Wort zum Tage, 01.08.2022

Dietmar Kretz, Würzburg

Seelenlied

Ich habe kürzlich von einer Tradition eines afrikanischen Hirtenvolkes gehört, die mich sehr bewegt hat. Die Himba im Nordwesten von Namibia feiern als Geburtstag nicht den Tag der Geburt. Sondern den Tag, an dem das Kind zum ersten Mal als Idee im Kopf der Mutter war.

Dann geht sie aus dem Dorf, setzt sich unter einen Baum und hört in sich hinein, bis sie das „Seelenlied“ ihres Kindes singen kann. In der Kultur der Himba spielt das spontane und freie Singen eine wichtige Rolle.

Dieses Seelenlied bringt sie dann ihrem Mann bei, welcher Vater des Kindes werden soll, später der Hebamme und schließlich dem ganzen Dorf.

Dieses Lied begleitet dann diesen Menschen sein ganzes Leben: Es wird bei der Geburt gesungen, um den neuen Menschen zu begrüßen, es erklingt in den Riten der Pubertät, bei der Hochzeit und es wird am Sterbebett gesungen. Das Lied soll dabei stets die Kraft und die Schönheit des Lebens und die Liebe zum Klingen bringen.

Doch am meisten beeindruckt mich, dass es auch an einer für mich im ersten Moment unerwarteten Situation gesungen wird: Nämlich dann, wenn die Person einen schweren Fehler oder sogar ein Verbrechen begangen hat.

Dann kommt das ganze Dorf im Kreis zusammen und bildet eine Gemeinschaft, stellt die Person in die Mitte und singt deren Lied. Da wird kein Gericht gehalten oder eine Bestrafung ausgesprochen. Wer sich am sozialen Miteinander schuldig gemacht hat, wird an sein Gutes erinnert, an die Liebe, die ihn oder sie ein ganzes Leben begleiten soll.

Vielleicht können wir, bei allem berechtigten Wunsch nach Gerechtigkeit, diesen positiven Blick auf unsere Mitmenschen von den Himba lernen. Das gilt für die großen Fehler und vielleicht sogar noch mehr für die vielen kleinen Schwächen des Alltags, die mir bei meinen Mitmenschen auffallen. 

Die Bibel wird nicht müde, davon zu sprechen, dass Gott mit solch einem gütigen Blick auf den Menschen schaut. Auch wenn die Bibel den Brauch des Seelenliedes wie bei den Himba nicht kennt, so gibt es doch die Psalmen, die Lieblingslieder des Volkes Israel. Ein Vers aus dem 139. Psalm könnte ein solches Seelenlied sein. Da heißt es:

„Du selbst hast mein Innerstes geschaffen, hast mich gewoben im Schoß meiner Mutter. Ich danke dir, dass ich so staunenswert und wunderbar gestaltet bin. Ich weiß es genau: Wunderbar sind deine Werke.“


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Dieser Beitrag wurde am 01.08.2022 gesendet.


Über den Autor Dr. Dietmar Kretz

Dr. Dietmar Kretz, Jahrgang 1971, ist Studienleiter an der Domschule in Würzburg mit den Schwerpunkten Glauben und Kirche. Zuvor hat er Theologie und Mathematik studiert. Nach der theologischen Promotion war er in der  Gemeindepastoral tätig bis er in die Erwachsenenbildung gewechselt ist.

Kontakt: Am Bruderhof 1, 97070 Würzburg dietmar.kretz@domschule-wuerzburg.de

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