Wort zum Tage, 03.09.2022

Pfarrer Marco Schrage, Hamburg

Helmut

Jesus hat an seine Jünger einen ganz grundlegenden Anspruch gestellt. Nämlich „in der Welt“ zu sein, zugleich aber „nicht von der Welt“ zu sein. Ich habe in meinem persönlichen Umfeld schon erlebt, wie sich das konkret zeigen kann. Ich denke dabei an Helmut. Einen über 80jährigen.

Lebenslang ein sowohl arbeitsamer als auch geselliger Mensch. Stets hat er sich in Chöre eingebracht, er war nicht verheiratet und hat dort viele seiner Weggefährten und Weggefährtinnen gefunden.

Besonders gern hat er in Kirchenchören gesungen und wiederholt in beliebten Passionsvertonungen die Bass-Soli übernommen – ich selbst halte Musik, präzise Kunst im Allgemeinen ja für ein Angeld des Jenseits. Kürzlich wurde Helmut wegen einer nicht heilen könnenden Fußwunde ein Unterschenkel amputiert.

„In der Welt“ sein zu sollen meint, diese Welt als gute Schöpfung Gottes zu erkennen, sich dankbar in ihr zu verorten und wachen Geistes auf das zuzugehen, was zu ihr gehört.

In unserem Fall heißt dies, dass Helmut nach der Operation in die Reha-Klinik musste. Sein Gesundheitszustand war insgesamt nicht einfach und es handelte sich um einen langen Aufenthalt.

Er hat den Ernst der Situation keineswegs verkannt und sich Schritt für Schritt auf den konstruktiven Umgang mit der erheblichen Mobilitätseinschränkung eingelassen.

„Nicht von der Welt“ sein zu sollen meint, diese Welt nicht als unser Ein und Alles anzusehen, sondern als einen bloßen Teil und auf ein Darüberhinausgehendes bezogen: Dementsprechend können wir in dieser Welt weder alles gewinnen noch alles verlieren.

In unserem Fall heißt dies, dass Helmut seine Leidenschaft, das Chorsingen, in anderer Form weitergeführt hat. Es ist wahrscheinlich nicht verwunderlich, dass in der insgesamt eher drögen Atmosphäre einer Reha-Klinik ein planvoll und regelmäßig singender Patient nicht nur für Verblüffung sorgt, sondern vor allem Freude weckt; beim Personal, insbesondere aber bei Mitpatientinnen und -patienten.

Es verging nicht viel Zeit und es gab – mit Zustimmung und Unterstützung des Personals – eine regelmäßige Einladung an alle Gesangswilligen; zwar nicht zum Chorsingen, aber zum gemeinsamen Singen. In diesen Gesangsstunden haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gemeinsame Lebensfreude erfahren: eine Reha ganz eigener Güte.

„In der Welt“ sein, zugleich aber „nicht von der Welt“ sein – verortete Zugewandtheit und unabhängige Losgelöstheit: Wer sich von Jesu Auftrag ansprechen lässt, hebt diese Spannung nicht auf, sondern stellt sich ihr immer wieder neu und lebt sie positiv.


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Dieser Beitrag wurde am 03.09.2022 gesendet.


Über den Autor Marco Schrage

Marco Schrage – Priester des Bistums Osnabrück, Erststudium der Rechtswissenschaft und Italianistik, Zweitstudium der Philosophie und Theologie, Aufbaustudium in Moraltheologie, Promotion zu einem friedensethischen Thema – ist nach Tätigkeiten als Kaplan (Lingen/Ems), als Militärpfarrer an der Unteroffizierschule der Luftwaffe (Appen) sowie als wissenschaftlicher Projektleiter am Institut für Theologie und Frieden (Hamburg) seit September 2022 Mitarbeiter des Staatssekretariats in Rom. Kontakt: schrage@ithf.de

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