Gottesdienst am 23. Sonntag im Jahreskreis

aus der Pfarrkirche St. Joseph in Chemnitz

Predigt von Propst Benno Schäffel

Propst Schäffel:
Wir haben so ein strahlendes Halleluja gesungen. Es bringt unsere Freude über das zum Ausdruck bringt, was wir gerade aus der Predigt Jesus gehört haben. Das Halleluja kommt uns bzw. dem Chor leicht über die Lippen, aber können wir das mit dem Verstand erfassen, von Herzen bejahen und mit Leben füllen, was Jesus da sagt? Auf den ganzen Besitz verzichten, die familiären Beziehungen hintanstellen und sogar sein eigenes Leben gering achten … dann kann man Jesu Jünger sein.

So viele verlassen gerade die Kirche und haben Gründe, die ernst zu nehmen sind. Aber was wir gerade gehört haben, ist das nicht noch mehr zum Davonlaufen?
Wer will das, wer kann in dieser Radikalität leben? Keine Sicherheiten - nur Jesus - das ist „Leben ohne Geländer“.
Mich irritieren die beiden Beispiele, mit denen Jesus in seiner Predigt diese Radikalität begründet: das vom Turmbau und das vom König, der in den Krieg ziehen will. Von denen wird gesagt, dass es gut und vernünftig ist, die eigenen Möglichkeiten durchzurechnen: „Habe ich genug auf der Kante, um die Baukosten für den Turm zu decken?“, soll der Turmbauer rechnen. „Ist mein Heer stark genug, um den Gegner zu besiegen?“, der Feldherr. - Ganz menschliche Berechnungen. Und dann sagt Jesus: Ebenso kann keiner mein Jünger sein, wenn er nicht auf alles verzichtet.

Ich verstehe: So wie der Baumeister und der Feldherr ihr Ziel nicht ohne klugen Realismus, den Faktencheck, erreichen werden, so wird man keine Jüngerin und kein Jünger Jesu, ohne den Verzicht auf den menschlichen Rückhalt. - Sei es die finanzielle Absicherung, sei es der Rückhalt der natürlichen Familie. Gerade das zweite ist eine der unerträglichsten Provokationen des Evangeliums.

Jesus überzeichnet, um uns zu provozieren und zu verstehen zu geben: die neue Währung heißt Vertrauen, von der Beziehung zu Ihm her ordnet sich alles neu. Wer sich auf dieses Wagnis einlässt, kann die Erfahrung machen, dass es einen geheimnisvollen Plan Gottes gibt, der besser ist als alle unsere Berechnungen.

Wer alles gibt, hat die Hände frei“, dieses Motto haben wir über unseren Gottesdienst gestellt. Es passt gut auf die Erfahrung der Schwestern der Hl. Mutter Teresa. Im Dezember des kommenden Jahres werden es 40 Jahre, dass sie hier auf dem Sonnenberg in Chemnitz eine Niederlassung haben. Heute liegt sie direkt gegenüber der neuen Unterführung aus dem Hauptbahnhof. Wer da rauskommt blickt auf ein großes Holzkreuz, wie man es als Wegkreuz in Bayern vielleicht erwarten würde, aber eher nicht in einem Chemnitzer Vorgarten. Viel beeindruckender Viel beeindruckender ist aber die lange Menschenschlange, die sich ab 14 Uhr vor der Tür bildet zur Ausgabe des warmen Essens.

Neben mir steht Sr. Kirstin. Sie ist eine der aktuell vier Mutter-Teresa-Schwestern hier in Chemnitz. Sie erzählt uns, was es für sie heißt, alles zu geben, um die Hände frei zu haben

Sr. Kristin:
Ich bin erst seit einem halben Jahr in Chemnitz. Aber ich bin schon als Jugendliche Mutter Teresa begegnet und sie hat mich auch hier, bei ihrem zweiten Besuch in Karl-Marx-Stadt in den Orden aufgenommen.

Die Art und Weise, wie die Schwestern das Evangelium leben und ganz Gott angehören, hat mich berührt. Ich habe verstanden: um mich ganz Gott anzuvertrauen, muss ich frei sein von anderen Sicherheiten. Ich bin da noch nie enttäuscht worden.

Da wir genug Räume zur Verfügung haben, nehmen wir Obdachlose bei uns auf. Wir teilen nicht nur das Essen mit ihnen, sondern wollen ihnen auch die Gelegenheit geben, Gott zu begegnen. Sie arbeiten im Haus und in der Suppenküche mit und sind bei unseren Gebeten dabei. Einer sagte mir diese Woche: „Ich habe schon 1788 Portionen Essen“ ausgegeben. Das gemeinsame Leben und Arbeiten gibt den Männern Halt. Manche gehen, manche bleiben, manche kommen wieder. Wir leben von Spenden. Unser Keller ist manchmal voller Lebensmittel, zurzeit ist er ziemlich leer. Aber es hat immer für die 100 Mahlzeiten gereicht, die wir täglich ausgeben zusammen mit anderen Dingen des täglichen Bedarfs. Manchmal füllt uns der himmlische Vater die leeren Hände im letzten Moment, damit wir weiter geben können.

Propst Schäffel:
Danke, Sr. Kristin, für dieses Zeugnis der Freiheit, die Gottes Handeln auf den Plan ruft.  - „Wer alles gibt, hat die Hände frei“. - Die Freiheit von den Dingen und von sich selbst öffnet für Gottes Gaben … und auch für die Menschen, das was sie ausmacht und ihre Not.

Wir bewegen uns in Chemnitz auf das Jahr 2025 zu, in dem wir Europäische Kulturhauptstadt sein werden. Sie steht unter dem inspirierenden Motto - auf Englisch - „C the unseen“. Im Schriftbild steht da ein großes „C“ wie Chemnitz. C – the unseen, „das Übersehene“. Chemnitz wird ja gern übersehen. Und dann soll man das „C“ aber auch auf Englisch lesen: „See – Schau hin“! „See the unseen“ – Sieh das, was nicht gesehen wird.

Uns hat dieses Motto inspiriert, die Vorbereitung auf die Kulturhauptstadt zu einem Übungsweg zu machen: Wir wollen dem und denen, die nicht gesehen werden, die übersehen werden, denen niemand Ansehen schenkt, unsere Aufmerksamkeit schenken, „See the unseen“.

Und wenn ich hier in Chemnitz über den Sonnenberg gehe, dann schlägt mein Herz höher, denn ich erlebe etwas, was für die kleine katholische Minderheit in Ostdeutschland singulär sein dürfte. Hier stoße ich im Radius von einem Kilometer nicht nur auf die Mutter-Teresa-Schwestern, sondern auf unzählige Beratungsstellen und Einrichtungen der Caritas und der Salesianer, mit ihren Angeboten für Kinder und Jugendliche, die durch ihre Biografie vielfach nicht gerade auf die Gewinnerseite der Gesellschaft stehen

Hier wird Menschen, die vielfach übersehen werden, Ansehen und Aufmerksamkeit geschenkt. Das ist nach dem Herzen Jesu.

„See the unseen“, das Motto der Kulturhauptstadt Chemnitz lässt mich nicht los. Wir sind hier in einem Umfeld, in dem sich 80% der Bevölkerung als „normal“ verstehen, d.h. nicht religiös. Wir erwarten 2025 zwei Millionen Besucher in unserer Stadt. Ich hoffe sehr, dass wir ein wenig von dieser Kultur der Freiheit von sich selbst und des Interesses am Nächsten zeigen zu können.

Das ist wohl auch das sprechendste Zeugnis von unserem Glauben an einen Gott, der ja auch ein „unseen“, ein oft nicht wahrgenommener ist.

Und dennoch ist er da und hält für jeden Leben in Fülle bereit.
Amen.


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Dieser Beitrag wurde am 04.09.2022 gesendet.





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