Morgenandacht, 28.07.2022

Julia Knop, Erfurt

Wut

Wut ist ein mächtiges, starkes Gefühl. Ähnlich wie der Zorn. In der Literatur werden diese beiden wie eine Naturgewalt beschrieben: Wut lodert, Zorn brennt. Wut kann einen Menschen innerlich zerstören.

Zorn kann in Aggression münden, außer Kontrolle geraten und am Ende zu Mord und Totschlag führen. Als der wütende Mob nach Trumps Niederlage im Januar 2021 das Kapitol in Washington stürmte, stand viel auf dem Spiel. Zorn wirkt bedrohlich, für den einzelnen wie für die Gesellschaft.

Wut soll nicht sein. Darin scheint großes Einvernehmen zu bestehen. Zumindest nicht bei erwachsenen Menschen. Sie sollen sich nicht aufführen wie ein tobendes Kleinkind. Insbesondere die zornige Frau galt zu allen Zeiten als Problem: Das weibliche Schreckensbild der Antike ist die Furie, die Rachegöttin; heute ist es die mad woman, die rasende Verrückte. Impulskontrolle ist gefragt. Contenance.

Das ist tief in unser Menschheitsgedächtnis eingeschrieben. „Eine sanfte Antwort dämpft die Erregung, eine kränkende Rede reizt zum Zorn“, heißt es im biblischen Buch der Sprichwörter, das rund zweieinhalb tausend Jahre alt ist. Der Apostel Paulus wendet es im Neuen Testament ins Positive:

„Die Liebe lässt sich nicht zum Zorn reizen und trägt das Böse nicht nach.“

(1 Kor 13,5)


Die nachbiblische Frömmigkeitsgeschichte zählt neben Hochmut, Völlerei und Habgier auch den Zorn zu den sieben Todsünden. Die sollte man unbedingt vermeiden.

Und wer heute in eine Buchhandlung geht, findet jede Menge Ratgeberliteratur, um Zorn zu bändigen: Selbsthilfebücher für Frauen, die ihre negativen Gefühle überwinden wollen, Workbooks für Männer, die zu Gewalttätigkeit neigen, Kritzelbücher für Kinder für weniger Wut im Bauch und Ratgeber für Eltern, deren Kinder übermäßig zu Wutanfällen neigen. Das Versprechen lautet: Nie wieder wütend werden. Dann wird alles gut.

Dabei wird allerdings übersehen, dass Wut und Zorn nicht per se aggressiv oder destruktiv sind. Es sind Impulse. Ob mich Glück oder Zorn oder Schmerz erfüllt, habe ich nicht in der Hand. Impulse kann man nicht kontrollieren – Verhalten allerdings schon.

Die Frage ist nicht, ob ich wütend werde oder nicht, sondern welches Verhalten aus meiner Wut folgt. Dieses Verhalten kann gut oder schlecht sein. Wut kann zerstörerische Kräfte freisetzen – aber auch konstruktive. Zorn kann aggressiv machen – aber auch inspirieren und zu Großem befähigen.

Nicht von ungefähr sprechen wir sogar vom gerechten Zorn, von heiliger Wut. Das bekannteste biblische Beispiel dafür ist sicher die so genannte Tempelreinigung (Mt 21; Mk 11; Lk 19; Joh 2): Jesus stürmt die Eingangshalle des Tempels, wirft Tische und Bänke der Händler um, die dort Opfertiere verkaufen, und treibt die Geldwechsler hinaus.

Ihn packt die blanke Wut, als er gewahr wird, wie religiöse Funktionäre den Zugang zu Gott reglementieren. Wie religiöse Vorschriften Menschen daran hindern, zu beten.

Heiliger Zorn entbrennt, wo Wahres und Heiliges auf dem Spiel steht. Gerechte Wut richtet sich gegen himmelschreiendes Unrecht, gegen Zustände, die keinen Tag länger hingenommen werden dürfen.

Wut ist deshalb keineswegs nur ein Problem. Wut ist ein Indikator, der zeigt, was wichtig ist. Was unbedingtes Engagement fordert. Was keine Kompromisse duldet.

#Blacklivesmatter, #metoo, #fridaysforfuture: Am Anfang jeder dieser Bewegungen standen wütende Menschen, übrigens durchweg wütende Frauen. Ihre Wut mündete aber nicht in Aggression, sondern in öffentlichen Protest. So wurden sie politisch wirksam.

Gut, dass sie ihre Wut nicht unterdrückt haben.


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Dieser Beitrag wurde am 28.07.2022 gesendet.


Über die Autorin Julia Knop

Dr. theol. habil. Julia Knop, geboren 1977, ist Professorin für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt. Neben wissenschaftlichen Publikationen hat sie eine Reihe Sachbücher für Kinder und Erwachsene veröffentlicht. Sie ist beim Synodalen Weg und im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken engagiert.  Kontakt: julia.knop@uni-erfurt.de

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