Wort zum Tage, 14.09.2022

Wolfgang Drießen, Saarbrücken

Das Kreuz

Alles fing damit an, dass wir ein möbliertes Haus geerbt hatten. Plötzlich besaßen wir nicht nur Tische, Schränke oder aus der Mode gekommene Wanduhren, mit denen wir nichts anfangen konnten.

Wir erbten auch Kruzifixe. Die hingen in jedem Zimmer, mal groß mal klein, mal mit oder ohne Jesus daran. Ich muss zugeben, ich weiß bis heute nicht, was wir mit so vielen von diesen christlichen Glaubenssymbolen tun sollen.

Die Nachfrage nach Kreuzen ist ja jetzt nicht gerade überwältigend. Aber eines könnte ich auf gar keinen Fall: So ein Kreuz einfach wegwerfen oder, – wenn es aus Holz ist – im Ofen verbrennen. Dafür hängt – im wahrsten Sinne des Wortes – viel zu viel dran.

Der große Maler und Bildhauer Michelangelo hat sich in seinem langen Künstlerleben immer wieder am Kreuz und dem gekreuzigten Jesus versucht. Ganz wunderbare und ergreifende Bilder sind da entstanden.

Und man merkt: In seinen letzten Lebensjahren war der Blick zum Gekreuzigten ein ganz wichtiger Halt nach einem langen, übervollen Leben. Michelangelo selbst sagt es in einem Gedicht, in dem er auf sein Leben blickt, einmal so: 

„Beendet ist nun meines Lebens Bahn

Nach Meeresstürmen und auf schwankem Boot

In jenem Port, wo wir, nach unserm Tod,

Für alles einstehn, was wir je getan.….

Die Liebesträume, heiter, hohl und leer,

Da zwiefach Tod mir naht, was sind sie nun?

Denn ein Tod ist ganz sicher mir bereitet.

Nicht Malen und nicht Meißeln hilft hier mehr,

Die Seele will in Gottes Liebe ruhn,

Die weit am Kreuz für uns die Arme breitet.“ 

(Josef Nolte, Savonarola-Michelangelo-Luther, Berlin 2018, S.100)

Das ist es also, was Michelangelo im Kreuz und dem Gekreuzigten erkennt: eben nicht nur ein Folterwerkzeug, nicht nur das Bild eines leidenden, gefolterten Menschen, sondern in erster Linie Gottes Liebe, „die weit am Kreuz für uns die Arme breitet“.

Ich weiß, das ist schwer verdauliche Kost, aber genau das ist der Grund, warum ich kein Kreuz aus unserem Haus einfach so wegwerfen könnte.

Heute am 14. September, begeht die katholische Kirche einen besonderen Feiertag: das Fest Kreuzerhöhung. Es erinnert daran, dass Jesus zwar am Kreuz gestorben ist, aber daraus unendlich viel mehr entstanden ist.

Nämlich das, was Michelangelo so ausgedrückt hat: Was auch immer geschieht, einer hat über allem Glanz und Elend dieser Welt für uns die Arme ausgebreitet.


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Dieser Beitrag wurde am 14.09.2022 gesendet.


Über den Autor Wolfgang Drießen

Wolfgang Drießen ist Diplomtheologe und Pastoralreferent im Bistum Trier. Seine journalistische Ausbildung absolvierte er beim SWF in Baden-Baden sowie im „Theologenkurs" (1984) im Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp) in München. Seit 1986 arbeitet Drießen in der Rundfunkarbeit des Bistums Trier in Saarbrücken, seit 1997 ist er der Rundfunkbeauftragte beim SR. In seinen Sendungen versucht er, Mut zum Leben zu geben und Gott als den zu suchen, in dessen Hand man sich fallen lassen kann, wenn es nötig ist.

Kontakt
(0681) 9068 241
rundfunkarbeit.sr@bistum-trier.de
  

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