Wort zum Tage, 31.08.2022

Pfarrer Marco Schrage, Hamburg

Abschreckung?

„In der Welt“ zu sein, zugleich aber „nicht von der Welt“ zu sein, so lautet eine mich faszinierende Lebensweisung, die Jesus von Nazareth denjenigen gibt, die mit ihm zusammen sind.

Um zu illustrieren, wie es aussehen kann, sich dieser Spannung zu stellen und sie zu gestalten, wähle ich heute ein abstraktes Beispiel. Ich denke an die nukleare Abschreckung.

„In der Welt“ sein zu sollen meint, sich wachen Geistes in dieser Welt zu verorten, sie in ihrer Komplexität zu erkennen und sich Entwicklungen gegenüber situationsangemessen zu verhalten.

In unserem Fall bedeutet dies, beispielsweise zu erkennen, dass ohne nukleare Abschreckung die Wahrscheinlichkeit konventioneller Konfrontationen an manchen Stellen unserer Welt heute wachsen würde, wie in Taiwan, auf der koreanischen Halbinsel oder in der Kashmir-Region; ebenso bedeutet es zu erkennen, dass eine globale Nullrüstung tyrannisches Verhalten aufrüstender Autokratien begünstigen kann, dass es also auch in einer ganz und gar kooperativen Weltordnung noch einer abschreckenden Minimalreserve unter Kontrolle einer unabhängigen internationalen Organisation bedürfen wird.

„Nicht von der Welt“ sein zu sollen meint, diese Welt nicht als unser Ein und Alles anzusehen, sondern als einen bloßen Teil und auf ein Darüberhinausgehendes bezogen: Dementsprechend können wir in dieser Welt weder alles gewinnen noch alles verlieren. In unserem Fall bedeutet dies, die innerweltliche Unumgänglichkeit nuklearer Abschreckung weder illusionär zu überwinden noch sie resigniert hinzunehmen. Vielmehr ermöglicht uns diese Einstellung, die innerweltliche Unumgänglichkeit zugleich als das zu bezeichnen, was sie ist: hochdefizitär und moralisch unerlaubt.

Sowohl die Unumgänglichkeit als auch die Unerlaubtheit nuklearer Abschreckung zu bejahen, schließt sich nicht gegenseitig aus – wenn man sich unter den Anspruch stellt, „in der Welt“, zugleich aber „nicht von der Welt“ sein zu sollen. Beide sind sogar in asymmetrischer Weise aufeinander angewiesen: Denn das Zugeständnis der Unumgänglichkeit der Abschreckung ist der Ermöglichungsgrund, um deren Unerlaubtheits-Aspekt überhaupt wirksam vertreten zu können; und das Zugeständnis der Unerlaubtheit der Abschreckung ist der Sinnhaftigkeitsgrund, um deren Unumgänglichkeits-Aspekt überhaupt sinnvoll vertreten zu können.

„In der Welt“ sein, zugleich aber „nicht von der Welt“ sein – verortete Zugewandtheit und unabhängige Losgelöstheit: Wer sich von Jesu Auftrag ansprechen lässt, hebt diese Spannung nicht auf, sondern stellt sich ihr und gestaltet sie immer wieder neu.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 31.08.2022 gesendet.


Über den Autor Marco Schrage

Marco Schrage – Priester des Bistums Osnabrück, Erststudium der Rechtswissenschaft und Italianistik, Zweitstudium der Philosophie und Theologie, Aufbaustudium in Moraltheologie, Promotion zu einem friedensethischen Thema – ist nach Tätigkeiten als Kaplan (Lingen/Ems), als Militärpfarrer an der Unteroffizierschule der Luftwaffe (Appen) sowie als wissenschaftlicher Projektleiter am Institut für Theologie und Frieden (Hamburg) seit September 2022 Mitarbeiter des Staatssekretariats in Rom. Kontakt: schrage@ithf.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche