Morgenandacht, 29.07.2022

Julia Knop, Erfurt

Maria, Marta und Lazarus

Wie Geschwister miteinander umgehen, dürfte so unterschiedlich sein wie Menschen eben sind. Geschwister, die miteinander groß werden, teilen in einer wichtigen Phase ihr Leben. Mit allem, was dazu gehört.

Oft mit starken Emotionen. Manchmal mit dauerhaften Zerwürfnissen. Wenn es gut läuft, liebevoll und solidarisch. Geschwister sind unser erstes soziales Umfeld. Das prägt oft bis ins hohe Erwachsenenalter.

Heute ist der Gedenktag der Geschwister Maria, Marta und Lazarus. Sie waren Zeitgenossen, v. a. aber Freunde Jesu. In den biblischen Texten, in denen die drei vorkommen, geht es eigentlich gar nicht um sie, sondern um Jesus. Interessant sind die drei trotzdem.

Denn: Sie lebten – aus heutiger Sicht – total modern. Drei erwachsene Geschwister wohnen zusammen in Gütergemeinschaft im Elternhaus. Keines von ihnen ist verheiratet, keines hat Kinder. Die drei dürften etwa im Alter Jesu gewesen sein, als sie ihn trafen, also so um die 30.

Alle drei sind mit Jesus befreundet. Der Evangelist Johannes erwähnt ausdrücklich, dass Jesus jeden der drei liebte: Maria, Marta und Lazarus. Mich erinnert das eher an eine Studenten-WG als an traditionelle christliche Familienbilder mit Vater, Mutter und gemeinsamen Kindern.

Drei Szenen sind überliefert: In der ersten aus dem Lukasevangelium versinkt Maria ganz im Gespräch mit Jesus (Lk 10). Marta beschwert sich, weil dadurch die ganze Arbeit an ihr hängen bleibt. Jesus nimmt Maria in Schutz. Sich nahe zu sein, miteinander zu sprechen – das sei doch wichtiger als die Hausarbeit.

Dann, im Johannes-Evangelium, die Szene, in der Lazarus, der Bruder, tödlich erkrankt (Joh 11). Die Schwestern schicken nach Jesus, aber der lässt sich übermäßig Zeit und kommt erst an, als Lazarus schon vier Tage tot ist. Jesus erweckt ihn wieder zum Leben. Das ist natürlich ziemlich spektakulär und darin liegt der Clou der Erzählung.

Ein schönes Detail wird aber schnell überlesen: Es ist Marias Trauer, die Jesus bewegt. Als er sie weinen sieht, ist er nicht mehr der souveräne, weltenthobene Rabbi, der Macht hat über Leben und Tod. Da ist er ein junger Mann, der mit zwei Freundinnen um deren toten Bruder weint, der auch sein Freund war.

Die dritte Szene, ebenfalls aus dem Johannes-Evangelium, spielt kurz vor seinem eigenen Tod (Joh 12). Maria verwöhnt und würdigt Jesus mit einem halben Liter kostbaren Öls. Wirtschaftlich ist das eine einzige Verschwendung, symbolisch eine wunderbare Geste der Liebe.

Maria, Marta und Lazarus sind mir sympathisch. Nicht zuletzt deshalb, weil sie Jesus nahbar machen. Als Mann, dem Freundschaft etwas bedeutet. Der überhaupt kein Problem damit hat, sich mit Frauen anzufreunden, und in ihnen nicht nur Hausfrauen sieht. Dem der Kummer seiner Freundin Maria an die Seele geht. Der ihre Liebe und ihre Zärtlichkeit dankbar annimmt.

Maria, Marta und Lazarus lebten so, wie es zu ihnen und zu ihrer Freundschaft mit Jesus passte. Sie brechen Familien- und Frauenbilder auf, die heute oft mit dem Etikett „christlich“ versehen werden, aber mehr mit bürgerlichen Idealen des 19. und 20. Jahrhunderts zu tun haben als mit der Bibel.

Sie waren Geschwister, aber auch Wahlverwandte. Lebensgefährten. Verwandtschaft und Freundschaft gehen hier fließend ineinander über.

Unter Christen hat sich schon früh die Anrede „Schwester“ und „Bruder“ etabliert. Das kennen wir bis heute aus den Ordensgemeinschaften. Auch die Bezeichnung „Krankenschwester“ steht in dieser Tradition.

Eine schöne Vorstellung: Dass Christ zu sein bedeuten kann, einander Lebensgefährtin oder Freundin zu sein. Dass Christen einander so nah sein können wie Geschwister, zumindest wenn es gut läuft. Die für ihre Freundschaft und ihren Glauben eine passende Lebensform entwickeln. Wie bei Maria, Marta, Lazarus und Jesus.


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Dieser Beitrag wurde am 29.07.2022 gesendet.


Über die Autorin Julia Knop

Dr. theol. habil. Julia Knop, geboren 1977, ist Professorin für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt. Neben wissenschaftlichen Publikationen hat sie eine Reihe Sachbücher für Kinder und Erwachsene veröffentlicht. Sie ist beim Synodalen Weg und im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken engagiert.  Kontakt: julia.knop@uni-erfurt.de

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