Feiertag, 04.09.2022

von Christian Feldmann

„Lieben, bis es weh tut“ Vor 25 Jahren starb Mutter Teresa

Mutter Teresa ist auch heute noch ein weltbekanntes Sinnbild für Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe. Ihre Arbeit für die Ärmsten und Ausgegrenzten hat andere Menschen auf der ganzen Welt inspiriert. Doch es gibt auch Kritik an der Heiligen: Ihre Hilfe sei nicht nachhaltig, sie sei nur eine Feindin der Aufklärung und spiele mit ihrem Tun den weltlichen Mächten in die Hände.

© 1986 Túrelio (via Wikimedia-Commons), 1986

Die Menschen verehrten sie wie einen zweiten Christus. Die Unbefangenheit, mit der sie Sterbende in die Arme schloss, schien die stürmische Liebe Gottes zu seinen ärmsten Kindern widerzuspiegeln. UN-Generalsekretär Perez de Cuellar schmeichelte ihr 1985, sie sei ohne Frage „die mächtigste Frau der Welt“.

Mittlerweile trägt der Flughafen in der albanischen Hauptstadt Tirana ihren Namen, und 1998 benannte man sogar einen Asteroiden nach ihr: „4390 Madreteresa“.

Papst Benedikt XVI. erwähnte sie in seiner Enzyklika über die Liebe „Deus caritas est“ mehrfach als Beispiel, dass Spiritualität den Kampf gegen das Elend mächtig zu inspirieren vermöge.

Ihr Glaube blieb ein Risiko

Doch wenige Jahre nach ihrem Tod 1997 drohte die „Heilige von Kalkutta“ jäh von ihrem Sockel zu stürzen. Schuld daran waren die Aufzeichnungen der Ordensgründerin über ihr intimes Leben mit Gott, die bis dahin nur wenigen bekannt waren und damals veröffentlicht wurden.

Den Inhalt fanden manche ihrer begeisterten Verehrer und Verehrerinnen unerhört:

„Der Himmel bedeutet nichts mehr, für mich schaut er wie ein leerer Platz aus“,

stellt Mutter Teresa darin traurig fest.

„Wofür arbeite ich? Wenn es keinen Gott gibt, kann es auch keine Seele geben. Wenn es keine Seele gibt, dann, Jesus, bist auch Du nicht wahr. Der Himmel, welche Leere – kein einziger Gedanke an den Himmel dringt in meinen Geist ein, denn dort ist keine Hoffnung.

Die Leute sagen, dass sie sich näher zu Gott gezogen fühlen, wenn sie meinen festen Glauben sehen. Ist das nicht ein Betrug an den Leuten?“ 

Solche Aussagen müssen Christen nicht schockieren. Auch andere in der Katholischen Kirche verehrte Heilige wie die charmante Thérèse von Lisieux oder der dunkle spanische Mystiker Juan de la Cruz haben ähnliche Erfahrungen gemacht.

Dahinter steckt das Wissen, dass Glaube immer ein Risiko ist und nie ein Besitz. Und die Zerrissenheit eines Menschen, der die Welt der Armen in ihrer ganzen scheußlichen Realität wahrnimmt und gleichzeitig mit allen Fasern seines Herzens glaubt – zu glauben versucht -, dass ein guter Gott diese von Grausamkeit und Gewalt, Egoismus und Gemeinheit erschütterte Erde geschaffen hat.

Menschen wie Mutter Teresa gelingt es, solche bitteren Erfahrungen – unter Tränen – zu verwandeln. Das Gefühl, von Gott nicht geliebt zu sein, bringe sie den Armen noch näher und bedeute die Teilnahme an der Passion Jesu, erklärt Mutter Teresa und entschließt sich, dann eben „die Dunkelheit zu lieben“.

Als Papst Franziskus 2016 die große kleine Nonne aus Kalkutta heiligsprach, gewann der Himmel vielleicht keinen neuen Erzengel in Glanz und Glorie dazu – aber die Menschen bekamen eine Weggefährtin an ihre Seite.

Eine Zugfahrt, ein Geistesblitz und ein Austritt aus dem Kloster

Die abenteuerliche Lebensgeschichte, die wir erzählen wollen, begann am 10. September 1946 in einem Zugabteil zwischen Kalkutta und Darjeeling in Indien. Eine gewisse Schwester Teresa von den Englischen Fräulein, die an der St. Mary´ s High School in Kalkutta Geschichte und Erdkunde unterrichtet, will im Kurort Darjeeling Urlaub machen.

Während der nächtlichen Eisenbahnfahrt bricht es wie ein Blitz über sie herein: Sie muss noch einmal „aussteigen“, muss der Entscheidung für die bisweilen harte Existenz im Orden eine noch härtere hinzufügen.

„Ich musste das Kloster verlassen und den Armen helfen, indem ich unter ihnen lebte“,

erinnert sie sich später.

„Ich hörte den Ruf, alles aufzugeben und Christus in die Slums zu folgen, um ihm unter den Ärmsten der Armen zu dienen. Ich wusste, es war sein Wille, und ich musste ihm folgen.“

Teresa tauscht ihre Ordenstracht mit dem Sari (weiches, stimmhaftes s) der Armen Indiens, weiß mit blauer Borte, einen Euro wert. In Patna macht sie sich bei den „American Medical Missionary Sisters“ mit Hygiene und Krankenpflege vertraut.

Dann mietet sie in Kalkutta, mitten im Slum, eine Hütte, sucht sich ein paar Kinder zusammen und bringt ihnen das Alphabet bei. Sie zeigt den Kleinen, wie man sich wäscht, schenkt ihnen ein Stück Seife zur Belohnung, wenn sie aufmerksam sind.

Sie geht betteln, um halbverhungerten Familien Essen bringen zu können. Sie pflegt Kranke, besucht die Spitäler.

Sie suchten im Müll nach Neugeborenen

Vielleicht hätte Teresa trotz der ihr eigenen Verbissenheit nicht durchgehalten – wären da nicht die jungen Mädchen gewesen, die dachten wie sie, die sich ihr anschlossen und genauso zäh gegen die Not kämpften, die ihnen von jeder Straßenecke entgegenschrie. Die meisten waren ehemalige Schülerinnen Teresas aus der High School.

Auch sie zogen den weißen Sari an, und 1950 wurde der neue Orden gegründet, der heute „Missionaries of Charity“ heißt, Missionarinnen der Nächstenliebe.

Auf den Straßen begannen sie nach weggeworfenen Neugeborenen zu suchen, die niemand wollte, nach Frühgeburten vor allem. Sie fanden sie auf Müllkippen, auf den Treppen öffentlicher Gebäude. Zehntausende pflegten sie gesund in ihren Säuglingsheimen.

Oft holten sie auch größere Kinder zu sich, nahmen einer überlasteten Witwe mit fünf, sechs Kleinen eines oder zwei ab und gaben ihnen eine solide Handwerksausbildung.

Hilfe für Sterbende

Außerhalb Indiens jedoch begann man erst dann von Mutter Teresas Schwestern zu sprechen, als ihr Engagement für die Sterbenden bekannt wurde. Unterernährte Kinder aufzupäppeln, armen Leuten Reis und Brot zu bringen, das schien nichts Besonderes zu sein, aber in einem hoffnungslos übervölkerten Land Heime für Menschen zu bauen, die dem Tod geweiht waren und nur noch Stunden oder Tage zu leben hatten?

Nirgendwo sonst prallte Teresas unbedingte Wertschätzung für jedes noch so armselige Menschenleben so schmerzhaft mit bürgerlichen Wertmaßstäben zusammen wie hier.

Ein paar Stunden oder Tage menschlicher Wärme, ein Lächeln nach einem freudlosen Leben – für Teresa ist das keine sinnlose Mühe:

„Sie haben wie die Tiere gelebt. Da sollen sie wenigstens wie Menschen sterben!“

Am Ende ihres Lebens sollen die von den Straßen des Elends Aufgelesenen erfahren, dass sie von anderen Menschen erwünscht und von Gott geliebt sind.

„Keiner von unseren Leuten ist in Angst oder Verzweiflung gestorben“,

konnte Teresa in aller Aufrichtigkeit sagen. Und viele der so Betreuten überleben, können in Heimen und Rehabilitationszentren untergebracht werden oder bekommen eine Arbeit vermittelt.

Von Indien in die ganze Welt

Zwischen 4500 und 5100 Schwestern und mindestens 500 Brüder sollen der Ordensgemeinschaft „Missionare der Nächstenliebe“ heute angehören.

In rund 140 Ländern unterhält der katholische Orden mehr als 700 Heime für Sterbende, AIDS-Kranke, Lepra-Patienten, Obdachlose, ausgesetzte Kinder. Im Zentrum steht immer noch die Arbeit für Menschen, die ganz am Rand stehen, ausgegrenzt, stigmatisiert, vergessen. Menschen, die von den offiziellen Sozialprogrammen nicht oder nur schlecht erreicht werden.

Da gibt es in Berlin am Rand von Kreuzberg ein Klösterchen, dessen Schwestern jeden Tag zu den ganz einsamen Alten und Kranken im Kiez ausschwärmen; dazu betreiben sie eine Suppenküche mit 200 warmen Mahlzeiten täglich. Es gibt ein Obdachlosenzentrum in Hamburg-Altona, wo die Schwestern von den Kindern aus einer benachbarten katholischen Schule unterstützt werden.

In Chemnitz wandern oder radeln die Schwestern in die Problemecken der Stadt, in ihrem Kloster gibt es Essen und Betten für Obdachlose. Ein Tropfen auf den heißen Stein, richtig – aber ohne die Missionaries gäb´s nicht mal den.

Reis und Liebe teilen

Wenn die gebeugte, alte Frau mit den zahllosen Runzeln und dem strahlenden Lächeln im Gesicht in Interviews und Vorträgen von menschlicher Größe sprach, dann sang sie allerdings nicht ihren rastlos arbeitenden Schwestern und Brüdern ein Loblied und schon gar nicht den eigenen Pionierleistungen.

Viel lieber erzählte Mutter Teresa dann von denen, die selbst bittere Not leiden und doch den Blick für das Leid der anderen nicht vergessen haben. Ein freundlicher Herr habe sie einmal auf eine Hindufamilie mit acht Kindern aufmerksam gemacht, die seit Tagen nichts zu essen hatte.

„Ich nahm genug Reis für eine Mahlzeit und brachte ihn dorthin“,

erinnerte sich Teresa an die mühsam ihr Dasein fristende Familie.

„Ihre Augen glänzten vor Hunger. Zu meiner Überraschung nahm die Mutter den Reis, teilte ihn in zwei Hälften und ging hinaus zu einer weiteren Familie. Als sie zurückkam, fragte ich sie, was sie getan habe. Sie antwortete: ‚Sie sind auch hungrig.‘“

Mutter Teresa erzählte diese Geschichte 1979 in der Aula der Universität Oslo einem exklusiven Publikum, als sie den Friedensnobelpreis verliehen bekam.

Sie vergaß nicht zu erwähnen, dass es sich bei den Nachbarn der aufmerksamen Hindus um eine Moslemfamilie gehandelt habe. Ihre provozierende Frage an die vornehmen Zuhörer:

„Wissen wir, dass unser Nachbar unsere Liebe braucht?“

Sie tat es für Gott

Man fragt sich, wo die unwahrscheinliche Energie dieser kleinwüchsigen, hageren Frau herkommt, die leise und kunstlos spricht, die so gar keine strahlende Erscheinung darstellt und dennoch die Großen dieser Welt bei Preisverleihungen und Empfängen still und verlegen macht.

Ihre Gesprächspartner verblüfft sie durch Schlagfertigkeit. Einem amerikanischen Journalisten, der sie beim Versorgen einer brandigen, stinkenden Wunde beobachtet und erschrocken gesteht:

„Nicht für eine Million Dollar würde ich das tun!“,

erwidert sie lachend:

„Ich auch nicht!“

Sie tut es für Gott.

Handeln aus erfahrener Gottesliebe

Zu Gott hat Mutter Teresa eine Beziehung wie ein Kind zu seinem Vater. Sie findet ihn nicht in philosophischen Weltmodellen oder mystischen Erlebnissen, sondern hautnah in jedem Menschen, der ihr über den Weg läuft. Das ist ihr ganzes Geheimnis.

Ihre leidenschaftliche Liebe zu den Armen, Kraftlosen, Kaputtgemachten ist ihre Antwort auf eine Liebe, die sie selbst erfahren hat – als sie die Trostlosigkeit und Depression noch nicht kannte. Eine Liebe, von der sie immer gelebt hat, auch in Abgründen und Verzweiflung.

„Love as I loved you“, „Lieben, wie ich dich geliebt habe“

So steht es am Fuß des Kreuzes in ihren Hauskapellen.

Deshalb gelingt es den Schwestern offenbar tatsächlich, in den verdreckten Todeskandidaten am Straßenrand, in AIDS-Kranken und Leprösen Christus zu finden.

Für sie ist das keine fromme Phrase, sondern kraftvolle Wirklichkeit, sonst könnten sie dieses Dasein mitten in der Hölle nicht aushalten. Vor allem könnten sie dabei nicht lächeln und vor Güte strahlen.

Wie sehr kann geteiltes Leid helfen?

Natürlich ändert es wenig an ungerechten Gesellschaftsstrukturen und todbringenden Mechanismen des Welthandels, wenn die Erde an ein paar ausgewählten Plätzchen freundlicher wird. Und gewiss ist die Frage berechtigt, ob die aufopfernden Nonnen denen, die am sozialen Elend schuld sind, nicht am Ende noch einen gefährlichen Dienst leisten.

Doch nur wer das Elend teilt, meint Mutter Teresa, kann die Elenden befreien.

„Wie könnte ich den Armen ins Gesicht sehen, wie könnte ich ihnen sagen, ich liebe und verstehe euch, wenn ich nicht lebe wie sie?“

Teresa hat sich niemals eingebildet, die Slums ausrotten zu können. Sie wusste sehr wohl, dass alles, was die „Missionaries“ tun, nur ein Tropfen ist im Ozean des unermesslichen Elends.

„Aber wenn wir diesen Tropfen nicht in den Ozean des Leidens fallen ließen“,

sagte sie in ihrer entwaffnenden Logik,

„dann würde dem Ozean eben dieser eine Tropfen fehlen.“

Ja, wenn jeder einen einzigen Tropfen in den Ozean fallen ließe, wäre die Armut in der Welt zu besiegen.

Kritik an ihrer Caritas

Vor 25 Jahren, am 5. September 1997, starb Mutter Teresa im Alter von 87 Jahren. Damals mischte sich in die respektvollen Nachrufe auf die kleine Nonne aus Kalkutta sogleich die altbekannte Kritik an der unpolitischen Caritas.

Konnten international organisierte Ausbeuter und korrupte Provinzpolitiker nicht noch besser schlafen als vorher, beruhigt, weil sich die ungerechten Verhältnisse so schnell nicht ändern würden? Kurierten Teresa und ihre Helfer nicht mit einem immensen Aufwand an Symptomen herum, statt die Ursachen der Not bewusst zu machen?

Wäre es nicht wichtiger gewesen, todbringende Strukturen, mörderische Machtverhältnisse, die ungleiche Verteilung der Güter zu bekämpfen, statt Sterbenden die Hand zu halten?

Teresa, Engel der Todgeweihten und fanatische Fundamentalistin mit einem intoleranten Kinderglauben. Teresa, Inbegriff stürmischer Liebe ohne Ansehen der Person und Steigbügelhalterin eines autoritären Papstes.

Schon Anfang der 1980er Jahre hatte der scharfzüngige amerikanische Fernsehjournalist Christopher Hitchens den Vorwurf erhoben, die „heilige Kuh“ der Frommen sei in Wirklichkeit eine „Demagogin, Feindin der Aufklärung und Dienerin weltlicher Mächte“.

Kein Wort der Anklage

Man kann der Paradekatholikin aus Kalkutta eine Menge vorhalten. Die Seelenruhe, womit sie nach dem Chemieunglück in der indischen Industriestadt Bhopal den Angehörigen der Getöteten, Vergifteten, um ihr Augenlicht Gebrachten – Tausende waren es – geraten hatte, „zu vergeben, zu vergeben, zu vergeben“!

Kein Wort der Anklage gegen den amerikanischen Multi Dow Chemical, der die Katastrophe durch profitgierige Schlamperei verursacht hatte.

Man kann ihr vorwerfen, dass sie sich bei ihren zahllosen Reisen von Despoten und Diktatoren zu Propagandazwecken missbrauchen ließ. Statt die Verletzung der Menschenrechte einzuklagen, nahm sie Orden und Spendengelder von blutbefleckten Tyrannen wie „Baby Doc“ Duvalier auf Haiti.

Auch Katholiken, die sich für Teresas Sterbehäuser und AIDS-Hospize begeisterten, stöhnten über ihr Frauenbild und Demutsideal. Eine auch theologisch fragwürdige Schlagseite wurde offenbar, wenn sie menschliches Leid gar zu flott als Gnadengeschenk des Gekreuzigten interpretierte: Einer von wahnsinnigen Schmerzen geplagten Krebskranken versuchte Teresa mit dem Argument Mut zuzusprechen, Jesus müsse sie sehr liebhaben:

„Deine Schmerzen sind Küsse Jesu.“

Worauf die Todkranke unwirsch erwiderte:

„Mutter, dann bitte Jesus, dass er aufhören soll, mich zu küssen!“

Wie nachhaltig war ihre Hilfe?

Mit guten Argumenten tadelte man den Verzicht auf professionelle medizinische Behandlung in Teresas Sterbehäusern.

Kritiker schlugen vor, die gewaltigen Summen an Spenden auf wenige ausgewählte, optimal ausgestattete Projekte zu konzentrieren, statt sie in tausend flüchtigen Hilfsmaßnahmen versickern zu lassen.

Das alles mag richtig sein. Ob aber jene, die den Weg aus der sozialen Misere so genau kennen, auch fähig wären, einen von Teresas stinkenden, von Würmern zerfressenen Patienten anzufassen und so das gestörte Verhältnis zwischen Menschen zu verändern?

Nur wer das Elend teile, könne die Elenden befreien, behauptete die eigensinnige Menschenfreundin. Statt flammender Appelle die schlichte Probe aufs Exempel. Selbst zupacken, statt nur laut nach Gerechtigkeit zu schreien.

Jener australische Geschäftsmann hat eine Menge begriffen, der die Slums von Kalkutta sah, Teresa einen Scheck über eine sehr hohe Summe zusteckte und dann meinte, er sei überhaupt nicht mit sich zufrieden, er habe ja nichts von sich hergegeben.

Auf Teresas Rat begann er täglich in das Haus der Sterbenden zu gehen, die alten Männer zu rasieren, die zu schwach waren, es selbst zu tun, und sich mit ihnen zu unterhalten. Naive Ablenkungsmanöver – oder der bessere Weg, die Welt zu verändern?

Keine Zeit für die großen Probleme

Die übliche „Charity“, diese feine Unterscheidung machte die alte Frau gern, diene einem Zweck – gewiss einem ehrenwerten und notwendigen. Die Liebe der Christen aber diene einer Person. Eine Ärztin, die im Sterbehaus von Kalkutta mitgearbeitet hat, erfuhr es als „unglaubliches Privileg“, dort helfen zu dürfen.

Man überspringe eine Riesenkluft: Es seien dann nicht mehr diese Millionen armer Menschen, sondern jemand, den man selbst berührt habe.

Mutter Teresas „Sisters“ versuchen einfach, eine persönliche Antwort auf die Not zu geben, die ihnen entgegen schreit. Sie haben keine Zeit, über große politische Programme nachzudenken. Sie konzentrieren sich auf die Mängel im Menschen selbst: Egoismus, Besitzdenken, Machtgier, Gleichgültigkeit. Altmodisch ausgedrückt, auf die ganz persönliche Sünde.

Dieses Signal, dass das Habenwollen nicht die einzige Möglichkeit menschlicher Existenz ist und überdies nicht wirklich glücklich macht, kann freilich ein durchaus politisches sein: Wer so wie die „Missionare der Nächstenliebe“ gegen alle bürgerlichen Selbstverständlichkeiten anrennt und Besitzlosigkeit, Gewaltlosigkeit, ungeschütztes Vertrauen zum neuen Maßstab macht, der gefährdet die Aufteilung der Gesellschaft in Herren und Knechte möglicherweise nachhaltiger als jeder militante Revolutionär, weil er sie absurd erscheinen lässt.

Und Armut, wie sie Mutter Teresas Gemeinschaft lebt, wird zwangsläufig zum Gericht über einen Luxus, der wenigen zu Gute kommt auf Kosten der vielen.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.

Musik:

Michael Haydn – Alleluja! Surrexit Christus

Ron Allen – Mary goes to Jesus

Richard Galliano – Tanti anni prima

Ola Gjeilo – Sanctus

Ola Gjeilo – Ubi Caritas

Klaus Nomi – The Cold Song

Ola Gjeilo - Tundra


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Dieser Beitrag wurde am 04.09.2022 gesendet.


Über den Autor Christian Feldmann

Christian Feldmann, Theologe, Buch- und Rundfunkautor, wurde 1950 in Regensburg geboren, wo er Theologie (u. a. bei Joseph Ratzinger) und Soziologie studierte. Zunächst arbeitete er als freier Journalist und Korrespondent,  u. a. für die Süddeutsche Zeitung. Er produzierte zahlreiche Features für Rundfunkanstalten in Deutschland und der Schweiz und arbeitete am „Credo“-Projekt des Bayerischen Fernsehens mit. In letzter Zeit befasste er sich mit religionswissenschaftlichen und zeitgeschichtlichen Themen in der Sparte „radioWissen“ beim Bayerischen Rundfunk. Zudem hat er über 50 Bücher publiziert. Dabei portraitiert er besonders gern klassische Heilige und fromme Querköpfe aus Christentum und Judentum. Feldmann lebt und arbeitet in Regensburg.

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