Am Sonntagmorgen, 17.07.2020

von Pfarrer Jörg Meyrer, Bad Neuenahr-Ahrweiler

Zwischen Klagepsalm und SolidAHRität. Das Ahrtal ein Jahr nach der Flut

Seit einem Jahr ist im Ahrtal nichts mehr, wie es war. Über 180 Menschen kamen bei der Hochwasserkatastrophe 2021 ums Leben, ganze Straßenstriche wurden zerstört. Der Wiederaufbau läuft zwar, doch der Schrecken sitzt bei vielen noch immer tief.

© Martin Seifert

Was in dieser Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 passiert ist?

Ich dachte während der Flut kaum daran und auch am Morgen danach konnte ich mir das ganze Ausmaß noch nicht vorstellen.

Erst in den folgenden Tagen ist mir bewusst geworden, was die Flut alles zerstört hat, dass Menschen in diesen Stunden mit dem Tod kämpften, auf den Dächern ihrer Häuser saßen und darauf hofften, dass das Wasser nicht noch höher steigt und dass ihr Haus standhält.

Andere wurde mit den Fluten mitgerissen, bei dem Versuch zu ihrer Familie zu kommen oder das Auto zu retten. Und dass es Menschen gab, die die Kraft nicht hatten, sich die Nacht über an dem Geländer ihrer Terrasse festzuhalten, und die dann loslassen mussten.

All das konnte ich mir in dieser Nacht nicht ausmalen. Und es ist immer noch unvorstellbar, was diese Menschen mitgemacht haben vor ihrem Tod – und was die Nachbarn mitgelitten haben, weil es unmöglich war zu helfen …

An all das und an die vielen Einzelschicksale war in der Flutnacht nicht zu denken. Es wurde erst in den kommenden Tagen Stück für Stück bittere Realität.

Gebete passten nicht mehr

Mein Name ist Jörg Meyrer, ich bin Pfarrer von Bad Neuenahr-Ahrweiler, der größten Stadt im Ahrtal, das so heftig von der Flut vor einem Jahr getroffen wurde.

„Pastor von Ahrweiler kann nicht beten“,

so lautete eine der Überschriften auf der Titelseite der „BILD am Sonntag“ zehn Tage nach der Flut. Ja, das habe ich so im Interview gesagt, aber ausführlicher geschildert, als es dann gedruckt wurde.

Tatsächlich konnte ich in den Tagen nach der Flut nicht beten. Fürs Gebet hatte ich mir im Leben bestimmte Rituale geschaffen, die mir geholfen haben, meinen Alltag zu strukturieren und zu bewältigen.

Aber das ging nach der Flut nicht mehr. Die Worte der so vertrauten Gebete und Psalmen waren stumpf geworden, passten einfach nicht mehr. Wie soll ich denn beten:

„Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen.“

Auch das „Dein Wille geschehe …“ aus dem Vaterunser kam mir nicht über die Lippen, wenn ich die Bilder der verwüsteten Stadt vor Augen und die Geschichten der Menschen im Ohr hatte.

Zum Beten in diesen Tagen fehlten mir einfach die Worte. Als mir dann am 18. Juli mein Semesterkollege und Freund Stephan Wahl den Ahr-Psalm schickte, und ich ihn morgens auf dem Handy las, musste ich weinen. Die Tränen liefen lange …

Das waren Worte, die nicht stumpf waren, die meinem Erleben und auch meiner Sprachlosigkeit Stimme gaben, auch wenn ich selbst keinen Laut geben konnte.

Der Ahr-Psalm

Schreien will ich zu dir, Gott, mit verwundeter Seele,

doch meine Worte gefrieren mir auf der Zunge.

Es ist kalt in mir, wie gestorben sind alle Gefühle,

starr blicken meine Augen auf meine zerbrochene Welt.

Der Bach, den ich von Kind an liebte,

sein plätscherndes Rauschen war wie Musik,

zum todbringenden Ungeheuer wurde er,

seine gefräßigen Fluten verschlangen ohne Erbarmen.

Alles wurde mir genommen.

Weggespült das, was ich mein Leben nannte.

Mir blieb nur das Hemd nasskalt am Körper,

ohne Schuhe kauerte ich auf dem Dach.

Stundenlang schrie ich um Hilfe,

um mich herum die reißenden Wasser.

Wo warst du Gott,

hast du uns endgültig verlassen?

Mit tödlichem Tempo füllten schlammige Wasser die Häuser,

grausig ertranken Menschen in ihren eigenen Zimmern.

Ist dir das alles völlig egal, Unbegreiflicher?

Du bist doch allmächtig, dein Fingerschnippen hätte genügt.

Dein Schweigen quält meine Seele,

ich halte es fast nicht mehr aus.

Wie sich Schlamm und Schutt meterhoch türmen,

in den zerstörten Straßen und Gassen

und deren Schönheit sich nicht mehr erkennen lässt,

so sehr vermisst meine Seele dein Licht.

Meine gewohnten Gebete verstummen,

meine Hände zu falten gelingt mir nicht.

So werfe ich meine Tränen in den Himmel,

meine Wut schleudere ich dir vor die Füße.

Hörst du mein Klagen, mein verzweifeltes Stammeln,

ist das auch ein Beten in deinen Augen?

Dann bin ich so fromm wie nie,

mein Herz quillt über von solchen Gebeten.

Doch lass mich nicht versinken in meinen dunklen Gedanken,

erinnere mich an deine Nähe in früheren Zeiten.

Ich will dankbar sein für die Hilfe, die mir zuteilwird,

für die tröstende Schulter, an die ich mich anlehne.

Ich schaue auf und sehe helfende Hände,

die jetzt da sind, ohne Applaus, einfach so.

Auch wenn du mir rätselhaft bist, Gott,

noch unbegreiflicher jetzt, unendlich fern,

so will ich dennoch glauben an dich,

widerständig, trotzig, egal, was dagegen spricht.

Sollen die Spötter mich zynisch belächeln,

ich will hoffen auf deine Nähe an meiner Seite.

Würdest du doch nur endlich dein Schweigen beenden,

doch ich halte es aus und halte dich aus, oh Gott.

Halte du mich aus!

Halte mich!

Zerstörte Heimat 

Heim-Weh. Das Wort hat jetzt einen ganz neuen Klang für mich. Heimweh war immer ein Gefühl, das ich kaum kannte.

Aber jetzt ist das Heim-Weh nicht das Gefühl, in der Fremde zu sein und nach Hause, ins Vertraute zu wollen. Es ist das Gefühl, dass die Heimat schmerzt, weh tut. Die Heimat – wie sie jetzt ist –, so verletzt, verwundet und zerstört:

Die Landschaft, die mir so lieb und ans Herz gewachsen ist, die Traditionen, die wir feiern und die das Jahr gliedern, der Wein, der um uns wächst und so viel Lebensfreude und Menschen ins Ahrtal bringt, die vielen, die hier leben, die ich kenne, und die, die ich Freunde nennen darf, die vielen, mit denen ich im Lauf der Jahre ein Stück Leben aus dem Glauben feiern durfte, – all das ist Heimat.

Und das alles ist so verletzt: Heim-Weh – das spüre ich auch im Abschiednehmen von den Verstorbenen, das Weh und das laute Weinen der Angehörigen, die Fragen und Zweifel, all das Leid ... ist mir weh.

Heim-Weh, – die Menschen, die nicht mehr aufbauen wollen und können, – das ist mir weh. Heimat – das ist dort, wo wir hingehören. Wo wir bleiben, wenn wir gehen. Wo wir unseren Platz haben, wenn es eng wird. Und an dieser Heimat und mit ihr leiden wir in diesen Tagen.

Und: Wir werden sie wiederaufbauen, damit sie auch für die kommenden Generationen zuhause sein kann.

Der Wiederaufbau: Für alle

Ob ich das alles für die Kirche mache, wurde ich in einem Interview gefragt. Damit die Menschen wieder mehr in die Kirche gehen, ergänzte die Reporterin. Ich muss gestehen, dass ich die Frage zunächst überhaupt nicht verstanden habe.

Die kurzen Nächte, die Planungen, die Telefonate mit Hilfen und Hilfsangeboten, die Anrufe bei den Angehörigen, die einen lieben Menschen in der Flutnacht verloren haben … Das mache ich doch nicht für „die Kirche“.

Nicht für die Organisation, die in den letzten Jahren durch die Missbrauchsskandale und die Aufarbeitungen in den einzelnen Bistümern so schwer angeschossen ist. Die immer mehr Mitglieder verliert durch eine nicht enden wollende Austrittswelle.

Viele wünschen, dass „die Kirche“ sich ändert, dass Kirche mehr bei den Menschen ist, ihre Sprache spricht, ihre Sorgen teilt. Am Tag vor der Flut, also am 14. Juli, gab es bei uns im Dekanat einen Studientag rund um die Frage: Wie kann Kirche in all ihrem Tun den Menschen in den Mittelpunkt stellen, vor allem den Menschen, der in Not gekommen ist.

Am 15. Juli, also am Tag nach der Flut, war es keine Frage mehr, wo wir als Kirche hingehören. Die Antwort war mehr als klar: auf die Straße, zu den Menschen. Mal konkret beim Anpacken. Mal beim Zuhören und Nachfragen. Oder von Haus zu Haus. Für die Kirche?

Dass es für die Antwort an die Reporterin keine lange Überlegung brauchte, ist klar. Für die Menschen! Das Ziel ist immer der Mensch – der konkrete, einzelne, ganz individuelle und unverwechselbare. Der Mensch, der jetzt da ist. So war es auch bei Jesus: Nicht für sich selbst hat er gelebt. Für uns Menschen wurde er Mensch. Und er hat gefragt:

„Was soll ich dir tun?“

Und hat das getan. Daraus wird dann Kirche, sie entsteht aus diesem Tun, weil sich Menschen zusammenschließen und gemeinsam Antworten wie Wege suchen.

Nicht für die Kirche bin ich im Ahrtal, aber ich tue das als Mann der Kirche. Natürlich! Denn so sehr ich unter „Kirche“ leide, so sehr ist sie mir auch Heimat. Und das wird so bleiben. Und dafür gibt es ein äußeres Zeichen. Seit dem 15. Juli trage ich darum jeden Tag ein Priesterhemd.

Ich will als Priester erkennbar sein. Auch für die, die mich nicht kennen. Ich will zeigen, woher ich komme, ich will mein Gesicht zeigen als Gesicht der Kirche.

Durchnässt bis auf die Herzhaut

Die Ahr-Flut hat so viele Leben ausgelöscht. So viel zerstört in einer Nacht. Das Wasser kam überall hin. Und wenn nicht in der Flutnacht, so doch in den darauffolgenden Tagen und Wochen. Jede Ritze unseres Seins hat diese Flut erreicht und Schaden hinterlassen. Wer hier im Tal lebt oder hierhin kam, dem drang das Wasser bis ins Innerste. Bis ans Herz.

Die Dichterin Hilde Domin hat 1957 ein Gedicht geschrieben mit dem Titel BITTE. Darin geht es um das Stehen und Aushalten in der Katastrophe. In den ersten Zeilen heißt es:

Wir werden eingetaucht und mit den Wassern der Sintflut gewaschen.
Wir werden durchnässt bis auf die Herzhaut.

Mit ihrem Bild von der Herzhaut macht Hilde Domin mir unglaublich Hoffnung: So beladen und verwundet, so „durchnässt“ und zutiefst getroffen wir sein mögen – da ist ein Ort, der heil geblieben ist. Das Wasser geht eben „nur“ bis zur Herzhaut.

In all dem Schweren ist es eine wunderbare Aufgabe, diesen Ort zu suchen. In mir. Diesen Ort, den das schrecklichste Wasser, die traurigsten Erfahrungen und das größte Leid, ja selbst der Tod nicht erreichen können.

Ein Ort wie ein Schatz. Nicht zu fluten, nicht zu verletzen. Wir haben diesen Ort in uns. Jede und jeder. Manches Mal sehr verschüttet. Die Wege scheinen unendlich weit, unzugänglich, fremd.

Es ist ein Ort des Friedens. Das Innerste der Seele nennen es manche. Hilde Domin spricht es gar nicht aus. Sie benennt nur die „Herzhaut“, die diesen „Ort“ umgibt und die das Wasser abkriegt, obwohl sie doch als Schutz des Innersten selber zu schützen wäre.

Die so tiefen Erschütterungen machen wohl das aus, was mit dem Begriff traumatische Erlebnisse benannt wird.

„Bis auf die Herzhaut …“

Solidarität, die die Welt verändern kann

Ich will mich auf die Suche machen nach dem Unverletzlichen und Unzerstörbaren. Nach dem Heilen und dem Heilenden. Ich will nach den Kräften und Erfahrungen suchen, die weitermachen lassen.

Und ja: Wir machen weiter. Das steht außer Frage. Schon ab dem Tag nach der Flut wurden wir so unglaublich unterstützt von Helferinnen und Helfern, die einfach kamen.

In keinem Katastrophenplan der Republik hatten sie bisher einen Platz. Weit über 100.000 Helfer kamen zu ungezählten Einsatz-Stunden ins Tal: Licht in der dunkelsten Nacht.

Ohne diese Menschen, die privaten wie die Helfenden aus der Blaulicht-Familie, hätten wir das nicht überleben können, weil die Berge viel zu hoch waren.

SolidAHRität, das man ja jetzt hier bei uns mit A-H-R wie Ahr in der Mitte schreibt, sie ist eines der kostbarsten Geschenke. Solidarität. Viele hatten den Menschen in unserem Land das nicht mehr zugetraut.

„Sag keiner mehr was gegen unsere Jugend“,

habe ich immer wieder gehört: Was haben die geschafft. Das ist das größte Geschenk: SolidAHRität könnte unser Land verändern, ja sogar die Welt.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.

Musik:

Ramin Djawadi – Light of the Seven

Arvo Pärt – Für Alina

Dirk Maassen – To the Sky

Albert Attanelle – Música Callada. Premier Cahier: I. Angelico

Philip Glass – Truman sleeps


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 17.07.2022 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Jörg Meyrer

Jörg Meyrer, geb. 1962, wurde 1988 in Trier zum Priester geweiht. Seit 2002 ist er Pfarrer in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Meyrer ist auch tätig als Geistlicher Begleiter und Exerzitienbegleiter. Er war Mitglied der Synode im Bistum Trier und beteiligt an deren Umsetzung. Kontakt: j.meyrer@pg-badneuenahr-ahrweiler.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche