Morgenandacht, 30.07.2022

Julia Knop, Erfurt

Pause

Die letzten beiden Jahre waren unglaublich anstrengend. Die Pandemie hat alle überfordert. Wir mussten uns und unser Leben regelrecht neu erfinden. Kinder und Jugendliche haben wichtige Entwicklungsschritte im Ausnahmezustand nehmen müssen.

Viele Erwachsene sind an ihre psychischen und wirtschaftlichen Grenzen gekommen. Und die Pandemie ist noch lange nicht vorbei.

Im Februar dieses Jahres dann der Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine. Auch das: eine einzige Katastrophe. Ein Krieg in Europa. Junge Leute kämpfen und sterben im Krieg. Frauen und Kinder verlassen fluchtartig ihre Heimat, ihr bisheriges Leben. Auch dieser Krieg ist noch lange nicht vorbei.

Außerdem die globalen Krisen: die Klimakrise, die Ernährungskrise, die Energiekrise, Extremismen und antidemokratische Entwicklungen – und irgendwie hängt alles mit allem zusammen. Überforderung pur. Eigentlich bräuchte die ganze Welt einen Neustart.

Zumindest aber eine Pause. Eine Pause, um sich zu orientieren. Um Gedanken und Gefühle zu ordnen und Ängste und Überforderungen der vergangenen Monate zu verarbeiten.

Eine Pause, um die inneren Akkus wieder aufzufüllen. Damit neue Kräfte freigesetzt werden. Eine Pause, um das eigene Leben wieder zu gestalten statt nur zu funktionieren. Um klarer zu sehen. Um Visionen zu entwickeln. Um Frieden zu finden.

Juli und August sind Pausenzeit. Wer es sich irgendwie leisten kann, macht ein paar Tage frei. Wer keine Ferien hat, genießt zumindest die lauen Sommerabende. – Aber darf man überhaupt Pause machen, während 1.500 km weiter östlich ein brutaler Krieg tobt? Darf man Urlaub machen, während auf den Intensivstationen und in Pflegeheimen gelitten und geschuftet wird?

Folgt man der Bibel, sind regelmäßige Pausen nicht nur erlaubt, sondern geboten. Eines der zehn Gebote, die Gott dem Volk Israel gegeben hat, lautet:

„Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig! Sechs Tage darfst du schaffen und all deine Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du und dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin und dein Vieh und dein Fremder in deinen Toren. Denn an sechs Tagen hat der Herr Himmel, Erde und Meer gemacht und alles, was dazu gehört; am siebten Tag ruhte er. Darum hat der Herr den Sabbat gesegnet und ihn geheiligt.“

(Ex 20,8–11)

Neben dem wöchentlichen Sabbat, vergleichbar unserem freien Wochenende, gibt es alle sieben Jahre ein Sabbatjahr, in dem die Äcker brach liegen sollen und die Böden sich erholen können.

Und alle sieben mal sieben, also alle 49 Jahre, ist ein umfassender Schuldenerlass geboten: Pause und Neustart für alle, die von der Last ihrer Schulden erdrückt werden.

Zweierlei finde ich am Sabbatgebot bemerkenswert. Zum einen die Zielgruppe. Alle sollen Pause machen: Frauen und Männer, Junge und Alte, Führungskräfte und Minijobber, ob sie nun in der Industrie oder der Landwirtschaft, als Dienstleister oder an der Börse arbeiten.

Zum anderen die Begründung. Eine Pause muss man sich nicht verdienen. Ferien gibt es nicht nur für diejenigen, die ihr Soll erfüllt haben. Denn Ruhe kommt von Gott. Die Begründung ist symbolisch, nicht wörtlich zu verstehen: Der Schöpfer selbst hielt am siebten Schöpfungstag die Füße still.

Wohl wissend oder zumindest ahnend, wie sehr sich seine Geschöpfe im Laufe der Zeit stressen werden. Wie sehr Aggression und Verzweiflung an den Nerven zehren werden. Wie viele Konflikte entstehen werden, wie viel Leid auf sie zukommen wird.

„Darum“, so die Bibel, „hat der Herr den Sabbat gesegnet und geheiligt“ und, zumindest sinngemäß, gesagt: Mensch, mach mal Pause.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 30.07.2022 gesendet.


Über die Autorin Julia Knop

Dr. theol. habil. Julia Knop, geboren 1977, ist Professorin für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt. Neben wissenschaftlichen Publikationen hat sie eine Reihe Sachbücher für Kinder und Erwachsene veröffentlicht. Sie ist beim Synodalen Weg und im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken engagiert.  Kontakt: julia.knop@uni-erfurt.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche