Am Sonntagmorgen, 31.07.2020

von Elena Griepentrog, Berlin

Der Mythos als Mensch. Wer war Claus Schenk Graf von Stauffenberg?

Claus Schenk Graf von Stauffenberg gehörte zum engen Kreis von Adolf Hitler. Am 20. Juli 1944 versuchten er und Verbündete, Hitler zu ermorden. Das Atenttat scheiterte, von Stauffenberg und seine Gruppe wurden wenig später erschossen. Wer war dieser Mensch, der Hitler töten wollte?

© gemeinfrei / Wikipedia

20. Juli 1944 Wolfschanze, Ostpreußen, das so genannte „Führerhauptquartier“. Um 13 Uhr vorgesehene Lagebesprechung mit Hitler. Mit dabei: Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg.

Er hat eine Aktentasche mit in die Besprechung gebracht, darin: eine Bombe. Nach fünf Minuten verlässt er unter einem Vorwand den Raum. Die Bombe explodiert, eine riesige Detonation, es gibt Tote und Verletzte.

Stauffenberg ist sicher, dass Hitler tot ist. Es ist das Signal für den Staatsstreich. Umgehend fliegt er zurück nach Berlin. Hohe Militärs und Zivilisten stehen schon bereit, die Macht zu übernehmen. Doch ist Hitler wirklich tot?

Es gibt widersprüchliche Nachrichten. Manche Verschwörer zögern, Befehle werden verspätet oder nur teilweise ausgeführt. Am Abend ist klar: Hitler hat überlebt, er ist nur leicht verletzt.

Und: Der gleichzeitige Staatsstreich ist im Ansatz stecken geblieben. Claus von Stauffenberg wird noch in derselben Nacht erschossen, wie auch die anderen vier Hauptverantwortlichen. 

Claus Schenk Graf von Stauffenberg – heute gilt er als Held, trotz des Scheiterns. Doch wer war dieser Mann eigentlich – als Mensch. Als Ehemann, als Vater?

„Wir wurden nicht ungefragt ständig – um es jetzt mal salopp auszudrücken – belämmert, ich hatte kürzlich ein Gespräch mit jemandem, der sagt, das kann ich mir gar nicht vorstellen. Ihr habt doch sicher ständig über diesen tollen Mann geredet. Das war nicht der Fall! Ich muss sagen: Zum Glück!“ 

Claus von Stauffenberg, liberal und bodenständig

Sophie von Bechtholsheim, Jahrgang 1968, Enkelin von Claus von Stauffenberg. Und Historikerin. Für ihr Buch über ihren Großvater hat sie neben vielen Quellen auch häufig ihren Vater und ihre beiden Onkel zur Rate gezogen. Und vor allem ihre geliebte Großmutter. Für sie bleibt Claus von Stauffenberg in erster Linie ihr Großvater.

„Wir haben immer Antworten gekriegt, wenn wir gefragt haben, und ehrlich gesagt waren die Fragen immer persönlicher, privater, familiärer Art. Also, wie war der so als Vater. Wie war der so als Ehemann?“

Claus von Stauffenberg wurde 1907 in Jettingen an der Donau geboren, er war Schwabe. Als Kind einer gebildeten, wohlhabenden, adeligen Familie ist er privilegiert. Doch der Adel im Südwesten ist – anders als etwa in Preußen – liberal und bodenständig. Claus und seine beiden Brüder haben viele Freiheiten, sie tollen durch die Natur, spielen Theater, lesen Goethe, Shakespeare und Rilke.

Auf Bildern sieht man einen zierlichen Jungen mit längeren Locken und weichen Gesichtszügen, fast mädchenhaft. Kränklich soll er gewesen sein. Claus neigt aber auch zum Intellektuellen, er denkt viel nach, schon als Kind. Über Politik etwa, gerade nach der Niederlage des ersten Weltkriegs.

Auch Religion ist im Elternhaus immer Thema. Als Jugendlicher lernt Stauffenberg den Dichter Stefan George persönlich kennen, damals ein Idol für eine ganze Generation junger Männer. George wird über viele Jahre ein Wegweiser für den jungen Claus, ebenso wie General von Gneisenau, ein direkter Vorfahr von ihm.

„Gneisenau – dieses Bild, der ‚Dienst am Volk‘. Das hat meinen Großvater, glaube ich, sehr beschäftigt, und das war wohl auch der Grund, warum er die Offizierslaufbahn eingeschlagen hat. Das hat ja die Familie sehr verwundert. Eigentlich dachte man, er würde eine künstlerische Laufbahn einschlagen oder, ja, Architekt werden oder womöglich… er war ein sehr guter Musiker, also ihm war tatsächlich die Offizierslaufbahn im Sinne von Dienst am Volk wichtig.“

Heimliche Verlobung

Ehre und Ritterlichkeit, Kampf und Selbstdisziplin, Verantwortung - das sind Werte, in die der junge Claus auch hineingewachsen ist. Er will Deutschland dienen. Stauffenberg ist nun ein junger, gutaussehender Mann – dunkelhaarig, groß und schlank, ebenmäßiges, entschlossenes Gesicht.

Doch auch während der harten Ausbildung zum Berufssoldaten, u.a. in Dresden, bleibt er sich treu. Die Kameraden zieht es zu Saufabenden, ihn eher ins Dresdner Kulturleben. In einem militärischen Beurteilungsschreiben von 1933, er ist 25, heißt es:

„Zuverlässiger und selbständiger Charakter mit unabhängiger Willens- und Urteilsbildung. Besitzt bei ausgezeichneten geistigen Anlagen überdurchschnittliches taktisches und technisches Können. Vorbildlich in der Behandlung von Unteroffizieren und Mannschaften, besorgt um Ausbildung und Erziehung seines Minenwerferzuges. Gesellschaftlich und kameradschaftlich von einwandfreiem Verhalten. Zeigt viel Interesse für soziale, geschichtliche und religiöse Zusammenhänge. Sehr guter, verständiger Reiter, mit viel Liebe und Verständnis für das Pferd.“

Und dann gibt es da noch die filmreife Liebesgeschichte mit Nina von Lerchenfeld. Sie ist gerade 16, er 20, als sie sich heimlich verloben. Die Ehe wird offenbar glücklich, insgesamt fünf Kinder folgen. Bilder seiner Frau und seiner Kinder stehen immer auf Stauffenbergs Schreibtisch, wenn er arbeitet wie ein Besessener.

14 oder 16 Stunden sind keine Ausnahme, hochkonzentriert, zielorientiert, mit oft kreativen Abkürzungen. Überhaupt soll er einen überraschenden Hang zum Unkonventionellen gehabt haben, oft ist ein Knopf nicht ordentlich zu, die Mütze sitzt schief.

Gebetbuch stets in Reichweite

Halt und moralische Orientierung gibt ihm auch sein Glaube. Stauffenberg ist Katholik. Ein Gebetbuch liegt stets in Reichweite, er trägt ein goldenes Kreuz um den Hals. Auch seine Kinder sollen katholisch aufwachsen, das ist ihm wichtig.

Nach seinem Tod erzieht seine Frau die Kinder weiter katholisch, obwohl sie selbst zeitlebens evangelisch bleibt. Am Tag vor dem Attentat lässt Stauffenberg sich von seinem Fahrer in die Berliner Rosenkranz-Basilika bringen - um dort zu beten.

„Also, mein Großvater war sicher kein offensiver, missionarischer Mensch, der also alle Leute vom katholischen Glauben überzeugen und überrennen wollte. Aber es war ihm wichtig, sich als gläubigen Christen zu zeigen. Zum Beispiel, wenn er am Sonntag zu Hause war, ging er in Uniform in die Kirche, das haben auch die Kinder so in Erinnerung. Das war sozusagen das sichtbare Zeichen, weil zur Zeit des Nationalsozialismus wurde ja eben auch der Glaube zurückgedrängt, und es war ihm wichtig: Er als Offizier steht zu seinem Glauben.“

Im persönlichen Kontakt muss er warmherzig und zugewandt gewesen sein. Einer, der für jeden ein offenes Ohr hat, nie seinen Humor verliert. Bei Untergebenen ist er sehr beliebt, ja, verehrt. Sein frischer Elan und seine Überzeugungskraft sind offenbar mitreißend, sogar für seine Vorgesetzen. Auch seine Kinder hängen sehr an ihm.

„Und wenn er da war, hat er mit den Kindern auf dem Boden rumgekugelt und mit denen Bauklötzchen gespielt, und meine Großmutter war so ein bisschen frustriert, weil natürlich ihre Autorität etwas ausgeschöpft war. Und mein Großvater musste bloß mit der Augenbraue zucken, und die Kinder haben alles gemacht, was er wollte. Also, er hatte wohl einen enormen Charme und war eben auch als Vater einfach hinreißend.

Für die Erziehung der Kinder ist Nina von Stauffenberg zuständig, sie ist besonnen und klar.

„Meine Großmutter hatte einen sehr nüchternen, zum Teil auch so geistreichen Ton, die hat sich immer so ein bisschen lustig gemacht über ihn. Auf die Frage, ob er denn wahnsinnig mutig gewesen sei, hat sie gesagt, also, wenn es um Wespen ging, war er gar nicht mutig, dann ist er unter den Tisch gekrochen, irgendwie so…

Stauffenberg, ein Nazi?

Claus von Stauffenberg ist Patriot, wie fast alle Deutschen und Europäer damals. Den Vertrag von Versailles hat er als Demütigung empfunden, insbesondere die dem Deutschen Reich aus politischen Gründen zugesprochene alleinige Kriegsschuld. Doch anders als viele seiner Landsleute ist er wohl niemals Nazi.

Anfangs ist er zurückhaltend, beobachtend. Wie viele Gebildete seiner Zeit unterschätzt Stauffenberg Hitler, geht davon aus, dass sich die Nazis schnell mäßigen werden. Doch schon ab Mitte der 1930er Jahre durchschaut er mit seinem analytischen Geist die Irrwege und Verbrechen des Systems.

Die menschliche Entrechtung der Juden. Hitler als Feldherr – für Stauffenberg ein Dilettant – ohne Strategie, unfähig zu politischem Handeln. Der dazu noch die traditionell politisch neutrale Wehrmacht für seine Ziele zu vereinnahmen versucht.

Stauffenberg ist in seinem Denken offenbar sehr eigenständig. Seine Frau Nina erinnert sich später, so schreibt die jüngste Tochter Konstanze: 

„Im Übrigen besaß er die Eigenschaft, dass er furchtbar gern den Advocatus Diaboli gespielt hat. Konservative waren deshalb überzeugt, dass er ein wilder Nazi sei, und wilde Nazis waren überzeugt, dass er ein Stockkonservativer sei. Er war beides nicht. Es hat ihm einfach Spaß gemacht zu sehen, mit welchen Argumenten die Gegenseite aufwarten würde.“

Stauffenberg über Juden

In vertrauter Dienst-Runde spricht Stauffenberg über Hitler und die Nazis so offen ablehnend, dass es schon leichtsinnig ist. Doch auf der anderen Seite bleibt da auch der Offizier Stauffenberg, der mit ausgesprochen hohem Einsatz seinen militärischen Dienst erfüllt. Einer, der also trotz aller Klarsicht im System bleibt?

So hat man das früher wohl kaum empfunden, denn die Wehrmacht galt vielen ja gerade als neutraler Zufluchtsort für Anständige. Als Parallelwelt zu SS, NSDAP und Gestapo.

Doch auch Stauffenberg ist Kind seiner Zeit. Wie schon lange vor Hitler üblich, verhehlt auch er nicht sein Überlegenheitsgefühl gegenüber den Slawen. Vom Polenfeldzug schreibt er, das Land sei „trostlos“, „lauter Sand und Staub“. Und:

„Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches sich nur unter der Knute wohlfühlt. Die Tausenden von Gefangenen werden unserer Landwirtschaft recht guttun. In Deutschland sind sie sicher gut zu gebrauchen, arbeitsam, willig und genügsam.“

Gleichzeitig lobt er allerdings auch die Kultiviertheit der polnischen Oberschicht. Und setzt sich nachweislich für polnische Zivilisten ein. Doch es lässt sich nicht leugnen: Es klingt abstoßend in unseren heutigen Ohren, ja enttäuschend!

Das Verhalten von Menschen allerdings kann ja immer nur innerhalb ihrer Zeit beurteilt werden, nicht von heute aus. Und die Idee einer achtsamen Sprache ist in den 1930er Jahren noch nirgendwo in Europa verbreitet, erst recht nicht in Kriegszeiten.

Nicht zu vergessen: Stauffenberg ist jung, noch keine 30. Gut möglich, dass er seine verächtliche Beurteilung noch verändert hätte.

Kein einsamer Held 

1943, da ist er 35, wird Stauffenberg in Tunesien schwer verletzt, verliert ein Auge und eine Hand. An der linken Hand bleiben ihm nur drei Finger. Nur knapp überlebt er. Spätestens jetzt denkt er ganz konkret an ein Attentat gegen Hitler.

Die Verzerrung aller Werte in Deutschland, die Kirchenfeindlichkeit, die Verfolgung der Juden, das militärische Dilettantentum und die schweren Verluste, dazu die Scham über die Verbrechen Deutschlands, gerade auch an der Zivilbevölkerung – all das hat den Verantwortungs-Sinn des Offiziers siegen lassen über das Zögern.

Stauffenberg ist kein einsamer Held, wie es die Nazi-Propaganda verbreitet. Schon seit 1938 formierte sich in der Wehrmacht langsam Widerstand, es gab Attentatsversuche, der bekannteste von Henning von Tresckow im März 1943.

Am Attentat vom 20. Juli 1944 sind hinter den Kulissen mehr als 200 Menschen beteiligt – vom Gewerkschafter bis zum Monarchisten, vom Christen bis zum Kommunisten, Militärangehörige wie Zivilisten.

Nur wenige davon können Hitler allerdings nahe genug kommen für ein Attentat. Und noch weniger haben die Nerven dazu. So bleibt am Ende Claus von Stauffenberg übrig, trotz seiner körperlichen Behinderung.

Die Familie wusste von seinem Plan

Seine Frau Nina hat von den Umsturzplänen gewusst und sie klar gebilligt. Kinder und Enkel schildern Nina von Stauffenberg als eine beeindruckend starke, integre, gebildete Frau. Und eine, die nach dem Krieg in der Familie jede Idealisierung ihres Mannes vermied.

„Meine Großmutter war sehr bemüht, bloß kein heroisierendes Bild aufkommen zu lassen. Auch das war sehr weise, weil das natürlich für die, die diesen Namen tragen, vielleicht eventuell nicht immer einfach ist. Also, ich habe es nie als schwer empfunden, aber manchmal als lästig. Wenn man so Reaktionen hatte wie in der Schule: „Sie schwätzen ja und schwänzen und spicken, dass hätte ich von Ihnen gerade nicht gedacht“, also, solche Reaktionen kann man nicht gebrauchen, will man nicht.“

Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Er selbst hätte sich wohl jede Beweihräucherung verbeten. Er war ein Soldat und Mensch, der getan hat, was in seinen Augen zu tun war, was seine Aufgabe war.

Und der diese Aufgabe für sich angenommen hat. Stauffenberg war kein Heiliger, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut, mit Irrtümern, Umwegen, innerem Wachstum und Reifen. Ein besonderer, ein außergewöhnlicher Mensch.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden

Musik:

Jordi Maso – El Pont


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Dieser Beitrag wurde am 31.07.2022 gesendet.


Über die Autorin Elena Griepentrog

Elena Griepentrog ist Hörfunk-Journalistin/Feature-Autorin und arbeitet für die Kulturwellen diverser ARD-Sender. Ihr Fokus liegt auf den Bereichen Zeitgeschehen/Gesellschaft, Religionen und Psychologie. Außerdem arbeitet sie in Berlin als Buisiness- und Entwicklungscoach mit dem Schwerpunkt: "Die eigene Berufung. Und was uns davon abhalten kann, sie zu leben".

Kontakt

www.elena-griepentrog.de

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