Wort zum Tage, 02.08.2022

Dietmar Kretz, Würzburg

Meinung

Was sagen Sie denn zum Klimawandel, zu Corona und zur Inflation? Welche Meinung haben Sie zur Arbeitslosenstatistik, zu den Waffenlieferungen und zur Fußballweltmeisterschaft in Katar; ach ja und zur Regierung an sich; zum Brexit und den Hamsterkäufen von Toilettenpapier und Sonnenblumenöl?

Immer wieder werde ich nach meiner Meinung gefragt oder ich melde mich einfach so zu Wort und gebe gerne meinen Senf dazu. Ich will ja schließlich mitreden.

Und es gibt ja auch so zahlreiche Gelegenheiten: Auf der Arbeit, beim Stammtisch, in der Kantine, in Leserbriefen, im Internet und beim Telefonieren.

Eine Meinung definieren die Psychologen als kurzlebiges Urteil über augenblickliche Themen, die für die Öffentlichkeit relevant sind. Die Meinung grenzt sich damit von der Einstellung oder auch Haltung ab, die zeitlich stabiler ist. Doch was passiert eigentlich, wenn wir mitreden und unsere Meinung sagen?

Wenn wir unsere Meinung mit anderen teilen, dann wollen wir - bewusst oder auch unbewusst, mal mehr oder weniger - die anderen beeinflussen. Da möchte ich meine Sicht der Dinge gegenüber anderen rechtfertigen oder sie überzeugen, doch genauso zu denken.

Wenn wir also unsere Meinung äußern, dann haben wir ganz versteckt uns im Blick: Wir präsentieren unsere Fakten und Argumente möglichst geschickt, damit wir uns durchsetzen oder wenigstens bestätigt werden.

Doch das ist gar nicht so einfach und die Rede von den sogenannten Alternativen Fakten macht deutlich, wie schwer es ist, jemanden zu überzeugen.

Das hört sich alles ganz schön anstrengend an. Ich frage mich darum: Muss ich zu allem immer eine Meinung haben?

"Nein,"

sagte einst Marcel Reich-Ranicki,

"ich bin nicht verpflichtet, mich zu äußern."

Dieser Satz hängt jetzt an meiner Pinnwand im Büro.

Ja - zu vielem bin auch ich nicht verpflichtet. Oft ist es schön und sicher wichtig, sich einzumischen oder Stellung zu beziehen, manchmal sogar notwendig. Gerade wenn Ungerechtigkeiten passieren, wenn in der Schule oder auf der Arbeit jemand gemobbt wird oder die Schwächen einer Person ausgenutzt wird.

Und es gibt die großen Themen der Gesellschaft, bei denen meine Haltung gefragt ist, für die ich vom Wohnzimmersessel aufstehe und auf die Straße gehe.

Aber es ist auch manchmal richtig und tut auch einmal gut, sich zurückzulehnen und vielleicht mit einem verschmitzten Grinsen zu entgegnen: Ich bin nicht verpflichtet, mich dazu zu äußern.


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Dieser Beitrag wurde am 02.08.2022 gesendet.


Über den Autor Dr. Dietmar Kretz

Dr. Dietmar Kretz, Jahrgang 1971, ist Studienleiter an der Domschule in Würzburg mit den Schwerpunkten Glauben und Kirche. Zuvor hat er Theologie und Mathematik studiert. Nach der theologischen Promotion war er in der  Gemeindepastoral tätig bis er in die Erwachsenenbildung gewechselt ist.

Kontakt: Am Bruderhof 1, 97070 Würzburg dietmar.kretz@domschule-wuerzburg.de

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