Wort zum Tage, 17.09.2022

Wolfgang Drießen, Saarbrücken

Hildegard von Bingen

„Nimm den Kopf einer Lilienwurzel und zerstoße ihn mit Fett… Und wo er am Körper vom Ausschlag Schmerzen hat, dort salbe er sich damit.“

So beginnt ein ärztliches Rezept aus dem Hochmittelalter. Es stammt von Hildegard von Bingen. Heute ist der Gedenktag dieser außergewöhnlichen Heiligen der katholischen Kirche.

Für viele gilt die Ordensfrau aus dem 12. Jahrhundert als die „erste deutsche Naturärztin“ überhaupt. Als „Hildegardmedizin“ sind ihre Ratschläge und Rezepte für ein gesundes Leben auch heute bekannt. Hildegard wusste sehr genau, wie zerbrechlich der Mensch sein kann. Sie war selbst viel krank.

Dabei hat ihre Heilkunde viel mit ihrem Gottes- und Menschenbild zu tun. Denn die glückliche Verbindung von Leib und Seele ist für sie eine wichtige Voraussetzung für die Gesundheit.

Jeder ist verantwortlich für seinen Körper, jeder ist Teil der Gesellschaft und der Natur. Wer das vergisst, der muss die Folgen tragen.

Ein Beispiel: Seelische Erkrankungen spielen heute eine große Rolle. Eine Folge davon können Magengeschwüre sein. Die Suche nach einer Ursache ist sehr komplex, betroffen ist allerdings ein einzelnes Organ, der Magen. Was würde Hildegard tun?

Wahrscheinlich würde sie Kastanienbrei verordnen, dafür gibt es ein Rezept aus ihrer Hand. Aber dabei würde es nicht bleiben. Sie würde die Patienten nach ihrer Lebenssituation und ihrer Lebensweise befragen.

Und sie würde den Rat geben, nicht nur den Magen zu reinigen, sondern mit dem ganzen Leben ins Reine zu kommen. Heilung heißt nämlich: Wiederherstellung des Menschen, so wie Gott ihn gemeint hat.

Es heißt: ganz und heil sein vor Gott. Wenn heute von einer humanen Medizin gesprochen wird, die Leib und Seele in den Blick nimmt, dann ist Hildegard geradezu modern.

Hildegard stirbt 1179 im damals ungewöhnlichen Alter von 82 Jahren. Da hat sie zwei Klöster gegründet, hinterlässt ein umfangreiches Werk voller Visionen und Bilder, Abhandlungen über Natur und Heilkunde, einen umfangreichen Briefwechsel mit Gott und der Welt und sogar eigene Musik.

Also: Wenn Ihnen heute an Hildegards Gedenktag etwas auf den Magen schlägt, etwas sauer aufstößt, wenn Ihnen jemand buchstäblich zum Hals raushängt und Ihnen die Kehle zuschnürt – auch da gibt es einen ganzheitlichen Tipp der Heiligen: Begegnen sie sich und anderen mit Barmherzigkeit und Mitleid.

Für diese Spielregeln trägt jeder selbst die Verantwortung, heute genauso wie zur Zeit Hildegards, vor 900 Jahren. 


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 17.09.2022 gesendet.


Über den Autor Wolfgang Drießen

Wolfgang Drießen ist Diplomtheologe und Pastoralreferent im Bistum Trier. Seine journalistische Ausbildung absolvierte er beim SWF in Baden-Baden sowie im „Theologenkurs" (1984) im Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp) in München. Seit 1986 arbeitet Drießen in der Rundfunkarbeit des Bistums Trier in Saarbrücken, seit 1997 ist er der Rundfunkbeauftragte beim SR. In seinen Sendungen versucht er, Mut zum Leben zu geben und Gott als den zu suchen, in dessen Hand man sich fallen lassen kann, wenn es nötig ist.

Kontakt
(0681) 9068 241
rundfunkarbeit.sr@bistum-trier.de
  

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche