Morgenandacht, 27.07.2022

Julia Knop, Erfurt

Frauenfragen

Die Frauenfrage – gibt es die eigentlich noch?

Art. 2 der UN-Menschenrechtskonvention erklärt, dass alle Menschen unabhängig von Geschlecht, Rasse oder Religion die gleichen Rechte haben. Laut Art. 7 haben alle Menschen außerdem Anspruch auf „Schutz gegen jede Diskriminierung“. Im deutschen Grundgesetz heißt es ausdrücklich:

„Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“

(GG Art. 3 Abs. 1)

Die Frauenfrage stellt sich aber immer noch. Denn Gleichberechtigung bleibt ein hehres Ideal, solange Frauen um ihre Rechte kämpfen müssen und stärker von Armut und Gewalt bedroht sind als Männer.

Solange es einen Gender-Gap gibt. Solange typische Frauen-Arbeit wie z. B. in der Pflege, in Erziehung und Bildung geringer honoriert wird als typische Männer-Arbeit in Technik, Wirtschaft und Politik.

Solange Quoten nötig sind und Geschlechterparität kein Standard ist. Die Frauenfrage stellt sich, solange Männer Frauen die Welt erklären. Solange es Räume gibt, in denen Männer definieren können, was Frauen sind. Solange Männer Frauen Grenzen setzen können.

In den Religionen ist das besonders heikel. Denn Religionen prägen Menschenbilder. Sie gestalten menschliches Leben. Sie geben Orientierung. Sie sprechen ins Gewissen. Sie wirken bis ins Innerste des Menschen und bis die hintersten Winkel dieser Erde hinein. Ihr Einfluss ist immer noch groß: im Guten wie im Bösen.

Obgleich ich mich schon lange damit beschäftige, erstaunt mich immer noch, dass Geschlechterfragen in den Religionen eine so große Rolle spielen. Dass zumindest einige ihrer Vertreter Rechtgläubigkeit daran messen, welches Frauenbild jemand vertritt und wie Sexualität gelebt wird.

Höchst ärgerlich finde ich, wie stark patriarchale Tiefenströmungen bis heute in den Religionen wirken. Natürlich gibt es überall auch andere Stimmen. Religionen sind vielfältig. Aber an der Spitze ihrer Organisation stehen durchweg Männer. Sie definieren, was die Gläubigen glauben und wie sie leben sollen.

Gleichberechtigung der Geschlechter ist weder im Judentum noch im Christentum noch im Islam Standard. Es wird sogar offiziell verkündet, dass Männer und Frauen rechtlich unterschiedlich behandelt werden müssten weil Gott sie ja unterschiedlich geschaffen habe.

In dieser Logik kann Gleichberechtigung in Religion und Gesellschaft gar kein Ziel sein. Man muss sie um Gottes Willen vielmehr verhindern. Frauen Männern nach- und unterzuordnen, erhält so scheinbar einen göttlichen Segen.

Das ist prekär: Denn Religion wird hier benutzt, um eine rückwärtsgewandte Politik zu stützen. Längst haben sich in den USA, in Osteuropa und auch bei uns unheilvolle Allianzen zwischen konservativen religiösen und restaurativen politischen Kräften gebildet.

Wichtige religiöse Ressourcen werden stattdessen nicht gehoben. Die Bibel stellt ja gleich am Anfang klar, dass Männer und Frauen gleichermaßen Gottes Ebenbild sind (Gen 1,27).

Und im Neuen Testament der Bibel wird deutlich: Unter Christinnen und Christen sollen gesellschaftlich etablierte Hierarchien zwischen den Geschlechtern, der Herkunft und den Milieus keine destruktive Kraft mehr entfalten können (Gal 3,28). Das bedeutet in religiöser Sprache nichts anderes als: Gleiche Würde, gleiche Rechte für alle.

Religion ist nicht per se frauenfeindlich. Im Gegenteil. Religion bietet gute Gründe, um sich für die Würde aller Menschen und gegen Diskriminierung jedweder Art einzusetzen.

Man stelle sich vor, das geschähe: Die führenden Vertreter der Religionen setzten sich an die Spitze der Menschenrechtsbewegung. Der Papst würde zur Leitfigur für Frauenrechte. In Synagogen, Kirchen und Moscheen wäre Gleichberechtigung aus religiösen Gründen Standard.

Das Potenzial wäre da. Ein Jammer, dass das nicht geschieht.


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Dieser Beitrag wurde am 27.07.2022 gesendet.


Über die Autorin Julia Knop

Dr. theol. habil. Julia Knop, geboren 1977, ist Professorin für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt. Neben wissenschaftlichen Publikationen hat sie eine Reihe Sachbücher für Kinder und Erwachsene veröffentlicht. Sie ist beim Synodalen Weg und im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken engagiert.  Kontakt: julia.knop@uni-erfurt.de

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