Morgenandacht, 26.07.2022

Julia Knop, Erfurt

Heilige Anna

Heute ist „Annentag“, der Gedenktag der heiligen Anna und ihres Mannes, des heiligen Joachim. Wenn Sie Anna oder Anne, Achim oder Joachim heißen, haben Sie heute Namenstag. Herzlichen Glückwunsch!

Anna und Joachim waren der Überlieferung nach die Großeltern Jesu. Die Bibel erzählt von ihnen nichts. Seit dem Mittelalter blüht aber die Legendenbildung. Es entsteht ein regelrechter Annen-Kult.

Man rief die hl. Anna bei Gicht und Fieber und bei Unwetter um Hilfe an. Martin Luther gelobte 1505 in Stotternheim bei Erfurt dieser hl. Anna, ins Kloster einzutreten, sollte er Blitz und Donner überleben.

Wer war diese hl. Anna, die Oma Jesu? Wer könnte sie gewesen sein?

In Märchen und Geschichten ist stets die Großmutter der gute Geist im Haus, die Seele der Familie. Sie ist immer da. Sie kennt gegen jedes Leid ein Mittel: Quarkwickel und Zwiebelsaft bei Erkältung und hochprozentigen Herzwein zur Stärkung in allen möglichen sonstigen Nöten.

Wenn sie überhaupt mal die Hände in den Schoß legt, dann um zu beten. Sie strickt und kocht und backt den ganzen Tag. Niemals Tiefkühlpizza, immer frisch. Nostalgische heile Welt. Die meisten Omas sind heute anders. Gott sei Dank.

Ich hatte allerdings eine Großtante, die diesem Ideal perfekt entsprach. Zumindest aus meiner Kinderperspektive. Ich denke immer noch gern an sie. Aber ich weiß heute auch, dass sie ihre Rolle nicht gewählt hat. Und ich ahne, wie viel ungelebtes Leben sie mit ins Grab genommen hat.

Meine Großtante war lebenstüchtig. Aber sie hatte auch nur geringe Schulbildung. Ihre Eltern fanden es nicht wichtig, sie, das Mädchen, zu fördern. Sie war voller Liebe für uns Kinder. Aber sie selbst hat als Kind zweier Weltkriege viel zu wenig Liebe bekommen. Sie war sparsam und konnte jede Handarbeit.

Aber ihr blieb auch nichts anderes übrig, denn ohne Mann und Ausbildung war sie arm wie eine Kirchenmaus. Sie war unglaublich fromm. Aber auch etwas bigott und naiv. Was ein Priester sagte, war Gesetz. Für Gotteslohn tat sie alles.

So innig ich diese Großtante geliebt habe: ein Role-Model war sie für mich nicht. Ich wollte nie so werden wie sie. Aber für sie war die hl. Anna das perfekte Vorbild: die Schutzpatronin der Hausfrauen und Ammen, der Witwen und der Armen, der Schneider und der Spitzenklöppler.

Die hl. Anna prägte ein Frauenbild, das äußerst wirksam war: das Ideal der opferbereiten Frau, die sich selbst nicht wichtig nimmt, sondern darin aufgeht, anderen Platz zu machen.

Dieses Frauenbild ist mir fremd. Ich finde es richtig bedrückend, wie viele Frauen sich Jahrhunderte lang daran orientiert haben, wie fromme Frauen angeblich sein sollen: So, wie die hl. Anna.

Klar, ohne ihre Tochter Maria und ohne ihren Enkel Jesus sähe unsere Welt ganz anders aus. Aber gerade deshalb stelle ich mir Anna, die Oma Jesu, ganz anders vor als brav und angepasst. Maria und Jesus waren außergewöhnliche Persönlichkeiten. Beide sprengten die gängigen Regeln, beide stehen für alternative Verhältnisse.

Maria zog ein uneheliches Kind groß. Jesus zog ohne festen Job und Familie durch die Lande und stiftete jede Menge Unruhe, bis man ihn am Kreuz zum Schweigen brachte.

Eher unwahrscheinlich, dass sie aus einer Familie kommen, in der die Frauen unscheinbar und unsichtbar waren, fromm und selbstlos bis zur Selbstaufgabe, politisch naiv und religiös angepasst.

Kaum vorstellbar, dass die hl. Anna ihre Tochter Maria so erzogen hat, wie brave Leute Anfang des 20. Jahrhunderts ihre Töchter erzogen haben. Kaum vorstellbar, dass sie selbst dem Vorbild entsprach, zu dem sie später gemacht wurde.

In meiner Vorstellung ist die hl. Anna eine starke, selbstbewusste Frau. Eine unangepasste, selbständige Frau mit Power und Persönlichkeit. Von einem solchen religiösen Role-Model hätte auch meine fromme Großtante profitiert.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 26.07.2022 gesendet.


Über die Autorin Julia Knop

Dr. theol. habil. Julia Knop, geboren 1977, ist Professorin für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt. Neben wissenschaftlichen Publikationen hat sie eine Reihe Sachbücher für Kinder und Erwachsene veröffentlicht. Sie ist beim Synodalen Weg und im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken engagiert.  Kontakt: julia.knop@uni-erfurt.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche