Am Sonntagmorgen, 14.08.2022

Christian Feldmann, Regensburg

„Der Mensch will die ganze Wahrheit.“ Zum 80. Todestag von Edith Stein

Sie war Jüdin, Katholikin, Philosophin: Die heiliggesprochene Edith Stein wurde vor 80 Jahren in Auschwitz ermordet. Vor ihrem Tod entwickelte sie eine Theorie der Empathie, die noch heute anerkannt wird.

© gemeinfrei / Wikipedia

Als Papst Johannes Paul II. 1999 die jüdische Nonne Edith Stein zu einer Patronin Europas erklärte, da bezeichnete er das als Signal „gegenseitiger Achtung, Toleranz und Gastfreundschaft“, als Einladung, sich über ethnische, kulturelle und religiöse Unterschiede hinaus zu verstehen und anzunehmen.

Dramatischer hatte die Begründung des polnischen Papstes geklungen, als er Edith Stein ein Jahr zuvor auf dem Petersplatz in Rom heiligsprach. Da erinnerte er an den nie mehr zu überhörenden Schrei aller Ermordeten, die wie Edith Stein dem Vernichtungsprogramm der Nazis in den KZs zum Opfer gefallen seien:

„Es ist ein Schrei, der allen gilt: Allen Menschen guten Willens, allen, die an den Ewigen und Gerechten glauben. Wir alle müssen zusammenstehen. Die Würde des Menschen ist es wert.“

Edith Stein war Atheistin

1891 in Breslau geboren, wuchs Edith Stein in der intensiven religiösen Atmosphäre einer jüdischen Kaufmannsfamilie auf. Edith sprudelte über von verrückten Einfällen und war für ihre Wutausbrüche gefürchtet.

Die übliche Pubertätskrise kam mit dem dreizehnten Lebensjahr. Damals habe sie sich ganz bewusst das Beten abgewöhnt, berichtet sie später. Bis zu ihrem einundzwanzigsten Lebensjahr sei sie Atheistin gewesen. Der religiösen Erziehung im Hause Stein scheinen Wärme und Überzeugungskraft gefehlt zu haben. Riten und Bräuche, ja, aber zu wenig Leben, zu wenig Tiefe. 

1911 schrieb sie sich an der Universität Breslau ein, Lehrerin wollte sie werden. In der experimentalpsychologischen Vorlesung war sie die einzige weibliche Hörerin. Edith suchte hier eine Antwort auf die Frage, die sie immer stärker umtrieb: Was macht den Menschen aus? Worin gründet die Würde seiner Person?

Ringen nach Klarheit

Doch statt der erhofften Auskunft über die Seele als Mitte des Menschen fand sie nur eine öde naturwissenschaftliche Mechanik. Eine Psychologie, die Seele, Geist, Lebenssinn in die Rumpelkammer der Mythen und Märchen verbannte und sämtliche psychischen Regungen auf einfache Sinnesempfindungen zurückführte. Edith war zutiefst enttäuscht. Und notierte:

„Bücher nützten mir nichts, solange ich mir die fragliche Sache nicht in eigener Arbeit zur Klarheit gebracht hatte. Dieses Ringen nach Klarheit vollzog sich nun in mir unter großen Qualen und ließ mir Tag und Nacht keine Ruhe. Damals habe ich das Schlafen verlernt.

Nach und nach arbeitete ich mich in eine richtige Verzweiflung hinein. Es war zum ersten Mal in meinem Leben, dass ich vor etwas stand, was ich nicht mit meinem Willen erzwingen konnte. Das brachte mich so weit, dass mir das Leben unerträglich schien.“ 

In dieser Situation kam ihr wie ein Geschenk des Himmels ein faszinierendes Buch in die Hände: die „Logischen Untersuchungen“ des Göttinger Philosophen Edmund Husserl.

Ein Werk, das mit seiner radikalen Kritik am modischen Skeptizismus seinerzeit Geschichte machte. Husserl wagte es, wieder von der Wahrheit des Seins zu sprechen und von der lange verpönten Möglichkeit, die Wirklichkeit zu erkennen.

Die Frage nach dem tiefsten Grund der Wirklichkeit

Edith Stein war begeistert. Sie übersiedelte nach Göttingen und fand sofort Anschluss an Husserls Kreis. Zeitweise habe sie wie eine Besessene studiert, berichtete sie:

„Meine Tage waren recht lang; ich stand früh um sechs auf und arbeitete bis Mitternacht, fast ohne Unterbrechungen. Und wenn ich zu Bett ging, legte ich mir Papier und Bleistift auf dem Nachttisch zurecht, damit ich Gedanken, die mir nachts kämen, gleich festhalten könnte.“

Am Ende litt sie unter massiven Versagensängsten und Depressionen. Immer klarer kristallisierte sich die entscheidende Frage heraus, die Edith Stein nicht nur theoretisch interessierte wie irgendein kniffliges philosophisches Problem, sondern bis ins Innerste aufwühlte und herausforderte: die Frage nach dem tiefsten Grund der Wirklichkeit, nach der unzerstörbaren Realität.

„Kann etwas anderes meinem hinfälligen, von Punkt zu Punkt nur an echte Existenz rührenden Sein Halt geben als das wahre Sein, in dem nichts von Nichtsein ist, das, aus sich allein keines anderen Haltes fähig und bedürftig, unwandelbar steht?“

Als Husserl 1916 einem Ruf nach Freiburg folgte, machte er Edith Stein zu seiner Assistentin. Eine Universitätskarriere blieb ihr zwar verwehrt, was nicht nur am zunehmenden antisemitischen Klima lag, sondern auch an den „Vorbehalten“ der Professoren, die sich weibliche Kolleginnen auf einem Lehrstuhl einfach nicht vorstellen konnten.

Dennoch schrieb Edith Stein in den nächsten Jahren wichtige Bücher, die eine Brücke zwischen der geistigen Tradition des christlichen Abendlandes und den philosophischen Neuaufbrüchen ihrer Zeit zu schlagen versuchten.

Die Jüdin lässt sich taufen

Denn Edith Stein, die notorische Zweiflerin, hatte sich inzwischen dem Christentum geöffnet. Der Mensch sei nicht nur auf einzelne Wahrheiten aus, formulierte sie später in ihrem philosophischen Hauptwerk „Endliches und ewiges Sein“:

„Der Glaube will mehr als einzelne Wahrheiten von Gott, er will Ihn selbst, der die Wahrheit ist, den ganzen Gott, und ergreift ihn, ohne zu sehen.“

1922 ließ sie sich – zum Schmerz ihrer leidenschaftlich geliebten Mutter – katholisch taufen. Was sie nicht daran hinderte, weiter mit ihr in die Synagoge zu gehen. Edith Stein war jetzt als Deutschlehrerin in Speyer und später als Dozentin am katholischen „Institut für wissenschaftliche Pädagogik“ in Münster tätig.

In zahlreichen Reden stritt sie gegen die Unterdrückung der Frau und warb dafür, ihr die Eingliederung in das Berufsleben zu erleichtern:

„Es gibt keinen Beruf, der nicht von einer Frau ausgeübt werden könnte!“

Das „Nichtariergesetz“ der gerade an die Macht gekommenen Nationalsozialisten beendete 1933 ihre Lehrtätigkeit. Im selben Jahr erhielt Papst Pius XI. einen Brief der bereits recht bekannten Rednerin und Philosophin mit der dringenden Bitte, er möge eine Enzyklika zugunsten der verfolgten Juden erlassen und mit dem Gewicht seines Amtes gegen ihre Ausgrenzung, wirtschaftliche Vernichtung und Vertreibung protestieren.

Der Wortlaut des Briefes ist erst 2003, nach der Öffnung der Deutschland-Abteilung des vatikanischen Geheimarchivs, bekannt geworden. Edith Stein berichtet darin über die antisemitischen Ausschreitungen und Boykottmaßnahmen in Deutschland, über Selbstmorde in ihrer Umgebung, und sie beschwört ihre Kirche, die Stimme, so wörtlich, gegen die „Vergötzung der Rasse und der Staatsgewalt“ und den „Vernichtungskampf gegen das jüdische Blut“ zu erheben. 

„Man mag bedauern, dass die Unglücklichen nicht mehr inneren Halt haben, um ihr Schicksal zu tragen. Aber die Verantwortung fällt doch zum großen Teil auf die, die sie so weit brachten. Und sie fällt auch auf die, die dazu schweigen. Wir sind auch der Überzeugung, dass dieses Schweigen nicht imstande sein wird, auf die Dauer den Frieden mit der gegenwärtigen deutschen Regierung zu erkaufen. Der Kampf gegen den Katholizismus wird vorläufig noch in der Stille und in weniger brutalen Formen geführt wie gegen das Judentum, aber nicht weniger systematisch.“

Der Versuch Edith Steins, Christen und Juden zum Schulterschluss gegen die blutige Macht- und Ausrottungspolitik der Nazis zu bringen, war vergeblich – nicht etwa, weil der Papst ihre Sorge nicht geteilt hätte. Pius XI. lehnte Antisemitismus strikt ab.

Sein Rundschreiben „Mit brennender Sorge“ 1937 war die schärfste Kampfansage, der sich der Nationalsozialismus jemals gegenüber sah. Doch die schließlich in Auftrag gegebene Enzyklika, die sich Leute wie Edith Stein gewünscht hatten, konnte nicht mehr erscheinen, weil der Papst starb. 

Sein Nachfolger Pius XII. zog, als der Zweite Weltkrieg ausbrach, die verschwiegenen Wege der Diplomatie und der Hilfe hinter den Kulissen dem lauten öffentlichen Protest vor.

Edith Stein wird „Schwester Teresia Benedicta a Cruce“

Edith Stein hatte zu diesem Zeitpunkt schon ihre sechs ersten Klosterjahre hinter sich. In Köln war sie 1933 in den Karmelitenorden eingetreten. Wohl kaum aus Enttäuschung oder Lebensangst. Denn zur Spiritualität des Karmel gehört auch der Gedanke der Stellvertretung: Vor Gott stehen für andere.

„Allmählich habe ich eingesehen, dass selbst im beschaulichsten Leben die Verbindung mit der Welt nicht durchschnitten werden darf; ich glaube sogar: Je tiefer jemand in Gott hineingezogen wird, desto mehr muss er auch in diesem Sinn ‘aus sich herausgehen’, das heißt in die Welt hinein, um das göttliche Leben in sie hineinzutragen.

Unter dem Kreuz verstand ich das Schicksal des Volkes Gottes, das sich damals schon anzukündigen begann.“

Bei ihrem Eintritt in den Orden hatte Edith Stein den Namen angenommen: Schwester Teresia Benedicta a Cruce – Theresia, die vom Kreuz Gesegnete. Ihr Judentum legte sie als Nonne keineswegs ab wie ein unmodern gewordenes Kleid.

Im Gegenteil: Als Christin lernte sie den Gott, der ihr Volk durch seine ganze Geschichte prägte, erst richtig lieben. Die Schicksalsgemeinschaft zwischen Christen und Juden wollte sie leben.

Am Ölberg bei Christus in seiner Todesangst ausharren und solidarisch mit ihrem gejagten, abgeschlachteten Volk sein – das wuchs für die jüdische Karmelitin immer zwingender zu einer unauflösbaren Einheit zusammen.

Edith Stein, die Jüdin, die Christin wurde und Jüdin blieb. Einem befreundeten Jesuiten gegenüber äußerte sie einmal ganz stolz:

„Sie ahnen nicht, was es für mich bedeutet, wenn ich morgens in die Kapelle komme und im Blick auf den Tabernakel und das Bild Mariens mir sage: sie waren unseres Blutes.“

Zufluchtsort Niederlande

Um ihre Mitschwestern nicht zu gefährden, übersiedelte sie in der Silvesternacht 1938/39 in die Niederlande – doch 1940 marschierten die Nazis auch hier ein.

Am 26. Juli 1942 wurde in allen niederländischen Kirchen ein scharfer Protest gegen die Deportation jüdischer Familien verlesen. In den katholischen Gotteshäusern kam noch ein Hirtenwort dazu, das mit einem Gebet für das Volk Israel schloss.

Eine Woche später wollten die Deutschen ihre Rache haben. Sämtliche katholischen Juden wurden verhaftet und deportiert, schätzungsweise 1200 Menschen.

Edith Stein stirbt in Auschwitz

Edith Stein war unter ihnen und ihre Schwester Rosa, die ebenfalls bei den Karmelitinnen Zuflucht gefunden hatte. Im Durchgangslager Westerbork – ein gespenstisches Terrain, mit meterhohem Stacheldraht und zahlreichen Wachttürmen umzogen – scheint Edith Stein eine merkwürdige Gelassenheit bewahrt zu haben. Ein Mithäftling gab später zu Protokoll:

„Die eine Nonne, die mir sofort aufgefallen war und die ich – trotz der vielen abscheulichen ‚Episoden’, deren Zeuge ich war – nie habe vergessen können, die Frau mit ihrem Lächeln, das keine Maske war, sondern wie ein warmes Leuchten aufging, sie ist diejenige, die durch den Vatikan vielleicht heiliggesprochen wird, die so ganz und wahrhaftig und echt war. 

Bei einem Gespräch sagte sie: ‚Die Welt besteht aus Gegensätzen. Letzten Endes wird nichts bleiben von diesen Kontrasten. Die große Liebe allein wird bleiben. Wie sollte es auch anders sein können?’ So sicher und demütig sprach sie, dass es die Zuhörer packen musste. Ein Gespräch mit ihr, das war eine Reise in eine andere Welt.“

Beide, Edith und Rosa Stein, sind wahrscheinlich sofort nach ihrer Ankunft in Auschwitz, am 9. August 1942, vergast worden.

„Komm, wir gehen für unser Volk!“,

soll Edith Stein zu ihrer Schwester gesagt haben, als die SS die beiden aus dem Kloster holte.

Christen und Juden könnten sich im gemeinsamen Respekt vor dem Sterben einer Frau treffen, die sehr konkret und leibhaftig die Vernichtung ihres Volkes verkörpert. Für jene, die diese Vernichtung am liebsten vergessen machen oder doch zu einem geschichtlichen Ereignis neben anderen verharmlosen möchten, könnte diese einzigartige Heilige eine Einladung zur Denk- und Trauerarbeit sein.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.

Musik:

David Gómez – Goodbye

Jordi Maso – El Pont

Arve Tellefsen – Peace (Jan Garbarek)

Ola Gjeilo – Northern Lights

Dirk Maassen – To the Sky


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Dieser Beitrag wurde am 14.08.2022 gesendet.


Über den Autor Christian Feldmann

Christian Feldmann, Theologe, Buch- und Rundfunkautor, wurde 1950 in Regensburg geboren, wo er Theologie (u. a. bei Joseph Ratzinger) und Soziologie studierte. Zunächst arbeitete er als freier Journalist und Korrespondent,  u. a. für die Süddeutsche Zeitung. Er produzierte zahlreiche Features für Rundfunkanstalten in Deutschland und der Schweiz und arbeitete am „Credo“-Projekt des Bayerischen Fernsehens mit. In letzter Zeit befasste er sich mit religionswissenschaftlichen und zeitgeschichtlichen Themen in der Sparte „radioWissen“ beim Bayerischen Rundfunk. Zudem hat er über 50 Bücher publiziert. Dabei portraitiert er besonders gern klassische Heilige und fromme Querköpfe aus Christentum und Judentum. Feldmann lebt und arbeitet in Regensburg.

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