Gottesdienst am 21. Sonntag im Jahreskreis

aus der Pfarrkirche St. Servatius in Siegburg

Predigt von Diakon Marc Kerling

Haben Sie sich die Frage der Jünger auch schon ein-mal gestellt, liebe Schwestern, liebe Brüder, ob es „nur wenige“ sind, „die gerettet werden“?

Wir alle haben ganz verschiedene Fragen, haben Ungelöstes in unseren Herzen, und die Frage nach der Rettung gehört heute Morgen dazu.

Jesus beantwortet diese Frage, indem er auf die „enge Tür“ verweist, durch die jede und jeder durch muss, bevor er Eingang in den Himmel findet. Sie ist scheinbar unumgänglich, sie steht in jedem Leben, keiner kommt daran vorbei. Und irgendwann stehen wir vor ihr.

Besser spät als nie. Und doch kann es auch fatal en-den, wenn wir zu spät kommen, denn zu spät zu kommen heißt nicht nur, dass anderes wichtiger, auch wenn ich eine Ausrede oder Rechtfertigung zur Hand habe. Es heißt auch, dass sich durch das Zu-Spät-Kommen unbemerkt etwas verändert.

Klassisches Beispiel: Die Kinder schlafen immer schon, wenn ein notorisch Spätnachhausekommender heimkommt. Der Partner hat sich zurückgezogen. Ein friedliches Bild. Aber weiß der, der so spät heimkommt, was in der Familie vorgeht?

Seine Welt würde zusammenbrechen, bliebe die Tür eines Tages zu. Aber lebt er nicht längst in einer anderen Welt und sei es seine Arbeitswelt, die ihn völlig verein-nahmt?

Oder ein älterer Mensch kann nicht mehr. Ein Leben lang alles gemeistert, eine Familie großgezogen, den Kindern alles ermöglicht. Jetzt braucht er die Hilfe der Kinder. Die aber sind mit ihrer Arbeit, ihren Kindern und ihrem Haus ausgelastet und wollen von ihm nichts wissen.

Und mit Schrecken stellt er fest, dass seine Kinder so leben, wie er sie erzogen hat. Viel Leistung, Druck und Durchsetzungsvermögen, wenig Zeit, Einfühlung und Geborgenheit.

Das können wir überall sehen, in der Politik, Umweltbewusstsein, Nachhaltigkeit, Energiekrise, viel zu spät um andere Gaslieferanten gekümmert, um Impfstoff, aber auch in unserer Kirche – hätten wir sie nicht längst um-bauen müssen? Drehen wir uns nicht schon viel zu lange um uns selbst, um uns, die wir auch heute Morgen hier sitzen? Und nicht um die, die jetzt nicht hier sind?

Wenn die Tür zu bleibt, dann ist das die Quittung für ei-ne lange Vorgeschichte. Menschen, Beziehungen, unsere Umwelt, die uns zu lange egal sind, die immer nur nach uns selber an zweiter Stelle stehen, bieten uns irgendwann kein Zuhause mehr. Sie entziehen sich uns, so wie wir uns entzogen haben, ohne es zu merken.

Die erste Lesung sagt es deutlich: Sogar die, die sich dem Gottesdienst, der Beziehungspflege mit Gott widmen, erhalten eine schneidende Abfuhr. Die viel beten, beten ins Leere. Aber Gott sagt auch, warum das so ist.

Nicht, weil wir ihn zu wenig beachten würden, sondern, weil er der Anwalt derer ist, die wir zu wenig beachten. Er hält uns den Spiegel vor: Ich weigere mich, euch zu kennen, so wie ihr euch weigert, die Menschen um euch wirklich kennen zu lernen. Die Schotten bleiben dicht.

Und jetzt geschieht etwas sehr Merkwürdiges. Der Hausherr lässt noch einen klitzekleinen Spalt weit in sein Haus hineinsehen. Und der Spiegel, der uns vorgehalten wird, zeigt außer der Ablehnung noch ein anderes Bild.

Da sitzen welche fröhlich an seinem Tisch. Viele sogar. Ganz verschiedene aus unterschiedlichen Zeiten. All die, die sich früher oder später ganz auf andere eingelassen und darin Gottes Willen erfüllt haben. Sind sie nun gerettet, wir aber nicht? Das wäre die Botschaft, wenn das Zu-Spät für uns auch das Ende aller Zeitrechnung Gottes wäre.?

Der legt sich aber eben nicht schlafen, erstaunlicher-weise scheint das Fest gerade erst in die Gänge zu kommen. Von Osten, Westen, Norden und Süden kommen viele, um im Reich Gottes zu Tisch zu sitzen.

Und wenn Gott uns mit seiner Abweisung einen Spiegel vorhält; tut er es mit diesem Anblick ja vielleicht auch: Und wir spiegeln uns in dieser Festgesellschaft so, wie Gott uns als sein Ebenbild gedacht hat: Vielleicht hat er uns endgültig deshalb die Tür gewiesen, damit wir uns – endlich – wieder als Kinder Gottes und Geschwister der anderen sehen lernen. Damit wir uns danach sehnen, die anderen wirklich kennen zu lernen.

Wenn wir länger durch den Spalt schauen, entdecken wir, dass da auch Menschen sitzen, die wir in unserem Leben sehr vernachlässigt haben. Und wenn immer noch neue Menschen von überall her dazu kommen, würde es denn dann auffallen, wenn wir auch noch rein dürften?

Als verwandelte Menschen, die aufhören, immer zu spät zu kommen, weil wir zu sehr mit uns selbst beschäftigt sind. Wir würden uns wirklich für die anderen interessieren. Und feststellen, dass das, was da eng in meinem Weg steht, eine Tür ist. Die Tür zur Rettung und zum Himmel. Die Tür, die in die Weite führt.

Der Heilige Benedikt schreibt am Ende des Prologs zu seiner Ordensregel.

„Verlass nicht gleich voll Angst und Schrecken den Weg des Heils, der am Anfang nun ein-mal eng sein muss.“

Wir alle kennen Dinge, denen wir lieber aus dem Weg gehen, persönliche Ängste und Schrecken, die einen schnell drängen, eine andere Richtung einzuschlagen. Aber was ist es, das mich dazu bringt, zu fliehen und auszuweichen?

Wenn ich hinsehe und plötzlich erkenne, es ist der Weg des Heils selbst, brauche ich nicht zu fliehen, sondern darf einfach eine Weile still davor stehen bleiben.

Denn Benedikt will ja einen Weg eröffnen. Er spricht von der Enge, weil sie unvermeidlich ist. Sie bedrängt mich, aber sie sammelt auch die Kräfte. Ich stoße mich an ihr, aber es fällt auch viel Unwesentliches in ihr ab. In der Enge sortiert sich das Leben und manches sortiert sich sogar selbst aus.

Und Benedikt weiß:

„Sobald man im Glauben fortschreitet, weitet sich das Herz …“

Wie schön! Augenblicke, in denen einem das Herz ganz weit wird und sich das ganze Leben einfach auftut. Nicht der Weg wird weiter, sondern das Herz. Der Raum öffnet sich – wie durch eine Tür – durch das Äußere nach innen.

Ich will mich auf diesen Lernweg einlassen, durch die unvermeidliche Enge hindurch ein Mensch mit einem weiten Herzen zu werden. Und niemand hat besser auf den Punkt gebracht, wie das gehen könnte, als Rainer Maria Rilke. Er sagt schlicht und ergreifend, dass man „Geduld haben muß“.

Gehen wir mit seinen Worten auf Gott zu, liebe Schwestern, liebe Brüder, auf Gott, der sich uns in dieser Gemeinschaft, auch heute Morgen gibt. Sich gibt als Retter und als kleines Stück Brot in unserer Hand, und als Sehnsucht in unseren Herzen am Radio: Auf dass wir uns verwandeln lassen, in der großen Schar der Ersten, die Letzte sein werden und der Letzten, die Erste sein werden.

Weil wir mit Rilke wissen: Man muss Geduld haben. Mit dem Ungelösten im Herzen, und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben, wie verschlossene Stuben, und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben. Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages in die Antworten hinein“. Und so auch „in die Weite“ hinein, liebe Schwestern, liebe Brüder, also „auf!“, es ist noch nicht zu spät. Amen.


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Dieser Beitrag wurde am 21.08.2022 gesendet.





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