Morgenandacht, 16.07.2022

Monsignore Peter Schallenberg, Paderborn

Das Bild der Liebe

Wie hat eigentlich Jesus von Nazareth ausgesehen? Haben wir ein Bild von ihm? Freilich, kein originalgetreues Gemälde, kein Foto, aber doch die Ahnung eines Gesichtes? Immerhin wissen wir sogar von Sokrates ungefähr, wie – nun ja: ziemlich hässlich – er aussah.

Wir wissen es von vielen Menschen der Weltgeschichte. Und auch Jesus ist doch auf sämtlichen Darstellungen immer ähnlich abgebildet: lange dunkle Haare, ein Vollbart. Aber woher weiß man, wie Jesus, den der christliche Glaube als „wahrer Gott und wahrer Mensch“ bekennt, ausgesehen hat?

Manche sehen ein authentisches Bild von Jesus im Grabtuch von Turin, das auch nach Auskunft skeptischer Wissenschaftler immerhin das Antlitz eines zu Tode gefolterten Mannes aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert in Palästina zeigt.

Und es gibt noch etwas: das sagenumwobene Schweißtuch der Veronica, mit dem Antlitz eines jungen Mannes, es zeigt Spuren von Verletzungen. Schon sehr alte Quellen berichten von einem solchen Tuch, sozusagen einer Art Ur-Bild von Jesus, das vermutlich der Grund ist, warum das Gesicht Jesu in der Kunst immer wieder ähnlich, nämlich nach diesem Vorbild, gestaltet wurde.

Demnach wurde es in der orientalischen Stadt Edessa aufbewahrt und kam infolge der Kreuzzüge nach Rom, wo es bis zum „Sacco di Roma“, der furchtbaren Brandschatzung der Stadt im Jahre 1527 im Petersdom aufbewahrt wurde. Danach verliert sich die Spur.

Im vorigen Jahrhundert tauchte in der winzigen Kapuzinerkirche von Manoppello, nahe der Adria, ein Muschelseidentuch auf, mit einem darauf erkennbaren Antlitz. Man sieht es dort auf dem Hochaltar der Kirche, geheimnisvoll strahlend.

Das Aussehen des Tuchs jedenfalls lässt darauf schließen, dass es sich um das verlorengegangene Tuch handelt – das als das Schweißtuch der Veronika so lange verehrt wurde. Bis heute weiß niemand, wie dieses Abbild auf das Tuch gelangt ist. Muschelseide nimmt nämlich keine Farbe an.

Die Erzählung von der Veronica, die uns das wahre Antlitz Jesu im Schweißtuch gebracht hat, ist vermutlich eine fromme Legende aus dem Mittelalter, als der Franziskanerorden eine der Kreuzwegstationen betitelte: „Veronica reicht Jesus das Schweißtuch“. Eine Legende, die wohl die unerklärliche Herkunft dieses Abbildes erklären wollte.

Auch Selma Lagerlöf, die fromme schwedische Schriftstellerin, greift diese Legende auf. In einer ihrer ergreifenden „Christuslegenden“ erzählt sie, wie sich die alte Amme des an Lepra auf der Insel Capri dahinvegetierenden Kaisers Tiberius im Jahre 33 nach Christus auf den Weg nach Palästina macht, um zur Heilung des Kaisers den berühmten Rabbi aus Nazareth zu holen.

Allein, sie kommt zu spät: Als sie in Jerusalem eintrifft, wird gerade ein Mann mit dem Kreuz zur Hinrichtung gebracht. Als er vor ihr zusammenbricht, trocknet sie mit ihrem Schweißtuch das Gesicht von Blut und Schweiß und Tränen.

Der Mann wird weitergezerrt, das Antlitz auf dem Tuch aber bleibt, und sie bringt es dem Kaiser nach Capri. Der, von Hass und Krankheit zerfressen, schaut es und kniet schließlich vor dem Tuch mit dem geschundenen Antlitz nieder und weint bei dessen Anblick. Und Selma Lagerlöf schreibt:

„Da sah der Kaiser auf. Und siehe da, seine Gesichtszüge waren verwandelt, und er war, wie er vor der Krankheit gewesen war. Es war, als hätte diese ihre Wurzel und Nahrung in dem Hass und der Menschenverachtung gehabt, die in seinem Herzen gewohnt hatten; und sie hatte in demselben Augenblick entfliehen müssen, in dem er Liebe und Mitleid gefühlt hatte.“[1]

Ist es wichtig zu wissen, wie Jesus von Nazareth aussah? Mir scheint: Wichtig ist zu wissen, wie der andere Mensch aussieht – der, der nicht ich bin, und dessen Wunden und Leid ich sehe und Mitleid empfinde und Zuwendung schenke. Denn nur Liebe vermag den Hass und die Verachtung und den Missmut in uns zu heilen.


[1] München 1935, 156.


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Dieser Beitrag wurde am 16.07.2022 gesendet.


Über den Autor Peter Schallenberg

Msgr. Prof. Dr. theol. habil. Peter Schallenberg, geb. 25.08.1963, Studium der Fächer Philosophie und Theologie in Paderborn und Rom, nach der Promotion in Rom 1991 seelsorgliche Tätigkeit, ab 1997 Direktor des Sozialinstituts des Erzbistums Paderborn Kommende in Dortmund, Habilitation 2003 in Münster, ab 2004 Professur für Moraltheologie in Fulda, seit 2008 Lehrstuhlinhaber für „Moraltheologie und Ethik“ an der Theologischen Fakultät Paderborn und seit 2010 zusätzlich Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle.

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