Morgenandacht, 13.07.2022

Monsignore Peter Schallenberg, Paderborn

Die Annahme des Lebens

Möchten Sie anders sein, als Sie in Wirklichkeit sind? Oder anders gefragt und womöglich noch schärfer: Sind Sie zufrieden so, wie Sie sind? Möchten Sie mit sich befreundet sein?

Könnten Sie sich vorstellen, dass andere Menschen sich danach sehnen, mit Ihnen zusammen sein zu wollen, möglicherweise ein ganzes Leben lang? Nicht nur in guten, sondern auch in bösen Tagen?

Denn erst, wenn wir uns ganz unverblümt vorstellen könnten, dass andere gern, sehr gern mit uns zusammen seien, nur dann wären wir ja wirklich gern bei uns daheim. Friedlich, bewegt von der inneren Gewissheit: Ich darf sein. Da sein.

Nicht einfach: Ich muss da sein, obwohl mich niemand einst gefragt hatte, ob ich gezeugt und geboren werden wolle, obschon das doch eigentlich notwendig gewesen wäre, dass man uns in einer so ausgesprochen wichtigen Angelegenheit befragt hätte, wo es doch um das eigene Leben ging!

Jetzt ist es freilich zu spät. Jetzt, nach Zeugung und Geburt, gibt es nur noch zwei grundsätzliche Möglichkeiten: Entweder leben zu müssen, oder eben: leben zu dürfen.

Zwei grundsätzlich verschiedene Weisen des Lebens: Entweder aus der Hand des Schicksals – und der Eltern und Großeltern – leben zu müssen, oder, nach christlichem Glauben, aus der Hand Gottes, der zu mir und zu jedem Menschen bei der Zeugung spricht: Ich möchte gern, dass Du lebst, und zwar auf ewig! „Eingießung der unsterblichen Seele“ nennt das die christliche Theologie und meint genau das: Du darfst sein, weil Gott es will. Und das reicht.

Das reicht?

Der große ungarische Schriftsteller Sándor Márai beschreibt in seinem faszinierenden Buch „Die Glut“ – das 1942 erschien – das Schicksal zweier Freunde. In ihrer Jugend liebten sie ein und dieselbe Frau. Jetzt, altgeworden und nach dem Tod der geliebten Frau, treffen sie sich für eine ganze Nacht bei Kerzenschein, um über ihrer beider scheinbar verpfuschtes Leben zu sprechen. Und der eine Freund sagt zum andern:

„Das ist der größte Schicksalsschlag, der einen Menschen treffen kann. Die Sehnsucht, anders zu sein, als man ist: eine schmerzlichere Sehnsucht könnte im Herzen nicht brennen. Denn das Leben lässt sich nur ertragen, wenn man sich mit dem abfindet, was man für sich selbst und für die Welt bedeutet.

Man muss sich damit abfinden, dass man ist, wie man ist, und wissen, dass man für dieses weise Verhalten vom Leben kein Lob bekommt, dass einem keine Orden an die Brust gesteckt werden, wenn man weiß oder erträgt, dass man eitel ist oder egoistisch oder glatzköpfig oder schmerbäuchig. Man muss es ertragen, das ist das ganze Geheimnis. Wir müssen ertragen, dass unsere Sehnsüchte in der Welt kein vollkommenes Echo haben. Wir müssen ertragen, dass die, die wir lieben, uns nicht lieben, oder nicht so, wie wir es hofften.“[1]

Ja, das ist das Geheimnis: Sich annehmen dürfen aus Gottes Hand, so wie man ist, und zugleich und im selben Augenblick Ausschau zu halten nach dem Besseren, das Gott voraussieht, und das man eben auch ist, nur noch nicht jetzt. Sich ausstrecken dürfen zu den besseren Möglichkeiten des eigenen Lebens: Das ist Glaube an Gottes Wille zu mir.

Und dann sind vielleicht am Ende eines Lebens die Kerzen hinuntergebrannt, aber der Morgen bricht an. Der Morgen der Ewigkeit, der alle scheinbar verpassten Sehnsüchte des Lebens erfüllt. Beides ist wichtig: das eigene Leben ertragen und zugleich niemals zu denken: Das war es! Sondern zu ahnen: Das wird! Besser als je gedacht!


[1] München 1999, 136.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 13.07.2022 gesendet.


Über den Autor Peter Schallenberg

Msgr. Prof. Dr. theol. habil. Peter Schallenberg, geb. 25.08.1963, Studium der Fächer Philosophie und Theologie in Paderborn und Rom, nach der Promotion in Rom 1991 seelsorgliche Tätigkeit, ab 1997 Direktor des Sozialinstituts des Erzbistums Paderborn Kommende in Dortmund, Habilitation 2003 in Münster, ab 2004 Professur für Moraltheologie in Fulda, seit 2008 Lehrstuhlinhaber für „Moraltheologie und Ethik“ an der Theologischen Fakultät Paderborn und seit 2010 zusätzlich Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle.

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche