Morgenandacht, 07.09.2022

Pfarrer Gotthard Fuchs, Wiesbaden

Hunger nach Nahrung und Gerechtigkeit

Seit Ukrainekrieg und Inflation steht das Hungerthema wieder oben auf der Dringlichkeitsliste. Dass weltweit der Hunger dramatisch wieder zunimmt, ist schlicht eine Katastrophe.

„Selig sind die Hungernden, denn sie werden satt werden.“

Diese Seligpreisung Jesu klingt da natürlich phantastisch und vielversprechend. Aber doch auch irritierend. Schön wär‘s, möchte man sagen, aber das weltweite Schachern um Weizen, die Dürrekatastrophen und Verteilungskämpfe sprechen eine andere Sprache.

Derart Hungernde zu beglückwünschen, bliebe eine zynische Frechheit, wenn sich nichts änderte.

Aber genau das ist ja der biblische Knackpunkt: alles beginnt damit, illusionslos hinzuschauen und die Situation der Hungernden nicht länger auszublenden.  Direkt werden sie von Jesus angesprochen und ernstgenommen:

„Selig seid ihr, die ihr jetzt hungert.“

Er redet nicht über sie, sondern mit ihnen. Damit fängt die Veränderung an. Der Wunsch nach ausreichend Nahrung wird ernst genommen, mehr noch: die Hungernden selbst sehen sich gewürdigt.

Und: Es ist genug für alle da, es müsste nur richtig verteilt und vorher solidarisch produziert werden. Hunger müsste nicht sein, Sättigung für alle ist möglich. Deshalb werden die österlichen Geschichten von der Brotvermehrung erzählt.

Deutlich soll werden, wie alle satt werden können und was Gott für uns alle übrig hat. Aber das ist kein Vertröstungsprogramm, es muss Folgen haben schon jetzt. Nicht zufällig verbindet Jesus die Seligpreisung mit einem Fluch:

„Wehe euch, die ihr jetzt satt seid; denn ihr werdet hungern.

(Lk 6,25)

Wer da keine Gänsehaut bekommt, muss ein dickes Fell haben.

Es geht ja nicht nur um den materiellen Hunger, den allerdings zuerst. Womöglich gibt es spirituell noch viel mehr Hungerleider, und ich gehöre dazu.

„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein!

Warum denn sonst die panische Angst zu kurz zu kommen und möglichst viel zu konsumieren? Warum denn sonst der tragische Kontrast zwischen abgemagerten Kinderskeletten und übergewichtigen Fettsäcken, zwischen armen Schluckern und Überreichen?

Mindestens so groß wie der Magenhunger nach Weizen ist der Seelenhunger nach Liebe und guten Beziehungen.

Deshalb hat schon der Evangelist Matthäus die Seligpreisung Jesu für seine Bergpredigt ergänzt.

„Selig sind, die hungern und dürsten“

und er fügt hinzu:

„nach Gerechtigkeit.“

Das ist für ihn das christliche Schlüsselwort überhaupt. Selig gepriesen wird also, wer sich mit dem jetzigen Weltzustand nicht zufrieden gibt, wer sich mit dem Status quo nicht abspeisen lässt.

In allem ist etwas zu wenig. Da geht es um reales Unrecht, es geht um wirklichen Hunger.

Ja, es geht auch um die gottlose Schere zwischen Arm und Reich. Und zugleich geht es um soziale und spirituelle Gerechtigkeit. Im Matthäus-Evangelium ist das identisch mit Liebe, mit Feindesliebe sogar.

So wie der himmlische Vater die Sonne seiner Güte täglich aufgehen lässt über Guten und Bösen, so soll es auch tun, wer glaubend auf seiner Sonnenbank sitzt. Einander gerecht werden.

Fängt es nicht damit an, dass wir einander wirklich wahr und ernstnehmen? So mancher lebt in seinem Mietshaus und kennt noch nicht einmal die Nachbarn, und wie oft ist von Streitereien über den Gartenzaun zu lesen. Hungern und Dürsten nach Gerechtigkeit und Feindesliebe – das fängt im Kleinen an.

Die Seligpreisungen zielen auf veränderte Verhältnisse. Sie leben von dem überfließenden Gottvertrauen, das Jesus stark machte. Es ist demnach für alle genug da, wir sollten nur endlich anfangen, unseren Hunger wirklich zu teilen und mitzuteilen.

Die Seligpreisungen sind kein Vertrösterchen und kein Trostpflaster. Sie sind im Alltag erprobte Einladungen, von Gottes Gegenwart Gebrauch zu machen.


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Dieser Beitrag wurde am 07.09.2022 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Gotthard Fuchs

Pfarrer Dr. Gotthard Fuchs, wurde 1963 in Paderborn zum Priester geweiht und hat seitdem zahlreiche Tätigkeiten in Seelsorge und theologischer Lehre, in Beratung- und Bildungsarbeit geleistet. Von 1983 bis1997 war Fuchs Direktor der Katholischen Akademie der Diözesen Fulda, Limburg und Mainz; zuletzt war er Ordinariatsrat für Kultur-Kirche-Wissenschaft. Seine Schwerpunkte liegen auf der Geschichte und Gegenwart christlicher Mystik im Religionsgespräch, auf dem Verhältnis von Theologie und Psychologie und von Seelsorge und Therapie. Zu diesen Themen hat er zahlreiche Veröffentlichungen publiziert. Kontakt
gotthardfuchs@t-online.de 
 

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