Wort zum Tage, 20.07.2022

Vikar Jürgen Wolff, Magdeburg

Wunder

Mein Bruder liebt den Eurovision Song Contest und es ist beeindruckend, wie er Lieder und Platzierungen der vergangenen Jahrzehnte aus dem Ärmel schüttelt. Und von diesem Talent konnte ich mich neulich bei einer gemeinsamen Autofahrt wieder persönlich überzeugen!

Im Radio spielten sie: Wunder gibt es immer wieder! und vom Beifahrersitz kam es ohne Zögern: Katja Epstein, 1970, Amsterdam, dritter Platz!

„Aha“, ließ ich mich hören. „Dritter Platz! Wenn das nicht schon ein Wunder ist!“ Mein Bruder dreht sich zu mir um und legt los:

„Gerade Du solltest doch an Wunder glauben!“

„Tu‘ ich auch! Aber vielleicht hat Gott ja kein Faible für den ESC.“

„Soooo?!“, höre ich meinen Bruder. „Das ist dem Herrn Dr. Priester wohl zu profan oder zu zweckgebunden!?“

„Also“, gebe ich zurück.

„Gott ist zunächst mal kein Wunscherfüllungsautomat! Aber Wunder tut ER trotzdem immer wieder – wir müssen sie halt nur sehen, wenn sie uns begegnen! Da bin ich ganz bei Katja Epstein. Es müssen ja nicht immer Bombastwunder sein.

„Ah!“, höre ich es vom Beifahrersitz. „Meinst Du solche Jesus-Wunder wie mein Lieblingswunder: Aus 600 Litern Wasser werden 600 Liter Wein?“

„Genau!“, gebe ich zurück.

„Wunder brauchen nämlich keine Durchbrechung der Naturgesetze damit Menschen zum Glauben an Gott kommen! Wenn dem so wäre, dann wären wir ja wieder in der Spätantike angekommen, wo Wunder als historische Fakten angesehen wurden oder das Eingreifen eines Gottes beweisen sollten.“

„OK!“, höre ich meinen Bruder:

„Wenn Du von dem naturwissenschaftlich geprägten Weltbild der Neuzeit ausgehst, dann ist das natürlich mit dem mythischen Weltbild der Antike nur schwer vereinbar. Man kann [halt] nicht elektrisches Licht benutzen […] und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testamentes glauben.“

„Na!“, gebe ich retour:

„So würde ich es nun auch wieder nicht sehen! Die christliche Botschaft hat ihre Unüberbietbarkeit ja genau darin, dass sie eben nicht mehr am Nur-Weltlichen haftet. Und daher braucht es eine Art der „Entmythologisierung“ – gerade der Wundervorstellung.“

„Also gibt es doch Wunder?“, höre ich es vom Beifahrersitz!

„Ja! Aber ich fasse Wunder KLEIN und WEIT. Ich betrachte Wunder als etwas, das den Glauben weckt, ihn wieder neu entfacht – wenn man dafür offen ist!“

„Also hat Katja Epstein doch recht“, höre ich meinen Bruder belustigt sagen: Wunder gibt es immer wieder! „Ja,“ setzte ich fort. „Aber wenn sie Dir heutzutage begegnen, musst Du sie auch sehen!“

„Tu ich doch“, kommt die Antwort prompt: „beim ESC!“ Und resigniert gebe ich zurück: „Wenn es Dich dann näher zum Glauben bringt … bitte schön!“


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 20.07.2022 gesendet.


Über den Autor Vikar Jürgen Wolff

Vikar Dr. Juergen A. Wolff wurde 1971 in Birkesdorf/Düren geboren. Nach seiner Ausbildung in Deutschland und dem Studium der Betriebswirtschaftslehre in England hat er über zwanzig Jahre im In- und Ausland in der Finanzbranche gearbeitet; davon die meiste Zeit in China. Im Rahmen seiner Promotion in England entschied er sich Theologie zu studieren und seiner Berufung zu folgen, Priester zu werden. Nach dem Abschluss des Theologiestudiums in Erfurt begann er 2018 seine pastorale Ausbildung im Bistum Magdeburg, wo er nach seiner Priesterweihe 2020 als Vikar an der Kathedrale wirkt.
Permanent Horizonte zu erweitern, ist sein Bestreben; Energie und neue Anstöße findet Vikar Wolff durch die Literatur und in der klassischen Musik – besonders in den Werken Händels.

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche