Wort zum Tage, 15.09.2022

Wolfgang Drießen, Saarbrücken

Verkriechen

Kennen Sie Honzrath, oder waren Sie sogar schon mal da? Kleiner Scherz von mir am frühen Morgen.

Denn das kleine Dorf im Saarland nahe der französischen Grenze findet man, wenn überhaupt, wohl höchstens in ganz speziellen Reiseführern. Denn es gibt hier tatsächlich eine pittoreske Sehenswürdigkeit.

Anstatt Häuser mit aufwändigen Kellern zu bauen, haben die Menschen vor vielen Jahren einfach kleine Höhlen in die Sandsteinfelsen des angrenzenden Waldes getrieben, eine Tür davor gesetzt, ein Schloss angebracht und fertig war der ideale Vorratskeller.

Ungefähr 100 solcher Keller gibt es noch. Und einer davon erzählt als Schauraum der Gemeinde die Geschichte, wie diese Keller einmal Leben gerettet haben.

Das war 1944, im Krieg. Bomben und Granaten fallen auf Honzrath. Viele Einwohner sind evakuiert. Die noch da sind, verkriechen sich in den Felsenkellern. Und kommen erst wieder heraus, als der Spuk vorbei ist.

Sie haben überlebt und sind in Sicherheit. Sich verkriechen – das kann Leben retten. Ja, denke ich, manchmal habe ich auch die Nase voll. Dann würde ich mich am Liebsten verkriechen, die Tür hinter mir zu machen.

Und auch erst wieder rauskommen, wenn der Spuk vorbei ist. Corona, der Krieg in der Ukraine, die Gaskrise, der Klimawandel und all die kleinen Probleme und Aufgaben, die mich tagein tagaus quälen.

Sich verkriechen im übertragenen Sinn – auf STOP drücken – wenn es zu viel wird. Bevor Körper und Seele von sich aus STOP sagen, oft mit schlimmen Folgen.

Dann lieber vorher mal die Reißleine ziehen und sich verkriechen – es muss ja nicht in einem dunklen, feuchten Keller sein. Und dann einfach mal NICHTS tun. So gut wie es geht.

Schlafen, ausspannen, Augen und Ohren zu, ganz egal. Nur nicht an das denken, was nervt. Und dann in Ruhe überlegen, wie ich mit meinen Sorgen und Problemen umgehen kann.

Nur ein Beispiel: „Zulassen“ lernen. Zulassen, dass nicht alles 100%ig sein muss. Zulassen, dass mein Leben auch Niederlagen bieten wird. Zulassen, dass ich nicht alles erklären kann. Ob und wie ich das hin bekomme, darüber kann ich mir Gedanken machen, wenn ich mich mal verkrieche.

Übrigens: direkt neben den Felsenkellern steht – rein zufällig natürlich – eine Kapelle. In die kann ich mich durchaus auch mal verkriechen. Ob es nützt? Das muss jeder selber herausfinden. Aber ausprobieren – das kostet ja nichts.


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Dieser Beitrag wurde am 15.09.2022 gesendet.


Über den Autor Wolfgang Drießen

Wolfgang Drießen ist Diplomtheologe und Pastoralreferent im Bistum Trier. Seine journalistische Ausbildung absolvierte er beim SWF in Baden-Baden sowie im „Theologenkurs" (1984) im Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp) in München. Seit 1986 arbeitet Drießen in der Rundfunkarbeit des Bistums Trier in Saarbrücken, seit 1997 ist er der Rundfunkbeauftragte beim SR. In seinen Sendungen versucht er, Mut zum Leben zu geben und Gott als den zu suchen, in dessen Hand man sich fallen lassen kann, wenn es nötig ist.

Kontakt
(0681) 9068 241
rundfunkarbeit.sr@bistum-trier.de
  

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