Morgenandacht, 14.07.2022

Monsignore Peter Schallenberg, Paderborn

Das Mitleid der Geduld

Was ist eigentlich Mitleid? Mitleid haben – das versteht doch jeder! Aber was ist das eigentlich in uns, wenn wir Mitleid mit jemand haben? Wir sind von Mitleid gepackt oder erschüttert und helfen aus Mitleid.

Aber reicht das allein schon, um gut zu sein? Gut in Hinsicht auf das nachhaltig Gute und das endgültig Beste für einen Menschen? Und wer wollte sich anmaßen, das für einen anderen Menschen zu sagen oder gar ihm vorzuschreiben? Sind wir nicht zu Recht misstrauisch gegenüber anmaßenden Vorschriften von außen, gegenüber übergriffigem Paternalismus und arroganten Allüren?

Ist nicht jeder Mensch seines eigenen Glückes Schmied und niemand von außen berechtigt, ihm ins Rad des Schicksals zu greifen? Aber: Ist denn wirklich jeder Mensch ganz allein verantwortlich für sein Glück und seine Ideale? Kann es gar keine besseren Aussichten von außen für einen Menschen geben, der gefangen und befangen ist in aussichtslosen Zuständen der Verzweiflung und des Elends?

Schmal ist der Grat zwischen Hilfe und Bevormundung, auch zwischen echtem und falschem Mitleid. Solch falsches Mitleid einer „Ungeduld des Herzens“ beschreibt sehr eindrucksvoll der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig in seinem einzigen Roman mit dem gleichnamigen Titel „Ungeduld des Herzens“.

Im Sommer 1914 begegnet der in einer ungarischen Stadt in Garnison liegende junge Leutnant Hofmiller einer jungen schwerkranken Frau. Aus falschem Mitleid verlobt er sich mit ihr, leugnet aber bald öffentlich alles ab, entschließt sich verzweifelt zum Selbstmord, wird aber kurz vorher versetzt. Schließlich beendet der Freitod der Verlobten das blinde und tragische Schicksal.

Im Vorspruch zum Roman schreibt Stefan Zweig:

„Es gibt eben zweierlei Mitleid. Das eine, das schwachmütige und sentimentale, das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist, sich möglichst schnell freizumachen von der peinlichen Ergriffenheit vor einem fremden Unglück, jenes Mitleid, das gar nicht Mit-Leiden ist, sondern nur instinktive Abwehr des fremden Leidens von der eigenen Seele. Und das andere, das einzig zählt – das unsentimentale, aber schöpferische Mitleid, das weiß, was es will und entschlossen ist, geduldig und mitduldend alles durchzustehen bis zum Letzten seiner Kraft und noch über das Letzte hinaus.“[1]

Über das Letzte hinaus: Hieße das nicht, Gottes Blick und Perspektive zu suchen und zu versuchen? Den weiteren Blick zu wagen und zu fragen: Was wäre nicht bloß die schnelle Zufriedenheit, sondern das allerbeste Glück eines Menschen? Wie wäre ihm nachhaltig geholfen? Und ist nicht Nachhaltigkeit nur der moderne Name für das, was wir einst Ewigkeit nannten?

In der Mitte seines Romans bündelt Stefan Zweig noch einmal alles in einem kleinen Satz. Da heißt es:

„Zum erstenmal begann ich zu verstehen, dass das Schlimmste auf dieser Welt nicht durch das Böse und Brutale, sondern fast immer nur durch Schwäche verschuldet wird.“[2]

Ja, es gibt die Schwäche der Mitläufer der Diktatoren und Schwäche der Mitläufer im Hamsterrad des Alltags: In der Tat wird mindestens so viel Gutes unterlassen aus Schwäche, wie Böses aus Brutalität getan!

So müsste man sich aufraffen und im nachhaltig Guten stark sein und das Leiden mittragen in der Gewissheit auf nachhaltige Besserung. Ganz nachhaltig in der unbezweifelbaren Aussicht auf Gottes Liebe.


[1] Frankfurt/Main 1976, 15.

[2] Ebd. 245.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 14.07.2022 gesendet.


Über den Autor Peter Schallenberg

Msgr. Prof. Dr. theol. habil. Peter Schallenberg, geb. 25.08.1963, Studium der Fächer Philosophie und Theologie in Paderborn und Rom, nach der Promotion in Rom 1991 seelsorgliche Tätigkeit, ab 1997 Direktor des Sozialinstituts des Erzbistums Paderborn Kommende in Dortmund, Habilitation 2003 in Münster, ab 2004 Professur für Moraltheologie in Fulda, seit 2008 Lehrstuhlinhaber für „Moraltheologie und Ethik“ an der Theologischen Fakultät Paderborn und seit 2010 zusätzlich Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle.

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche