Wort zum Tage, 16.09.2022

Wolfgang Drießen, Saarbrücken

Himmel auf Erden

Ach was wären wir arm dran ohne gute Geschichtenerzähler. Einer davon war der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch.

Der erzählt einmal davon, wie der christliche Gott in seinen drei Personen – Vater, Sohn und Heiliger Geist – mal bei einem Besuch auf der Erde in eine Gruppe von fröhlichen Männern auf Vatertags-Ausflug geraten ist.

Und die drei hätten sich so amüsiert, dass sie, bevor sie wieder aufgefahren wären, das Ende des Himmels mit ein paar tausend Wäscheklammern an der Erde festgeklammert hätten. So, dass wir jetzt den Himmel auf Erden hätten, wenn wir ihn auch nicht sehen. Aber wir könnten ihn spüren, wenn wir wollen.

Mir gefällt dieses Bild. Denn – Hand aufs Herz – den Himmel auf Erden kann man sich doch überhaupt nur dann vorstellen, wenn man Geschichten darüber erzählt. Und die dann noch unter Vorbehalt, mit „hätte“,“ wäre“ und „könnte“.

Also wir könnten den Himmel auf Erden haben, wenn wir ihn denn sähen, wenn wir die Kunst gelernt hätten, ihn zu spüren.

Geschichten weisen auf Möglichkeiten hin, kleiden in Bilder, was wir wissen könnten, wenn wir nicht verlernt hätten, hinter die Bilder zu schauen.  Wenn unsere Sinne wieder offen dafür wären.

Gute Geschichtenerzähler schaffen das. Sie öffnen Türen in Welten, die unserer rationalen, nüchternen Denk- und Lebensweise heute oft nur schwer zugänglich sind. Das war früher noch ganz anders.

Und deshalb ist die Bibel eigentlich ja auch ein ganz dickes Buch voller unterschiedlicher Geschichten, voller Wäscheklammern, die zeigen wollen, wie ein Zipfel vom Himmel tatsächlich an unserer Erde festgeklammert ist.

Was wäre die Tugend der Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe ohne die Geschichte vom „Barmherzigen Samariter“? Was wären Güte und Verzeihung ohne die Geschichte vom „Barmherzigen Vater und dem Verlorenen Sohn“?

Und wie könnte man die Erfahrung vom gestörten Verhältnis des Menschen zu Gott erfahrbar machen ohne die Geschichte vom verlorenen Paradies und der verbotenen Frucht, die angeblich Eva dem Adam angeboten hat?

Die Stärken der Geschichten liegen darin, dass sie nicht nur den Verstand, sondern vor allem das Herz ansprechen wollen.

Und deshalb sind gute Geschichten und gute Geschichtenerzähler für mich so wichtig. Weil sie wie Wäscheklammern sind, die einen Zipfel des Himmels an die Erde binden.


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Dieser Beitrag wurde am 16.09.2022 gesendet.


Über den Autor Wolfgang Drießen

Wolfgang Drießen ist Diplomtheologe und Pastoralreferent im Bistum Trier. Seine journalistische Ausbildung absolvierte er beim SWF in Baden-Baden sowie im „Theologenkurs" (1984) im Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp) in München. Seit 1986 arbeitet Drießen in der Rundfunkarbeit des Bistums Trier in Saarbrücken, seit 1997 ist er der Rundfunkbeauftragte beim SR. In seinen Sendungen versucht er, Mut zum Leben zu geben und Gott als den zu suchen, in dessen Hand man sich fallen lassen kann, wenn es nötig ist.

Kontakt
(0681) 9068 241
rundfunkarbeit.sr@bistum-trier.de
  

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