Am Sonntagmorgen, 28.08.2022

Gotthard Fuchs, Wiesbaden

Beten ist keine Einbahnstraße. Vom Gott-Entdecken

Beten ist Kommunizieren mit Gott. Das bedeutet, auch Ihn mit ins Gespräch zu nehmen, seinen Bitten zuhören und ihn nicht alleine zu lassen.

 

 

© Aaron Burden / Unsplash

Ein pfiffiges Kerlchen ist der kleine Kilian, hellwach und neugierig nimmt er alles in den Blick und wenn es geht, auch in den Mund. Immer neu ist es ein Wunder, wenn die ersten Worte kommen, später vom ersten Ich-Sagen ganz zu schweigen.

Als es dann bei Kilian endlich so weit war, kam als erstes Wort Mamma, und das schier unersättlich: Alles war ihm zuerst Mamma. „Mamma“, in diesem einen Wort lagen alle Worte noch eingefaltet wie die Farben im Licht. 

Wenn denn Leben heißt, sich entfalten, dann wird dies für uns Menschen am greifbarsten in der Sprache, in der nonverbalen der Gebärden schon, aber besonders in den verbalen, in den ausdrücklichen Wort- und Satzbildungen.

Warum beginne ich dieses Nachdenken über das Beten mit dem Blick auf die Sprache? Klar, weil beide innigst zusammengehören und derselben Wurzel entspringen. Mit dem Geburtsschrei fängt alles an, mit dem letzten Seufzer hört es auf. Und dazwischen öffnen sich die Sprach- und Beziehungsräume, die das Leben sind.

Am elementarsten vielleicht sind die Seufzer, das Ach der Lust und der Not, das staunende Oh. Menschwerden heißt offenkundig: sich angesprochen wissen und antworten lernen.

Das Ich wird am Du, und meine Welt ist das, was mich angeht und anspricht. Wir werden und wachsen an allem, was uns begegnet und anmacht. Immer vorausgesetzt, dass wir uns auch ansprechen lassen.

Beten ist Seufzen und Staunen

Genau dieses Interesse, diese Offenheit, ist beim kleinen Kilian zu lernen. Alles, was da ist und geschieht, kann und will uns etwas sagen und wir sehen uns eingeladen und herausgefordert, unsererseits zu antworten.

Derart angeregt und angesprochen, finden wir unser Lebenswort und unsere Sprache, und es entsteht, was wir sind: Austausch, Dialog, Gespräch. Nichts ist betrüblicher als ohne Ansprache zu sein und kein Gehör zu finden. Sprechen ist keine Einbahnstraße!

Warum also dieser Einstieg zum Thema „Gebet“ beim Hören und Sprechen? Die Antwort gab z.B. Günther Eich mit seiner Büchnerpreisrede.

„Von Gott kann man nicht sprechen, wenn man nicht weiß, was Sprache ist. Tut man es dennoch, so zerstört man seinen Namen und erniedrigt ihn zur Propagandaformel.“

Von Gott kann man dann nicht sprechen, und mit ihm schon gar nicht. Gemeint ist ja das große Gegen-Über in allem, das Nicht-Selbstverständliche und Unbegreifliche. Beten ist die Aufmerksamkeit der Seele für das Geheimnis des Daseins. Für das Geheimnis, das die monotheistischen Religionen Gott nennen.

Dass überhaupt etwas ist und nicht nichts, ist ja bei Lichte besehen unglaublich. Warum das Gute und Schöne, ja, warum auch das Schreckliche und sogar Böse? Im Entdecken der Welt entstehen die Fragen nach dem, was ist und gilt. Beten ist die Erhebung der Seele zu Gott, so lautet ein alter Vorschlag.

Ich könnte auch sagen: Beten ist adressiertes Seufzen und Staunen, ohne ausgesprochene Worte schon, aber eben auch ausdrücklich und womöglich in täglicher Übung.

Mit der Sonne gehen 

Nehmen wir die religiöse Urszene schlechthin, den Sonnenaufgang. Mit dem morgendlichen Erwachen gehen die Augen auf, wir erblicken das Licht der Welt. Erleuchtung geschieht – und das selbst in Zeiten der Lichtverschmutzung.

So wie Dinge das Morgenlicht erwarten, so möge der Mensch offen sein für das Geheimnis des Daseins, meinte Simone Weil. Und unnachahmlich dichtete Guiseppe Ungaretti:

„Vom Unermesslichen werde ich erleuchtet.“

Kürzer und schöner kann man es kaum sagen. Im biblischen Psalm heißt es:

„In deinem Licht sehen wir das Licht.“ 

Mit solchem Du-Sagen ist ein weiterer kühner Schritt getan: aus dem Staunen und Meditieren wird ausdrücklich Beten, Anbeten sogar. Wunderbar sagt es ein neueres Kirchenlied:

„Behutsam nimmst du fort

die Dämmrung von der Erde,

sprichst jeden Morgen neu dein Wort:

Es werde, es werde.“

Kein Wunder, dass die Christen ihre Kirchen zum Osten ausrichteten. Und auch ihre Toten begruben sie Richtung „Orient“. Ex oriente lux. Beten heißt ihnen: den Aufgang der Sonne erwarten und dann tun, was einleuchtet und aufgegeben ist. Und dabei nie das Atmen vergessen, dieses Wunder des Lebens.

„Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete.“

Für Christenmenschen kommt beim Beten eine besondere Pointe hinzu, und mehr als eine Pointe. Sie haben ja eine Vorliebe für Jesus von Nazareth und erkennen in ihm ihren Christus, die Sonne der Gerechtigkeit.

Vertrauensvolles Bitten

Sehr plastisch berichtet entsprechend Paulus von seiner Christusentdeckung und Lebenswende. Mitten im Streit mit seinen Korinthern erinnert er sich:

„Gott, der sprach: Aus Finsternis soll Licht aufleuchten; er ist in unseren Herzen aufgeleuchtet, damit wir erleuchtet werden des göttlichen Glanzes auf dem Angesicht Christi.“

(2 Kor 4,6)

Dem Paulus ist wortwörtlich ein Licht aufgegangen, der Sonnenaufgang draußen und die Erleuchtung drinnen gehören ihm untrennbar zusammen – und das auf dem strahlenden Angesicht Christi. Ja, Christen beten im Namen Jesu und in seinem Geist. „Mit ihm und durch ihn und in ihm“ nehmen wir alles ins Gebet.

Jesus selbst, der jüdische Fromme aus Nazareth, war offenkundig ein großer Beter, gottdurchlässig und geistesgegenwärtig wie er war. Typisch für ihn ist folgender Merksatz, den Markus überliefert (11,24): 

„Alles, worum ihr betet und bittet – glaubt nur, dass ihr es erhalten habt, dann wird es euch zuteil.“

Ziemlich verrückt: Beten ist demnach nicht zuerst die Erfüllung meiner Wünsche; das eigentliche Wunder ist das vertrauende Bitten selbst. Indem wir uns betend auf Gottes Gegenwart verlassen, ist das Entscheidende schon passiert, nein geschenkt: Ich überlasse mich in Bitte und Dank einem anderen. Genauso lehrte Jesus am Leitfaden des Vaterunsers zu beten.

Beten heißt anfangen

Aber kommen wir nochmal zurück zum kleinen Kilian: sprechen will gelernt sein, beten will gelernt sein. Bitte und danke sind die Grundworte unserer Kommunikation. Um dieses Doppelalphabet auszubuchstabieren, braucht es ein ganzes Leben.

Deshalb nannte ich das Beten adressiertes Seufzen – mit Dank und glücklich über jeden Sonnenaufgang draußen und drinnen, mit Bitten und angestrengt oft wie bei Geburtswehen, wo Neues herauswill.

„Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt.“

So schrieb der Apostel Paulus, und fügt überraschend hinzu:

„Auch wir, die wir den Geist Gottes empfangen haben, wir seufzen in unserem Herzen und warten… Wir wissen ja nicht, was und wie wir richtig beten können, aber der Geist Gottes springt für uns ein mit unaussprechlichen Seufzern.“

(Röm 8,22f)

Diese Stelle aus dem Neuen Testament finde ich besonders hilfreich. Denn da wird auch die Not des Betens realistisch angesprochen. Im Grunde ist beten immer ein Anfangen, und womöglich bin ich schon am Beten, wenn ich etwas anfangen kann mit dir und mir und überhaupt.

„Gott fängt an, nicht wir“

Klaus Hemmerle, der frühere Aachener Bischof, erzählt dazu folgende Geschichte:

Da fragt der Meister seine Schüler, wie das Beten beginnt. „In der Not“, sagt der eine. Der zweite antwortet: „Im Jubel“. Der dritte meint: „In der Stille.“ Der vierte: „Im Stammeln des Kindes.“

„Ihr habt alle gut geantwortet“, sagt der Meister. Aber es gibt einen Anfang, der noch früher ist als die vier genannten: „Das Gebet fängt an bei Gott selbst. Er fängt an, nicht wir.“ In der Tat: Schon wenn ich meditieren oder beten will, ist ja etwas mit mir passiert. Da ist ja ein Wünschen und Sehnen schon in uns.

Verschweigen wir die größte Not des Betens nicht: wie oft stellt sich das Gefühl ein, man spräche ins Leere oder nur mit sich selbst! Dass der lebendige Gott eine personale Wirklichkeit ist, wirklich hörfähig, ansprechbar und antwortwillig – das können viele nicht glauben. Geht das Beten nicht ins Leere? Aber, so fragen schon die Psalmen Israels:

„Sollte der nicht hören, der das Ohr eingepflanzt hat, sollte der nicht sehen, der das Auge geformt hat?“

(Ps 94,9f)

Die größte Not des Atheisten sei, dass er nicht wisse, wohin mit seinem Dank. Das meinte z.B. Elias Canetti, und das nicht ohne Melancholie und Trauer. Erinnern wir uns also des Wortes Jesu:

„Glaubt, dass ihr empfangen habt und ihr werdet empfangen.“

Man könnte diesen biblischen Gebetsglauben auch in folgende Faustregel zusammenfassen:

„Alles mit Gott oder alles gegen Gott – aber nichts ohne Gott.“

Schweigt Gott?

Sei es Bitte, sei es Dank, sei es Klage, ja Anklage und Fluch, oder Jubel und Hymnus – alles meinem Gott zu ehren! Genau das war die Lebensart Jesu bis hin zu seinem letzten schwersten Gebetskampf, das ist die Haltung derer, die selbst in Ausschwitz gebetet haben und in den Gulags dieser Welt nicht verzweifeln.

Eine Geschichte erzählt von einem schwer leidenden Rabbi, der trotzdem nie aufhörte zu beten.

„Wie kannst du noch mit Gott reden, wo er doch schweigt?“, fragten ihn vorwurfsvoll die Schüler. Er antwortete: „O nein, er redet schon mit mir. Er antwortet nur nicht. Und er wiederholt sich!“

Ja, Sprechen ist keine Einbahnstraße, und Beten auch nicht. Zwar fängt alles wie bei Klein Kilian an: Wir reagieren und wollen etwas, wir sprechen mit Gebärden und Worten zu anderen.

Wir sagen „Mama“ und „Papa“, und so lernen Jesusleute das „Vaterunser“ – je nach Glaubensalter verschieden. Seit dem Tod meines Vaters z.B. spreche ich das Vaterunser anders als früher.

Wie schwach und bedürftig mein Vater damals doch geworden ist. Die übliche Anrede „Allmächtiger Gott und Vater“ hat für mich nun einen anderen Klang. Ich ahne mehr auch von der Ohnmacht Gottes, von seiner Not mit uns.

Wer als Erwachsener könnte noch an jenen Papa glauben, der von klein Kilian wie ein Alleskönner begrüßt und herbeizitiert wird? Wer, der Beziehungen auf gleicher Augenhöhe wagt und das Abenteuer der Liebe riskiert, wird nicht auf das Geheimnis wirklicher Wechselseitigkeit stoßen? So sagte z.B. Kierkegaard:

„Die Größe des Menschen ist es, Gottes zu bedürfen.“

Und das Geheimnis Gottes ist es, des Menschen bedürfen zu wollen. So lehren es Botschaft und Leben Jesu. Gott braucht den Menschen nicht – aber er will ihn brauchen.

Alles gehört ins Gebet

In diesem Wunder der Freiheit – ich will dich! – geschieht und gelingt Liebe.

„Gott will uns als Mitliebende“,

lautet ein Kernsatz christlichen Glaubens. Er will unserer Antwort und Verantwortung bedürfen. Wenn wir mit dieser Überzeugung betend Ernstmachen, dann kommt der bedürftige Gott in den Blick, ja der ohnmächtige und leidende.

Seine Allmacht entpuppt sich als unglaublich geduldige Verlässlichkeit. Auch mitten in Unrecht und Leid ist er rettend da. Er hat eine Schwäche für Welt und Mensch. 

„Wir suchten nicht: Du warst, der sucht und Heim ruft, die wir dir geflucht.“

So dichtete Jochen Klepper in der Nazizeit. Es scheint, als würde heutzutage das Geheimnis des ohnmächtigen Gottes tiefer entdeckt, der um unser Gehör bittet. Besonders eindringlich hat das Etty Hillesum in den bitteren Nazi-Zeiten ins Gebet genommen:

„Nur dies eine wird mir immer deutlicher: dass du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir dir helfen müssen, und dadurch helfen wir letzten Endes uns selbst. Es ist das einzige, auf das es ankommt: ein Stück von dir in uns selbst zu retten, Gott. Und vielleicht können wir mithelfen, dich in den gequälten Herzen der anderen Menschen auferstehen zu lassen.“

Ein unglaublicher Gedanke, bei dem ein Christ nicht zuletzt an Jesus von Nazareth denken wird. Ja, Beten ist keine Einbahnstraße, und Gottvertrauen auch nicht. Alles gilt es mit Ihm ins Gebet zu nehmen, auch Gott, gelobt sei er oder sie.

Aber das bedeutet für erwachsenden Glauben dann auch: Gottes Bitten zu erhören und Gott nicht länger allein zu lassen mit seiner wunderbaren Schöpfung. 

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.

Musik:

Philip Glass – Escape

Sokratis Sinopoulos Quartet – Lament

Loreena McKennitt – Penelope’s Song

Danish String Quartet – Unst Boat Song

Ola Gjeilo – Ubi caritas


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Dieser Beitrag wurde am 28.08.2022 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Gotthard Fuchs

Pfarrer Dr. Gotthard Fuchs, wurde 1963 in Paderborn zum Priester geweiht und hat seitdem zahlreiche Tätigkeiten in Seelsorge und theologischer Lehre, in Beratung- und Bildungsarbeit geleistet. Von 1983 bis1997 war Fuchs Direktor der Katholischen Akademie der Diözesen Fulda, Limburg und Mainz; zuletzt war er Ordinariatsrat für Kultur-Kirche-Wissenschaft. Seine Schwerpunkte liegen auf der Geschichte und Gegenwart christlicher Mystik im Religionsgespräch, auf dem Verhältnis von Theologie und Psychologie und von Seelsorge und Therapie. Zu diesen Themen hat er zahlreiche Veröffentlichungen publiziert. Kontakt
gotthardfuchs@t-online.de 
 

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