Morgenandacht, 08.09.2022

Pfarrer Gotthard Fuchs, Wiesbaden

Bringen Sie Liebe und finden Sie Liebe

Wie du hineinsprichst, so tönt es heraus – eine Redensart mit hoher Trefferquote. Bin ich selbst schlecht drauf oder unter Dampf, dann überträgt sich das auf mein Gegenüber.

Umgekehrt: wer mit sich im Reinen ist, kann auch anderen gut tun. Aber all das funktioniert ja nicht mechanisch, wie bei einer Maschine oder einem Pflegeroboter. Nein, es will geglaubt und geübt sein.

Deshalb lässt mich dieser biblische Satz aufhorchen.

„Selig, die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden.“

Er steht am Anfang der Bergpredigt Jesu, dem Grundgesetz christlichen Glaubens. Die zweimal vier Seligpreisungen dort sind eine Anleitung zum Glücklich-Werden. Aber offenkundig müssen jene ausdrücklich ermutigt werden, die da barmherzig sind. Sie brauchen Rückenstärkung.

Diese Seligpreisung will motivieren: wer jetzt Erbarmen übt, hat Zukunft und stiftet sie. Nächstenliebe ist nicht vergeblich.

Treffsicher benennt das der Karmeliten-Pater Johannes vom Kreuz. Eine Ordensschwester hatte ihm geschrieben und sich bitter beklagt über die unmöglichen Verhältnisse im Kloster, vor allem über kaltherzige Mitschwestern.

„Ja, Sie haben Recht“,

schrieb Johannes zurück:

„Es ist schlimm in die Hände von Menschen zu fallen. Aber wenn Sie keine Liebe finden, dann bringen Sie Liebe und Sie werden Liebe finden.“

Genau das meint die Seligpreisung Jesu: stets den ersten Schritt tun, so geht es liebevoller und herzlicher zu. Zwar ist barmherzig kein Wort unserer Alltagssprache mehr.

Aber die gemeinte Sache ist ja klar: Wir alle leben von Zuwendung, von Anerkennung, von Wohlwollen. Empathie und Sympathie, Mitgefühl und Mitleiden sind heutige Worte dafür. Barmherzigkeit klingt zwar altmodisch, ist aber ein sehr sprechendes Bild.

Gemeint ist nämlich der Mutterschoß, es geht um die Leibgegend, wo die Schmetterlinge fliegen. Barmherzigkeit ist dort, wo es uns rührt, eben, wo es uns zu Herzen geht und innerlichst bewegt. Von da geht auch die heilige Wut aus, die Empörung darüber, dass es oft so brutal und erbarmungslos zugeht.

Selig zu preisen die Barmherzigen! Das ist eine hammerharte Weichenstellung. Ermutigt werden jene, die vom Anderen immer das Beste denken und voller Mitgefühl sind. Dabei sind sie keineswegs blauäugig, aber sie rechnen mit dem Guten. Denn Gott ist da, und der ist die Güte in Person.

Solch positives Denken fordert Mut, das entsprechende Verhalten noch mehr. Denn Gemeinheit und Lüge gibt es genug, verbitterte Nachtragerei erst recht. Deshalb also die Ermutigung durch diesen Glückwunsch von ganzem Herzen. Selbst wenn sie jetzt mit ihrer Güte nicht weiterkommen oder völlig abblitzen, „sie werden Barmherzigkeit finden“.

Einer, der das beispielhaft praktiziert hat, war Franz von Assisi. Einem Ordensbruder, schrieb er:

„Es darf keinen Bruder auf der Welt geben, der von dir weggehen müsste ohne dein Erbarmen. Und sollte er kein Erbarmen suchen, dann frage ihn, ob er es will.“

Eine wunderbare Maxime: Niemand soll mir begegnen, der dann nicht ermuntert und ermutigt weitergeht!

„Selig sind die Barmherzigen, sie werden Barmherzigkeit finden.

– Sozusagen als Folge und Nebenwirkung ihres Verhaltens.

Entscheidend ist, ob unsereiner selbst dieser Seligpreisung Jesu glaubt und ihr folgt. Dann muss er sich selbst nicht länger verurteilen. Und er kann aufhören, andere zu zensieren und zu bewerten.

„Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“,

lautet deshalb die befreiende Empfehlung der Bergpredigt. Wir brauchen nicht länger das letzte Wort behalten. Wir können mit dem Guten rechnen und müssen Schlechtes nicht gleich ansprechen.

Wissen wir nicht von uns selbst, dass wir notwendige Kritik umso leichter akzeptieren, wenn Wohlwollen spürbar ist und Wertschätzung?

„Wenn Sie keine Liebe finden, bringen Sie Liebe, und Sie werden Liebe finden.“


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Dieser Beitrag wurde am 08.09.2022 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Gotthard Fuchs

Pfarrer Dr. Gotthard Fuchs, wurde 1963 in Paderborn zum Priester geweiht und hat seitdem zahlreiche Tätigkeiten in Seelsorge und theologischer Lehre, in Beratung- und Bildungsarbeit geleistet. Von 1983 bis1997 war Fuchs Direktor der Katholischen Akademie der Diözesen Fulda, Limburg und Mainz; zuletzt war er Ordinariatsrat für Kultur-Kirche-Wissenschaft. Seine Schwerpunkte liegen auf der Geschichte und Gegenwart christlicher Mystik im Religionsgespräch, auf dem Verhältnis von Theologie und Psychologie und von Seelsorge und Therapie. Zu diesen Themen hat er zahlreiche Veröffentlichungen publiziert. Kontakt
gotthardfuchs@t-online.de 
 

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