem grenzüberschreitenden Blick, der über den Horizont hinausgeht, ganz und gar im Hier und Jetzt zu leben – das ist eine wahrhaft kluge Art der Grenzüberschreitung, die auch in guter Weise auf das „Jenseits“ vorbereitet. Sie eröffnet uns so viele Möglichkeiten, aus allem Kleinglauben, aus allem Einengenden auszubrechen. Sie eröffnet uns so viele Chancen, Menschen kennenzulernen und ihnen von unserer Hoffnung und Zuversicht zu erzählen. Gott gebe uns diese Klugheit, Grenzen zu überschreiten.


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Dieser Beitrag wurde am 18.09.2022 gesendet.





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