Morgenandacht, 06.09.2022

Pfarrer Gotthard Fuchs, Wiesbaden

Selig, die ein reines Herz haben

Waschen, Baden, Duschen, Säubern - unsereiner hat hohe Standards von Reinigung und Reinheit. Selbstverständlich ist auch, dass das nicht nur den Körper betrifft oder das Zimmer.

Auch ein klarer Kopf ist Gold wert, und: ein reines Herz. Transparenz lautet ein Stichwort: Aufrichtig soll es zugehen und möglichst durchsichtig auch, ehrlich und stimmig.

Das Gegenteil wäre Verstellung und Heuchelei, das Spiel mit verdeckten oder gar gezinkten Karten. Aber alles kommt auf Lauterkeit an.

„Selig“ heißt es deshalb in der biblischen Bergpredigt, also: zu beglückwünschen sind jene, „die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen“.  Mit der lauteren Lebensart wird das Größte verbunden, was es für den Menschen überhaupt gibt: Gott schauen, also seine Gegenwart erfahren.

Und Herz – das ist der ganze Mensch. In der Bibel ist damit das Zentralorgan menschlichen Denkens, Wollens und Handelns gemeint, die Drehscheibe von allem.

Die gesamte christliche Spiritualität orientiert sich an dieser Seligpreisung: so wie sich im klaren Wasser Himmel, Wolken und Bäume spiegeln, so Gottes Liebe im reinen Herzen.

Das ist das Ziel, das ist die feste Zusage, das ist der Grund wahren Lebens. Authentisch soll es werden, transparent, einfaltig. Dieses Wort gebrauchen jene gottdurchlässigen Menschen gerne, die wir Mystiker nennen.

So wie die Farben bis zur Kenntlichkeit eingefaltet sind ins strahlende Licht, so sei es beim Menschen, der reinen Herzens ist. Und selbst wenn ein Philosoph wie Immanuel Kant nach der reinen Vernunft und ihren Grenzen fragt, ist dieser Wunsch nach Lauterkeit im Spiel.

Selbsterkenntnis und Gottesschau hängen innerlich zusammen. Wer sich wirklich auf die Reise nach innen begibt, begegnet dem Geheimnis, das wir Gott nennen. Und er schaut neu und anders auf die Welt und die Mitmenschen. Denn man sieht nur mit Herzen gut, mit dem reinen und gereinigten.

Um diese Innerlichkeit geht es, um den aufrechten Gang und den liebevollen Blick. Jesus war ein Gesinnungstäter, völlig durchdrungen von Gottes schenkender Liebe. Ganz von Gottes Gegenwart erfüllt, wusste er, wozu er da war und was es zu tun galt. Selbstbewusst in Gott, konnte er selbstlos für andere da sein, und das bis zum Äußersten.

„Selig, die reinen Herzens sind.“

Das liest sich wie ein Porträt Jesu selbst und seiner Gottesschau. Es intoniert die Musik christlicher Mystik und authentischer Spiritualität. Alles kommt darauf an, innerlich klar zu werden, eindeutig und redlich.

Halten wir inne, machen wir den Gegencheck. Wir leben in einer Welt, in der es z.B. sogenannte ethnische Säuberungen gibt, welch ein schreckliches Wort. Nach Auschwitz wissen wir erschreckend gut, wozu selbsternannte Saubermänner fähig waren und sind.

Und wer kennte nicht die Gefahr, statt des eigenen Gesichts bloß reine Fassade zu zeigen. Da können wir noch so gut dastehen. Aber was Blendwerk ist, kommt irgendwann doch heraus.

Nicht um blitzsauberes Verhalten geht es, nicht um Imagepflege und Sozialprestige auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten – nein, das reine Herz meint den durch und durch stimmigen Menschen, den gottdurchlässigen, selbstbewusst und selbstlos zugleich, unbestechlich und voller Sympathie – also mitleidensfähig, unerbittlich und gesprächsfähig.

Da muss nichts vorgetäuscht werden, da muss man nicht blenden und anders sein als man ist. Vor allem muss man nicht auf fatale Weise Gott spielen und herumsäubern, bei anderen und auch bei sich selbst. Reinheit ergibt sich nämlich fast von selbst – im Feuer der Liebe nämlich, die ehrlich macht und durchsichtig.

Wohl jeder hat schon Mitmenschen getroffen, die uns diese Herzensreinheit ahnen lassen. Und vielleicht gehören wir sogar selbst schon dazu.

„Selig, die reinen Herzens sind, sie werden Gott schauen.“


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Dieser Beitrag wurde am 06.09.2022 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Gotthard Fuchs

Pfarrer Dr. Gotthard Fuchs, wurde 1963 in Paderborn zum Priester geweiht und hat seitdem zahlreiche Tätigkeiten in Seelsorge und theologischer Lehre, in Beratung- und Bildungsarbeit geleistet. Von 1983 bis1997 war Fuchs Direktor der Katholischen Akademie der Diözesen Fulda, Limburg und Mainz; zuletzt war er Ordinariatsrat für Kultur-Kirche-Wissenschaft. Seine Schwerpunkte liegen auf der Geschichte und Gegenwart christlicher Mystik im Religionsgespräch, auf dem Verhältnis von Theologie und Psychologie und von Seelsorge und Therapie. Zu diesen Themen hat er zahlreiche Veröffentlichungen publiziert. Kontakt
gotthardfuchs@t-online.de 
 

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