Wort zum Tage, 23.07.2022

Vikar Jürgen Wolff, Magdeburg

Allein allein!

Der junge Mann fängt mich nach dem Gottesdienst in der Kirchentüre ab und legt sofort los:

„Ich bin gerne allein allein. Ich bekomme ja schon ein richtig schlechtes Gewissen, wenn Sie die Notwendigkeit von Gemeinschaft in Ihrer Predigt so sehr betonen – ob ich nichts wert wäre, wenn ich für mich, wenn ich EINZELN bin. Übrigens hat Gott mich ja auch zunächst als INDIVIDUUM geschaffen, eigenständig – im wahrsten Sinne des Wortes!“

„Damit“, höre ich mich beruhigend sagen, „sind Sie tatsächlich voll auf der Linie Jesu UND auf der Linie der modernen Religionsphilosophie und gesellschaftlichen Entwicklung! Jeder Mensch ist zunächst einmal ein Einzelner: Immer weniger Menschen leben in einer Partnerschaft oder in einer Gemeinschaft. Familien sind über unterschiedliche Städte, Länder oder sogar Kontinente verteilt. Menschen gestalten ihre freie Zeit mit individuellen Aktivitäten und weniger gemeinschaftlich.

Und dabei brauchen wir noch nicht mal die vergangenen Jahre der Pandemie zu betrachten – als Menschen auf sich selbst zurückgeworfen waren, physisch und emotional.

Sie haben also vollkommen recht: Ein Einzelner zu sein, ist NORMAL. ABER es ist AUCH eine Herausforderung unserer Zeit, der sich jeder Einzelne auf unterschiedliche Weise stellen muss, zumindest stellen sollte.“

„Also geben Sie mir Recht“, unterbricht mich der junge Mann in meinem Redefluss.

„Ja“, entgegne ich. „Und da kommt dann auch Jesus ins Spiel. Jesus sagt es seinen Freunden auch ins Gesicht: Sie werden – wenn er nicht mehr DA ist – einzeln sein; die Gemeinschaft, die durch seine Anwesenheit gestiftet und geprägt war, wird in der Gefahr stehen, sich zu verlieren, zu vereinzeln.

Und hier sehen Sie, wie aktuell Jesus ist – AUCH in Bezug auf die Herausforderungen unserer Zeit. Sie sehen, wie Jesus schon vor 2000 Jahren die Sorge der Vereinzelung anspricht – eine Vereinzelung, die auch daraus resultiert, dass wir uns vorrangig durch gruppenbildende Äußerlichkeiten definieren oder unsere Identität nur durch Gruppenzugehörigkeit bestimmen. Dabei muss jeder Mensch doch auch imstande sein, für sich allein zu stehen.

Und dazu gibt Jesus uns einen sehr konkreten Schlüssel an die Hand – sich selbst! Das sagt er ja auch – mit Blick auf die Zeit OHNE ihn: In mir – so Jesus – habt ihr alles, was ihr braucht. Wenn ihr euch auf mich ausrichtet und in mir verwurzelt, dann könnt ihr EINZELN sein – ohne einsam zu sein.“

„Na, wenn das so ist, dann bin ich weiter gerne allein allein … mit Jesus an meiner Seite“, sprach’s und ließ mich ALLEIN in der Kirchentüre stehen.


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Dieser Beitrag wurde am 23.07.2022 gesendet.


Über den Autor Vikar Jürgen Wolff

Vikar Dr. Juergen A. Wolff wurde 1971 in Birkesdorf/Düren geboren. Nach seiner Ausbildung in Deutschland und dem Studium der Betriebswirtschaftslehre in England hat er über zwanzig Jahre im In- und Ausland in der Finanzbranche gearbeitet; davon die meiste Zeit in China. Im Rahmen seiner Promotion in England entschied er sich Theologie zu studieren und seiner Berufung zu folgen, Priester zu werden. Nach dem Abschluss des Theologiestudiums in Erfurt begann er 2018 seine pastorale Ausbildung im Bistum Magdeburg, wo er nach seiner Priesterweihe 2020 als Vikar an der Kathedrale wirkt.
Permanent Horizonte zu erweitern, ist sein Bestreben; Energie und neue Anstöße findet Vikar Wolff durch die Literatur und in der klassischen Musik – besonders in den Werken Händels.

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