Am Sonntagmorgen, 11.09.2022

Beatrice von Weizsäcker, München

„Wie konnten Sie jetzt katholisch werden?“ „Weil so viel dafür spricht – und so wenig dagegen.“

Warum noch Mitglied der Kirche bleiben? Das fragen sich offenbar viele Menschen – und treten aus. Aber: Katholisch zu werden, zu sein oder es zu bleiben, heißt nicht, alles gutzuheißen, was die Kirche macht. Katholisch zu sein ist eine Frage des Glaubens an Gott und nicht an Kirchenpolitik.

© Thomas Vitali / Unsplash

Nummer ziehen, warten, Schlangestehen. Wer kennt das nicht vom Einwohnermeldeamt? An Wartezeiten ist man gewöhnt. Minuten, Stunden. Aber Wochen und Monate?

Ja, auch das gibt es.

Es ist den Kirchen zu verdanken, der katholischen Kirche vor allem. Viele Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind, können ein Lied davon singen. Von ihrem Schritt abgehalten, hat das die Wenigsten.

Gründe für einen Austritt gibt es reichlich. Allen voran die unverzeihliche sexualisierte Gewalt an Kindern, Jugendlichen, Frauen und der Umgang damit. In beiden Kirchen, besonders aber in der römisch-katholischen.

Warum noch in der Kirche bleiben?

Die Vertuschung. Das Wegschauen. Der permanente Schutz der Täter und nicht der Opfer. Die bisherigen Berichte sind so grauenvoll, dass es einem die Sprache verschlägt. Und nichts spricht dafür, dass das anders sein wird bei den Gutachten, die noch kommen. Gar nichts.

Enttäuschung, Verzweiflung und Trauer. Kopfschütteln, Ratlosigkeit und Ohnmacht. Fassungslosigkeit, Empörung und Wut. Das sind die Folgen. Und am Ende sehr oft der Austritt aus der Kirche.

Es gibt auch eine Reihe anderer Gründe, die gegen einen Verbleib in der Kirche sprechen, auf katholischer wie evangelischer Seite. Strenge Hierarchie und Machtstrukturen hier, zu wenig Profil dort. Zu wenig Reformwillen hier, zu viele Experimente dort. Zu wenig Frauenrechte, zu viel Beliebigkeit. Und so weiter.

Dass jemand eintritt, ist die Ausnahme. Auch dass jemand übertritt. Ich bin so eine. Ich war evangelisch und bin nun katholisch.

Kirche und Glaube

Natürlich stören auch mich die Dinge, die bei anderen zum Austritt führen. Natürlich beschäftigt mich die Kritik. Ich ärgere mich über vieles und bin oft fassungslos über das, was aus Rom kommt. Aber es ändert nichts an meinem Glauben.

Um nur ein Beispiel zu erwähnen: Als der Vatikan im Februar 2021 das Nein zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare verkündete, ging es mir wie vielen Katholikinnen. Ich glaubte, mich verhört zu haben. Lauter Dinge dürfen gesegnet werden, Häuser, Fahrräder, Autos, Fabriken, Seilbahnen. Nur die Liebe zweier Menschen nicht?

Hatte Rom vergessen, was Paulus über die Liebe schrieb?

Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe.

Wenn die Liebe die größte ist und Jesus der Maßstab, sollte es sich von selbst verstehen, dass Homosexuelle gesegnet werden dürfen, auch in Rom. – Warum?

Weil Jesus sie segnen würde. Ganz anders als der Vatikan nimmt Jesus jene in Schutz, die um seinetwillen gedemütigt werden. Ihnen sagt er:

„Selig seid ihr, wenn man euch schmäht und verfolgt und alles Böse über euch redet um meinetwillen.“

(Mt 5,11)

Mit anderen Worten: Selig sind, die diskriminiert werden, obwohl sie glauben.

Die römische Verachtung, die sich unverhohlen hinter der Herabsetzung von Homosexuellen zu verbergen versucht, stört und verletzt mich. Dass der Vatikan sich anmaßt, Gottes Segen reglementieren zu können.

Den Segen für zwei Menschen, die sich lieben, achten und ehren, die füreinander einstehen ein Leben lang.

Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm“,

heißt es im ersten Brief des Johannes (1. Joh 4,16). Da sollte der Segen das Mindeste sein, wozu die katholische Kirche in der Lage ist.

Kirche und Gott

Gott ist ganz anders. Er nimmt die Menschen, wie sie sind. Mit ihren Stärken. Und ihren Schwächen. Mit ihren Eigenheiten. Und ihren Besonderheiten. In all ihren Facetten. Und mit ihrem Geschlecht.

Gott sagt nicht, dies ist gut an dir, darum segne ich dich. Das ist schlecht, darum missbillige ich dich. Dieses ist gegen die Bibel, jenes gegen die Natur, ein drittes widerspricht der Norm, darum setze ich dich herab. Nichts von alledem. Denn Gott ist gnädig. Gnadenlos sind nur Menschen.

Gott kennt keine Vorbehalte und er hat keine Vorurteile. Er kennt Gut und Böse und alles dazwischen. Aber er stellt keine Bedingungen. Er liebt bedingungslos.

„Ich bin, was ich bin“

Es gibt einen Psalm, der das besser zum Ausdruck bringt als jeder andere Text, den ich kenne. Der Psalm steht nicht in der Bibel, sondern stammt von einem befreundeten Priester aus dem Bistum Trier. Stephan Wahl heißt er. Er lebt seit Jahren in Jerusalem. Der Psalm heißt: „Ich bin, was ich bin“.

Ich danke Dir, Ewiger, dass ich so bin, wie ich bin, und nicht so, wie manche mich gerne hätten.

Von Beginn aller Zeit hast Du mich gedacht und gewollt, eine Facette bin ich Deiner bunten, lebendigen Schöpfung.

Als Dein Ebenbild hast Du den Menschen geschaffen, Du, der du das Leben selbst bist in all seiner Fülle. In dir pulsiert die Liebe in all ihren Formen, ein ewiger Quell, der niemals versiegt.

Du willst seit Urzeit, dass es gibt, was es gibt, die Schranken und Grenzen hast Du nicht gemacht.

Das Wort Ebenbild legten die Saftlosen in kalt-eiserne Ketten, die Flügel der Liebe wollten sie kürzen durch ihre Gesetze.

Doch sie erhebt sich immer wieder, lässt sich nicht zähmen, unablässig verteilt sie sich in die Herzen der Menschen. Ihre Funken sprühen, wenn zwei Münder sich finden, zwei Seelen den Gleichtakt erkennen, das ergänzende Du.

Wenn eine Frau einen Mann liebt und ein Mann eine Frau, wenn ein Mann einen Mann liebt und eine Frau eine Frau, tanzt die Liebe Pirouetten mit kraftvoller Leidenschaft, wenn ein Mensch einen Menschen liebt, so wie er ist.

Wenn ein Mensch Körper und Seele in sich versöhnt, wenn ein Mann sich als Frau fühlt und eine Frau sich als Mann, fährt die Liebe tollkühn in den Mut, sich offen zu zeigen, wenn ein Mensch sich sucht und sich endlich dann findet.

Sie alle preisen Dich Ewiger durch ihr farbiges Leben, Du würdigst die Vielfalt durch Deinen stärkenden Segen.

Doch immer noch leiden Menschen nur weil sie lieben, man sperrt sie in Kerker, quält sie, will ihren Tod. Leg ihren Jägern und Richtern ihr übles Handwerk, vor Scham vergehen sollen sie, verstummen für immer.

Meine Hoffnung setze ich auf Dich Ewiger, Fülle des Lebens, nicht nur träumen will ich, was ich sehnlichst erwarte: die Engherzigen werden nicht siegen mit ihrer Verachtung, ihr Gift verliert seine Kraft, ihr Spott verwundet nicht mehr.

Begeistert erstrahlen sollen alle mit glänzenden Augen, die Hand in Hand sich gefunden auf ihrem eigenen Weg.

Ihre zärtliche Liebe preist Dich, übersteigt alle Normen, divers sind Deine Ebenbilder, keins gleicht dem anderen.

Unverwechselbar hast Du, das Leben, alle geschaffen, ein kostbares Original bin ich mit meinen Ecken und Kanten.

Ich danke Dir Ewiger, dass ich so bin, wie ich bin, und immer mehr werde, der ich sein darf vor Dir. [1]

Genau wie Stephan Wahl danke ich Gott, dass ich bin, wie ich bin, und immer mehr werde, die ich sein darf vor ihm. 

Dass die römische Kirche das missbilligt und für sich herausnimmt, die einen zu bevorzugen und andere zu benachteiligen, irritiert mich, das ist wahr. Aber für meine Entscheidung, katholisch zu werden, spielte es keine Rolle.

Die Kirche hat einen Schatz

Ich bin katholisch geworden, weil es mir um Gott geht und nicht um Politik. Kirchenpolitik und Machtspiele beschäftigen mich kaum. 

Vor allem aber berühren sie meinen Glauben nicht. Weder meinen Glauben an einen Gott, der keine Vorbehalte hat und keine Vorurteile kennt. Noch meinen Glauben an eine Kirche, die einen Schatz in sich trägt, den „kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat“, wie es im Ersten Korintherbrief heißt (1 Kor 2,9).

Ein Schatz, der größer ist als jede Politik, größer, als wir es sind – und uns vorstellen können. Diesen Schatz hat die katholische Kirche.

Das ist der Schatz: eine Glaubensgemeinschaft – mit Betonung auf Glauben und Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft mit Christus und untereinander, ohne Ansehen der Person. Eine Gemeinschaft, in der das Pauluswort gilt:

„Ihr alle seid einer in Christus Jesus.“

(Gal 3,28)

Das ist verbindlich und verbindend. Das ist verständlich und klar. Es gilt allumfassend und alle umfassend.

Der Schatz zeigt sich in jedem Gottesdienst – mit Weihrauch und Wandlung, mit Kerzen und Kreuzzeichen. Im Gottesdienst ist er gegenwärtig – und sinnlich erfahrbar. Beim Sehen und Hören, beim Riechen und Schmecken, beim Berühren und Berührtwerden.

Ich erlebe diesen Schatz in allen Gottesdiensten, die sich nicht an die Stelle Gottes setzen, sondern zeigen, dass Gott da ist. Die sein Geheimnis offenbaren. Das Geheimnis des Glaubens. Eines Glaubens, der Worte übersteigt. Eines Glaubens, der nicht nur den Kopf berührt, sondern auch das Herz.

Gott ohne Tempel

Wie stark die Gemeinschaft ist, wenn sie auf Gott bezogen ist und nicht auf eine Autorität, wenn sie die Gläubigen im Blick hat und nicht die Mächtigen, zeigt sich besonders an Feiertagen, an denen es auf den ersten Blick wenig zu feiern gibt.

Wenn nicht das Leben im Mittelpunkt steht, sondern der Tod. Allerheiligen ist so ein Tag, dieses „Willkommensfest“, wie Fra' Georg Lengerke, Professpriester des Malteserordens, es einmal nannte.

Es ist der Tag, der auf das himmlische Jerusalem hindeutet, das schon in der Bibel verwendete Bild für die Ewigkeit, die uns erwartet. Ohne diese Aussicht könnte ich Allerheiligen mit seinem Totengedenken nicht aushalten, ohne diese Aussicht könnte ich nicht leben. Es ist der Tag, an dem die ganze Kirche betet:

„Heute schauen wir deine heilige Stadt, unsere Heimat, das himmlische Jerusalem. Dort loben dich auf ewig die verherrlichten Glieder der Kirche, unsere Brüder und Schwestern, die schon zur Vollendung gelangt sind. Dorthin pilgern auch wir im Glauben, ermutigt durch ihre Fürsprache und ihr Beispiel und gehen freudig dem Ziel der Verheißung entgegen.“

Dieses himmlische Jerusalem kennt keinen Tempel. Gott selbst wohnt dort. Dort wird sich erfüllen, was in der Offenbarung steht:

„Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen.“

(Off 21,3-4)

An Allerheiligen, dem Allerseelen folgt, diesem Tag, an dem so gnadenlos offenbar wird, wer nicht mehr da ist, ist die Gemeinschaft Gnade; da ist sie der eigentliche Trost. Die Gemeinschaft untereinander und mit denen, die vor uns geglaubt, gehofft, geliebt und mit ihrem Leben die Liebe Gottes gezeigt haben. Gehaltener kann man kaum sein.

Darin liegt die eigentliche Kraft der katholischen Kirche. Dadurch entsteht ihre wahre Stärke. Nirgends zeigt sich deutlicher, dass wir nicht allein sind, ob in guten oder in schlechten Zeiten, im Leben, im Sterben oder im Tod, als in einer solchen weltweiten Gemeinschaft. Wir sind von Gott getragen, weil der Tod nicht das letzte Wort hat. Und wir tragen uns gegenseitig, weil wir Gemeinschaft sind.

Kleine Mosaiksteine

Es ist wie eine Gemeinschaft, die aus lauter kleinen Steinen besteht, aus lauter kleinen Mosaiksteinen. Jeder für sich ist unverwechselbar, zusammen ergeben sie ein Bild. Sie ergeben überhaupt nur zusammen und zusammengefügt ein Bild: das Bild vom Felsen, auf dem die Kirche gebaut ist.

Ohne die Steine wäre der Fels kein Fels; ohne die Steine wäre die Kirche nicht lebendig. Ohne die Steine wäre die Kirche keine Kirche.

Nichts davon ist für Geld zu haben. Diese Wahrheiten bedürfen keiner Rechtfertigung und verlangen keine Gegenleistung. Das ist die Wurzel, das ist der Anker der katholischen Kirche. So ist sie Heimat und Halt, wo immer wir sind.

Dieser Schatz ist der Kirche anvertraut. Aber er gehört ihr nicht. Darum muss sie achtsam mit ihm umgehen. Achtsamer, als sie es tut. Solange sie das tut, werde ich keine Nummer beim Einwohnermeldeamt ziehen, um wieder auszutreten. Sondern bleiben. Als kleiner Stein des Felsens. Als kleiner Mosaikstein mit meinen Ecken und Kanten. Und meinen bunten Farben.

So angenommen bin ich gern Mitglied der Katholischen Kirche. Weil am Ende so viel mehr dafürspricht als dagegen.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.

Musik:

Miko?ai Goretzki – Overture

Till Brönner & Dieter Ilg: Ach, bleib mit deiner Gnade

Ola Gjeilo ­­– Skyline


[1] Aus: Stephan Wahl, „Erwarte von mir keine frommen Sprüche. Ungeschminkte Psalmen“, Echter Verlag, Würzburg, September 2022


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Dieser Beitrag wurde am 11.09.2022 gesendet.


Über die Autorin Beatrice von Weizsäcker

Beatrice von Weizsäcker wurde 1958 geboren. Sie stammt aus dem Rheinland. Seit 2003 lebt die promovierte Juristin und Publizistin in München. Weizsäcker, langjähriges Präsidiumsmitglied des evangelischen und ökumenischen Kirchentags, trat Anfang 2020 zum katholischen Glauben über.

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