Morgenandacht, 10.09.2022

Pfarrer Gotthard Fuchs, Wiesbaden

Selig, die Leidtragenden

„Es ist ein Weinen in der Welt

Als ob der liebe Gott gestorben wär

Und der bleierne Schatten, der niederfällt

Lastet grabesschwer.“

So dichtete einst Else Lasker-Schüler. Und vom altrömischen Dichter Vergil gibt es den berühmten Satz:

„Auch die Dinge haben ihre Tränen.“

Ja, oft ist es einfach nur zum Heulen. Wem ginge es nicht so, wenn er an die Opfer in der Ukraine denkt und an die Hungertoten in der Welt. Und dann lese ich in der Bergpredigt gleich am Anfang:

„Selig, die trauern, denn sie werden getröstet werden.“

Beglückwünscht werden die Leidtragenden. In den Mittelpunkt werden gerade die gestellt, die im Normalfall sonst eher stören. Denn da soll ja alles glatt laufen und funktionieren.

Trauerfälle unterbrechen nur, im Grunde soll alles reibungslos weitergehen, und das Weinen in der Welt wird übergangen.

Hier in der Glückwunschliste Jesu nicht, ganz im Gegenteil. Da gilt es hinzuschauen: wie viel Trauer in der Ukraine und bei den Hungerleidern dieser Welt. Aber auch ganz alltäglich: Welch ein Elend, wenn eine heiße Liebe nicht hält und jemand Schluss macht. Wie weh kann ein böses Wort tun. Es gibt so viele, die der Tröstung bedürfen und doch allein bleiben mit ihrer Not.

Dabei ist Trost da für alle genug, so lautet die frohe Botschaft: Wir sollen nur davon Gebrauch machen und die Trauer wirklich durchschmerzen.

Doch dazu braucht es den Beistand anderer. Grund für die Seligpreisung ist ja, dass niemals das Leid das letzte Wort haben soll. Denn fest steht die österliche Gewissheit:

„Sie werden getröstet werden.“

Und damit können wir jetzt schon anfangen. Genau das ist bei Jesus zu lernen. Die Seligpreisungen kommen aus seinem Mund, die Glückwünsche sind Ergebnis seiner Lebensart.

„Wie eine Mutter ihr Kind tröstet, so tröste ich mein Volk“,

hat Gott versprochen, und Jesus macht Gebrauch davon.

Im Grunde trifft der biblische Glückwunsch alle, die sich mit den Verhältnissen nicht abfinden können. Früher sprach man von Weltschmerz. Jesus selbst hatte offenkundig ganz direkt Menschen vor Augen, denen zum Heulen zumute war:

„Zu beglückwünschen seid ihr, wenn ihr jetzt weint; ihr werdet lachen.“

So lautet die Seligpreisung leicht abgewandelt im Lukasevangelium. Also: Nicht nur Trauern, sondern Weinen und dann auch lachen.

Man muss die Welt nicht gleich zum Tränental erklären, aber dass es derart viel Unrecht und Elend gibt, kann einen schon fassungslos machen. Wie ernst es Jesus war, zeigt sein Fluch:

„Wehe euch, die ihr euch jetzt ins Fäustchen lacht und eure Schäfchen auf Kosten anderer ins Trockene bringt. Ihr werdet weinen und jammern.“

Da kommt offenkundig ein Umsturz in Gang, da ist ein Lastenausgleich im Blick. So wie es jetzt ist, kann und soll es nicht weitergehen.

„Denn sie werden getröstet werden.“

Verrückt ist diese Zuversicht. Kaum zu glauben. Da meldet sich ein unbändiges Gottvertrauen, typisch Jesus. Und zugleich ist eine ungeheure Widerstandskraft im Spiel. Nicht Leid und Trauer haben das letzte Wort.

Nein, entscheidend ist das Vertrauen in den Gott, der seine Sonne aufgehen lässt über Gute und Böse. Da wird deutlich, wie verlässlich Gott ist, wie groß seine Schöpfertreue und sein Mitleiden – sogar in Todesnot. Auch Jesus musste, so unterstreicht die Bibel, „mit lautem Schreien und unter Tränen“ erst lernen, wie verlässlich Gott ist, und er ist erhört worden (Hebr 5,7).

Dass er es geschafft hat, ist dem Glaubenden der größte Trost schon jetzt. Und daraus will der Mut wachsen, sich trösten zu lassen.

Ja, noch ist ein Weinen in der Welt, noch haben die Dinge ihre Tränen. Und glücklich ist, wer jemanden hat, bei dem er sich ausweinen kann.

„Gib mir die Gabe der Tränen, Gott“,

heißt es in einem Gedicht-Gebet von Dorothee Sölle. Genau damit fängt der Trost ja an – mit dem Mut, das Traurige und Schwere auch zuzulassen und ins Gebet zu nehmen.


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Dieser Beitrag wurde am 10.09.2022 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Gotthard Fuchs

Pfarrer Dr. Gotthard Fuchs, wurde 1963 in Paderborn zum Priester geweiht und hat seitdem zahlreiche Tätigkeiten in Seelsorge und theologischer Lehre, in Beratung- und Bildungsarbeit geleistet. Von 1983 bis1997 war Fuchs Direktor der Katholischen Akademie der Diözesen Fulda, Limburg und Mainz; zuletzt war er Ordinariatsrat für Kultur-Kirche-Wissenschaft. Seine Schwerpunkte liegen auf der Geschichte und Gegenwart christlicher Mystik im Religionsgespräch, auf dem Verhältnis von Theologie und Psychologie und von Seelsorge und Therapie. Zu diesen Themen hat er zahlreiche Veröffentlichungen publiziert. Kontakt
gotthardfuchs@t-online.de 
 

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