Morgenandacht, 25.07.2022

Julia Knop, Erfurt

Dankbarkeit

„… und, was sagt man jetzt?“

„Danke.“

Wahrscheinlich kennen die meisten von uns diesen kleinen Dialog, sei es aus der eigenen Erinnerung als Kind, sei es als Eltern, die ihrem Kind beibringen, sich für etwas zu bedanken.

Dankbarkeit empfinden zu können, gehört zum Menschsein dazu. Dankbarkeit auszudrücken, ob durch Worte oder Gesten, kann man lernen. Dankbarkeit zu empfinden und Dankbarkeit auszudrücken tut gut.

Mir selbst und dem, dem ich danke. Danke zu sagen kostet nichts – außer ein wenig bewusste Aufmerksamkeit auf das, was mir zugute geschieht, aber gar nicht selbstverständlich ist. Vom ganz Kleinen bis zum ganz Großen, vom Lichtblick mitten im Alltag bis zur vermeintlich selbstverständlichen, aber eigentlich doch überaus denkwürdigen Tatsache, am Leben zu sein.

Dieser Mensch zu sein, der ich bin. Einzigartig. Staunenswert. Dankbarkeit zu empfinden darüber, dass ich bin, ist nicht vermessen. Denn dass ich bin, habe ich ja am allerwenigsten mir selbst zu verdanken.

In der Religion spielt Dankbarkeit eine große Rolle. Die wichtigsten Gebetsformen im Judentum und Christentum sind Dank und Bitte. Der wichtigste christliche Gottesdienst heißt Eucharistie, zu Deutsch: „Dank sagen“.

Spezifisch religiös an Dank und Bitte ist vielleicht nur dies: dass sie Gott zum Adressaten haben. Dass Dank und Bitte sich also nicht nur an das direkte Gegenüber richten, sondern noch einen Schritt weiter ins Grundsätzliche tun: Gott sei Dank! Gott sei Dank, dass ich bin. Gott sei Dank, dass du bist. Gott sei Dank, dass sich unsere Lebenswege kreuzen.

Eine Haltung der Dankbarkeit einzuüben und zu kultivieren, ist vielen Menschen wichtig, auch unabhängig von Religion: Da gibt es die so genannten 6-Minuten-Tagebücher oder, wie sie manchmal auch genannt werden, Achtsamkeits-Tagebücher. Darin wird empfohlen, sich jeden Morgen kurz darüber zu vergewissern und dann aufzuschreiben, wofür man heute dankbar ist.

Das verändert den Blick auf den ganzen Tag. Von Ignatius von Loyola, der im 16. Jahrhundert den katholischen Jesuitenorden gegründet hat, stammt eine ganz ähnliche Übung: Dass man sich mittags und abends eine kleine Auszeit nimmt, um den Tag noch einmal vor dem inneren Auge vorbeiziehen zu lassen.

Die vielen Kleinigkeiten, die kurzen Begegnungen, alles, was mich beschäftigt, genervt, gefreut hat. In einem Moment der Ruhe und in einer Haltung der Dankbarkeit. Das muss gar nicht lange dauern. Aber es verändert den Blick auf den Tag. Auf mein Leben.

Dankbarkeit zu kultivieren, macht nicht realitätsblind. Eine Haltung der Dankbarkeit streut keinen Glanz auf Dinge, die nicht glänzen. Eine Haltung der Dankbarkeit zu pflegen, bedeutet nicht, all das zu leugnen, was Anlass zur Klage, zur Bitterkeit, ja, zum schreienden Protest bietet - was sonst so sehr im Vordergrund steht.

Aber sie lässt eben auch das Gute nicht übersehen, was sonst so rasch in den Hintergrund tritt. Dankbarkeit würdigt, was unser Leben schön macht. Was Menschen froh macht. Was Kraft schenkt. Was nicht selbstverständlich ist. Dankbarkeit ist konsequente Aufmerksamkeit.

„… und, was sagt man jetzt?“

„Danke.“

Kinder lernen, „Danke“ zu sagen, wenn sie etwas geschenkt bekommen. Weil es eben nicht selbstverständlich ist, dass das geschieht. Merkwürdigerweise sagen wir das aber manchmal selbst, wenn sich jemand bei uns bedankt:

„Ist doch selbstverständlich.“

Oder:

„Kein Thema. Nicht der Rede wert.“

Doch, ich finde, es ist der Rede wert. Es darf ein Thema sein, dass wir Grund haben zu danken. Es ist nicht selbstverständlich, Danke zu sagen und einen Dank zu hören. Weil es gut tut wahrzunehmen, wovon wir leben und wie kostbar dieses Leben ist.


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Dieser Beitrag wurde am 25.07.2022 gesendet.


Über die Autorin Julia Knop

Dr. theol. habil. Julia Knop, geboren 1977, ist Professorin für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt. Neben wissenschaftlichen Publikationen hat sie eine Reihe Sachbücher für Kinder und Erwachsene veröffentlicht. Sie ist beim Synodalen Weg und im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken engagiert.  Kontakt: julia.knop@uni-erfurt.de

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