Wort zum Tage, 01.09.2022

Pfarrer Marco Schrage, Hamburg

Grundentscheidung

Im Johannes-Evangelium trägt Jesus seinen Jüngern auf, „in der Welt“ zu sein, zugleich aber „nicht von der Welt“ zu sein. Ich wähle heute ein konkretes Beispiel, um eine unprätentiöse Weise anschaulich werden zu lassen, sich dieser Spannung zu stellen und sie positiv zu leben.

In meinem Arbeitsumfeld habe ich – jeweils unabhängig voneinander – vier junge Erwachsene erlebt zwischen 26 und 30 Jahren: Tim, Tabea, Lukas und Jaqueline.

„In der Welt“ sein zu sollen meint, diese Welt als gute Schöpfung Gottes zu erkennen, sich dankbar in ihr zu verorten und wachen Geistes auf das zuzugehen, was zu ihr gehört. In unserem Fall heißt dies, dass die vier jungen Erwachsenen sich privat und beruflich selbst anbinden und ebenso einbinden lassen.

Beruflich in den unterschiedlichen Kontexten eines Radiosenders, der Entwicklungszusammenarbeit, des Horts einer Schule oder der Medienarbeit. In ihren je eigenen privaten Umfeldern in der Fürsorge für anvertraute Kinder, der Offenheit für Unbekannte sowie allgemein einer gesellschaftsbejahenden Lebensfreude.

„Nicht von der Welt“ sein zu sollen meint, diese Welt nicht als unser Ein und Alles anzusehen, sondern als einen bloßen Teil und auf ein Darüberhinausgehendes bezogen: Dementsprechend können wir in dieser Welt weder alles gewinnen noch alles verlieren.

In unserem Fall heißt dies, dass in Tim, Tabea, Lukas und Jaqueline vor ein paar mehr oder weniger Jahren in unaufgeregter Weise eine Grundentscheidung gereift ist: Die Grundentscheidung das eigene Leben mit Gott und in gemeinschaftlichen Glaubensvollzügen zu führen, sodass sowohl das persönliche Gebet als auch das Zusammenkommen zum Gottesdienst aus innerer Sehnsucht für sie zum Kontinuum geworden sind.

Angesichts der heutigen gesamtgesellschaftlichen Rahmengegebenheiten in Deutschland kann es verlockend sein, entweder ganz säkular oder in spiritueller Abgrenzung zu leben.

Vor diesem Hintergrund beeindrucken mich die Lebensweisen der vier genannten jungen Erwachsenen; sind sie doch – vom eigenen Nahbereich inspiriert und durch individuelle Charismen geprägt – gegen Ende der 2010er-Jahre bedacht entstanden und gefestigt worden.

„In der Welt“ sein, zugleich aber „nicht von der Welt“ sein – verortete Zugewandtheit und unabhängige Losgelöstheit: Wer sich von Jesu Auftrag ansprechen lässt, hebt diese Spannung nicht auf, sondern stellt sich ihr immer wieder neu und lebt sie positiv.


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Dieser Beitrag wurde am 01.09.2022 gesendet.


Über den Autor Marco Schrage

Marco Schrage – Priester des Bistums Osnabrück, Erststudium der Rechtswissenschaft und Italianistik, Zweitstudium der Philosophie und Theologie, Aufbaustudium in Moraltheologie, Promotion zu einem friedensethischen Thema – ist nach Tätigkeiten als Kaplan (Lingen/Ems), als Militärpfarrer an der Unteroffizierschule der Luftwaffe (Appen) sowie als wissenschaftlicher Projektleiter am Institut für Theologie und Frieden (Hamburg) seit September 2022 Mitarbeiter des Staatssekretariats in Rom. Kontakt: schrage@ithf.de

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