Gottesdienst am 19. Sonntag im Jahreskreis

aus der Pfarrkirche St. Nikolaus auf Langeoog

Predigt von Domkapitular Theo Paul

Liebe Schwestern und Brüder!

Das gibt es nicht erst 2022. Menschen verlassen die Kirche. Sie sind enttäuscht. Sie haben viele Gründe, ob Leitungskrise, Glaubenskrise, Missbrauchskrise, Vertrauenskrise. Eines haben diese Worte gemeinsam: Sie machen traurig. Sie lösen Enttäuschung und Resignation aus.

Das ist keine neue Erfahrung. Das gab es bereits gegen Ende des ersten Jahrhunderts. Die Christen des Hebräerbriefes erlebten gesellschaftliche Infragestellungen. Sie wurden verfolgt. Und sie waren zutiefst verunsichert: Hilft uns der Glaube wirklich in unserer Not und unserem Leid?

Nicht wenige Christen kehrten der Kirche den Rücken. Sie kehrten zu ihrem früheren Glauben zurück oder erhofften sich von einer geisterfüllten Engelreligiosität mehr Erfüllung. Die Kirche war ihnen damals viel zu nüchtern.

Der Verfasser des sogenannten Hebräerbriefs erinnert daran, dass Jesus Mensch unter den Menschen gewesen ist. Er kennt die Nöte und Leiden des Lebens und macht deutlich, welch große Wolke von Zeuginnen und Zeugen es für den Weg Jesu gibt. Viele von ihnen haben Verfolgung und Tod auf sich genommen.

So will der Briefschreiber die enttäuschten und resignierenden Adressaten seiner Zeit zur Ausdauer motivieren. Er schlägt einen riesengroßen Bogen von der Erschaffung der Welt über Abel, Henoch, Noah, Abraham, Mose bis zu den einstürzenden Mauern von Jericho und der Dirne Rahab, die fest überzeugt war, dass Gott Israel das Land geben werde. Und weiter heißt es in dem Brief:

„Was soll ich noch aufzählen? Die Zeit würde nicht reichen, wollte ich reden von Gideon, Barak, Simson, Jiftach David, Samuel und den Propheten.“

Litaneiartig werden die mutlosen Christen des ersten Jahrhunderts damit konfrontiert und ermahnt:  Alles, was unsere Vorfahren geleistet haben, alles geschah „aufgrund des Glaubens“.

Der Briefeschreiber ist davon überzeugt: Ihr Glaube war es, der all das ermöglicht hat. Und daran gilt es festzuhalten.

In den neutestamentlichen Evangelien spielt das Bild vom Weg eine zentrale Rolle. Christen sind Anhänger des neuen Weges, heißt es da (Apg 9,2). Christen sind Pilger wie Abraham, wie das Volk Israel in seiner 40-jährigen Wüstenwanderung, wie Maria und Josef, die mit ihrem Kind nach Ägypten fliehen, wie Jesus als Wanderprediger, wie Wallfahrer heute nach Santiago de Compostela. Unterwegs sein ist nicht ein geistlicher Sport, sondern eine Lebenshaltung.

In unserer gegenwärtigen Kirchensituation kann uns diese Beweglichkeit helfen, den Veränderungsprozessen konstruktiv zu begegnen. Aus der Geschichte wissen wir: Nur wenn wir uns verändern, können wir uns treu bleiben. Der Hebräerbrief nennt es

„feststehen in dem, was man erhofft, überzeugt sein von Dingen, die man nicht sieht.“

(Hebr 11,1)

Wie die Christen des Hebräerbriefes stehen wir heute vor riesigen Herausforderungen. Wie kann man davon überzeugt sein, dass die Schöpfung bewahrt wird, wenn alle Bemühungen der vergangenen Jahre immer wieder ausgebremst werden? Wie kann man überzeugt sein, dass Frieden möglich ist, wenn im Ukrainekrieg Rüstungsgüter und schwere Waffen in unvorstellbarem Maß eingesetzt werden?

Wie kann man überzeugt sein, dass zwischenmenschliche Beziehungen gelingen, wenn der erste Schritt zur Vergebung schon als Schwäche und als unkalkulierbares Risiko eingestuft wird?

Ja, wie kann man überzeugt sein, dass die christlichen Kirchen eine Zukunft haben, wenn die Abwanderung anhält und die Gleichgültigkeit zunimmt? Wo zeigt sich eine Erneuerungsfähigkeit bei all den Skandalen und Zerwürfnissen?

Es gibt so viele Fragen, die uns herausfordern und die einen starken Glauben voraussetzen. Mit dem Schreiber des Hebräerbriefs möchte ich uns alle einladen, trotz allem, was augenscheinlich dagegenspricht, überzeugt zu sein von dem Guten, was man noch nicht sieht, und überzeugt zu bleiben von den guten Mächten, die uns umgeben und mit uns gehen.

Amen.


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Dieser Beitrag wurde am 07.08.2022 gesendet.





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