Morgenandacht, 15.07.2022

Monsignore Peter Schallenberg, Paderborn

Die Sorge um die Seele

Was ist eigentlich Sünde? Ein Wort, das man heute doch nur noch in kirchlichen Zusammenhängen kennt. Wir kennen das Wort im allgemeinen Sprachgebrauch kaum noch in verständlicher Weise. Verkehrssünder sind bekannt oder Diätsünder, aber echte Sünder? Was ist also eigentlich gemeint mit Sünde?

Ein Blick auf den Ursprung des Wortes hilft zunächst weiter: Sünde hängt zusammen mit dem germanischen Wort „Sund“ für eine Trennung zweier Ufer durch tiefes, dazwischen liegendes Wasser. Das wird auf das Verhältnis von Gott und Mensch gewendet. Gemeint ist also zunächst schlicht und einfach eine tiefgreifende Trennung des Menschen von Gott.

So spricht die Bibel und die christliche Theologie von Sünde: Es ist für den Menschen auf Dauer schädlich und misslich, sich von Gott zu trennen, oder zumindest das beharrliche und geduldige Nachdenken über ihn einzustellen. Aber, so könnte man einwenden: Was soll das schon heißen: sich von Gott trennen und loslösen?

Ist Gott nicht eigentlich ein menschlicher Gedanke, eine Idee, eine bloße Vorstellung? Ist nicht „Einbildung“ die adäquate Übersetzung dessen, was wir religiös verbrämt „Glauben“ nennen? Warum sollte es also schädlich oder gar sündhaft sein, sich von einer Einbildung loszusagen?

Was aber, wenn Einbildung an sich gar nicht negativ wäre, sondern positive und lebensnotwendige Voraussetzung für unser Dasein? Wenn man z.B. überhaupt kein gutes Bild von sich selbst gewönne außer durch Einbildung, also durch Verinnerlichung des guten Bildes, das andere Menschen von uns haben? Bilden wir uns nicht auch ein, dass Menschen uns lieben und uns verzeihen und mit uns leben wollen? Ist nicht außerhalb des Funktionierens von Waschmaschinen und Wäschetrocknern alles am Ende eine Frage heilsamer und auf plausiblen Andeutungen basierender Einbildung?

Und wären wir als Menschen überhaupt lebensfähig ohne solche fundamentalen Einbildungen? An erster Stelle der Grundüberzeugung und des Urvertrauens: Ich bin gewollt und nicht bloß geduldet, notwendig und nicht bloß zufällig auf dieser Welt?

Der katholische Schriftsteller Reinhold Schneider beschreibt das wunderbar in seiner kleinen Erzählung „Der Traum des Heiligen“: Dem im Tower zu London auf die Hinrichtung wartenden Thomas Morus erscheint wie im Traum König Heinrich VIII., der sich von der römischen Kirche lossagte und den widerspenstigen Thomas Morus zum Tod verurteilen ließ.

Thomas beschwört den König in einem letzten Gespräch sehr eindrucksvoll, nicht in der Sünde zu verharren und zu versteinern. Aber gemeint ist nicht so sehr die äußere Sünde eines Verrates an der Kirche, sondern vielmehr die innere Sünde eines Verrates an sich selbst und der eigenen Seele.

Ja: Seele, das Wort muss unbedingt mittgemeint sein, wenn wirklich und ernsthaft von Sünde die Rede sein soll. Reinhold Schneider lässt Thomas Morus zum König sprechen:

„Wenn du nur nicht bitter wirst, wenn du dich nur nicht verschließest und dein Herz nicht erstirbt, so kann noch immer alles gewonnen werden. Verzweifle nicht, blicke die Wahrheit an und glaube, dass die Liebe sich nicht von dir gewendet hat! Sie wird dich rufen, kehre dich nicht ab! Es darf nicht Nacht sein an der Stelle, wo du stehst!“[1]

Verzweifelte Verbitterung – ja, das ist Sünde und Tod und Nacht. Niemals dürfte es so weit im Leben eines Menschen kommen, und immer müssten wir achten auf die eigene Seele und die Seelen der uns anvertrauten Menschen: Das Licht der Liebe bringen! Nicht verzweifeln am unbedingten Sinn des eigenen Lebens! Denn da, wo wir stehen, darf nicht Nacht sein!


[1] Köln 1953, 167.


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Dieser Beitrag wurde am 15.07.2022 gesendet.


Über den Autor Peter Schallenberg

Msgr. Prof. Dr. theol. habil. Peter Schallenberg, geb. 25.08.1963, Studium der Fächer Philosophie und Theologie in Paderborn und Rom, nach der Promotion in Rom 1991 seelsorgliche Tätigkeit, ab 1997 Direktor des Sozialinstituts des Erzbistums Paderborn Kommende in Dortmund, Habilitation 2003 in Münster, ab 2004 Professur für Moraltheologie in Fulda, seit 2008 Lehrstuhlinhaber für „Moraltheologie und Ethik“ an der Theologischen Fakultät Paderborn und seit 2010 zusätzlich Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle.

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