Wort zum Tage, 22.07.2022

Vikar Jürgen Wolff, Magdeburg

Liebe das Leben!

Meine Hundertjährige beäugt fröhlich das Kuchenstück auf ihrer Gabel und sagt zu mir:

„Ihnen steht das Beste noch bevor.“

Überrumpelt gebe ich zur Antwort: „Jaja, den Kuchen hatte ich schon, der ist wirklich gut.“

„Ach,“ kommt es zurück. „DAS meine ich nicht! Ich meine das Leben!“ „Das Leben?“, höre ich mich verdutzt fragen. „Ja, das Leben! Und da steht Ihnen das Beste noch bevor!“

„Nun ja“, gebe ich altklug zurück. „Ich bin Fünfzig, da plane ich nicht mehr die GANZ GROSSEN Dinge; und ich erhoffe auch nicht mehr die GANZ GROSSEN Überraschungen!“

„Och! Dann tun Sie mir aber leid“, kommt es streng zurück. „Dann müssen Sie über das Leben aber noch sehr viel lernen.“

„Gut“, gebe ich retour. „Sie sind mir ja auch fünfzig Jahre voraus. Also was ist dieses Beste, was mich im Leben noch erwartet?“

„Große Pläne und noch größere Überraschungen“, kommt es ruhig zurück.

„Das ist das Leben! Leben im Hier und Heute, Jetzt oder Nie! Und das ist an kein Alter gebunden. Und damit Sie sich das merken, verrate ich ihnen jetzt, wie ich so alt geworden bin!“

„Aha“, denke ich: „Jetzt erfahre ich es! Jetzt kommen die wahrhaft wirklich wichtigen Weisheiten!“

„Ich liebe das Leben!“

Und in mein ungläubiges Staunen hinein fährt meine Hundertjährige fort:

„Ja! Ich freue mich an allem, was schön ist – und ich verplempere meine Energie nicht damit, mich über das Hässliche, das Unschöne aufzuregen – davon hatte ich in meinem Leben schon genug! Und dass ich mich an nicht-verwirklichten Plänen lange aufgehalten hätte, das kam mir nun wirklich nicht in den Sinn! Glauben Sie mir, auch davon hatte ich in hundert Jahren Leben mehr als genug.“

„Okay“, höre ich mich skeptisch sagen. „Das genügt?“ „Nein, eines noch“, und ernst fährt meine Hundertjährige fort:

„Jeden Abend, wenn ich ins Bett gehe, dann überlege ich, was schön war am Tag! Und wenn ich nachts nicht schlafen kann, dann denke ich darüber nach, was ich an Gutem erlebt habe, was ich an schönen Begegnungen von Gott geschenkt bekommen habe – und dann bin ich richtig froh! Und wenn ich am nächsten Tag die Augen aufschlage und es sieht um mich herum noch genau so aus, wie tags zuvor, dann weiß ich, ich habe noch einen wunderschönen Tag auf unserer wunderschönen Erde vor mir, mit neuen Überraschungen, an denen ich mich freuen kann.“

„Und wenn es beim Augenaufschlagen mal anders aussieht?“, frage ich vorlaut.

„Na, das ist dann doch die schönste Überraschung überhaupt; dann geht es doch erst richtig los: Das schöne Leben! Und darauf freue ich mich besonders!“,

sprach’s, stopfte sich ihr Kuchenstück in den Mund und lächelte mich genießerisch an!


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Dieser Beitrag wurde am 22.07.2022 gesendet.


Über den Autor Vikar Jürgen Wolff

Vikar Dr. Juergen A. Wolff wurde 1971 in Birkesdorf/Düren geboren. Nach seiner Ausbildung in Deutschland und dem Studium der Betriebswirtschaftslehre in England hat er über zwanzig Jahre im In- und Ausland in der Finanzbranche gearbeitet; davon die meiste Zeit in China. Im Rahmen seiner Promotion in England entschied er sich Theologie zu studieren und seiner Berufung zu folgen, Priester zu werden. Nach dem Abschluss des Theologiestudiums in Erfurt begann er 2018 seine pastorale Ausbildung im Bistum Magdeburg, wo er nach seiner Priesterweihe 2020 als Vikar an der Kathedrale wirkt.
Permanent Horizonte zu erweitern, ist sein Bestreben; Energie und neue Anstöße findet Vikar Wolff durch die Literatur und in der klassischen Musik – besonders in den Werken Händels.

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