Wort zum Tage, 02.09.2022

Pfarrer Marco Schrage, Hamburg

Bewaffneter Konflikt

Im geistlichen Testament des Jesus von Nazareth, so wie es im Johannes-Evangelium überliefert wird, wird eine Lebenshaltung formuliert, die mich in ihren Bann zieht: „in der Welt“ zu sein, zugleich aber „nicht von der Welt“ zu sein.

Um zu illustrieren, wie es aussehen kann, sich dieser Spannung zu stellen und sie zu gestalten, wähle ich heute ein abstraktes Beispiel. Ich denke an den bewaffneten Konflikt zwischen Russland und der Ukraine.

„In der Welt“ sein zu sollen meint, sich wachen Geistes in dieser Welt zu verorten, sie in ihrer Komplexität zu erkennen und sich Entwicklungen gegenüber situationsangemessen zu verhalten.

In unserem Fall bedeutet dies, dass ein souveräner Staat, eine selbstregierte Bevölkerung Ziel einer bewaffneten Aggression ist. Es besteht für sie zwar keine Verpflichtung, sich dagegen mit legitimen Mitteln zu verteidigen, aber es ist ihr erlaubt - und die diesbezügliche Entscheidung trifft allein die betroffene, selbstregierte Bevölkerung.

Für den Fall, dass sie sich dazu entscheidet, ist es für Dritte, die dazu in der Lage sind, geboten, sie bei dieser Verteidigung in angemessener Weise zu unterstützen. Für eine solche angemessene Weise ist unter anderem einschlägig, dass sie nicht offensichtlich zu einer Verschlechterung der Gesamtsituation führen darf – einer Verschlechterung in dem Sinne, dass noch viel mehr Menschen schwer leiden und sterben.

„Nicht von der Welt“ sein zu sollen meint, diese Welt nicht als unser Ein und Alles anzusehen, sondern als einen bloßen Teil und auf ein Darüberhinausgehendes bezogen: Dementsprechend können wir in dieser Welt weder alles gewinnen noch alles verlieren.

In unserem Fall bedeutet dies – angesichts der äußerst ungerechten Situation, dass das schwere Leiden und Sterben der ukrainischen Bevölkerung sowie weitere Gebietsverluste nicht kurzfristig, sondern bestenfalls mittelfristig beendet werden können –, weder selbstüberschätzend die kurzfristig wirksame Eskalation zu wählen noch hoffnungslos verzweifelt das Geschehen seinen Lauf nehmen zu lassen.

Vielmehr bedeutet es, den Weg der mittel- und langfristig wirksamen Möglichkeiten ebenso demütig wie nüchtern hoffnungsvoll zu verfolgen.

„In der Welt“ sein, zugleich aber „nicht von der Welt“ sein – verortete Zugewandtheit und unabhängige Losgelöstheit: Wer sich von Jesu Auftrag ansprechen lässt, hebt diese Spannung nicht auf, sondern stellt sich ihr und gestaltet sie immer wieder neu.


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Dieser Beitrag wurde am 02.09.2022 gesendet.


Über den Autor Marco Schrage

Marco Schrage – Priester des Bistums Osnabrück, Erststudium der Rechtswissenschaft und Italianistik, Zweitstudium der Philosophie und Theologie, Aufbaustudium in Moraltheologie, Promotion zu einem friedensethischen Thema – ist nach Tätigkeiten als Kaplan (Lingen/Ems), als Militärpfarrer an der Unteroffizierschule der Luftwaffe (Appen) sowie als wissenschaftlicher Projektleiter am Institut für Theologie und Frieden (Hamburg) seit September 2022 Mitarbeiter des Staatssekretariats in Rom. Kontakt: schrage@ithf.de

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