Gottesdienst am 15. Sonntag im Jahreskreis

aus der Pfarrkirche Herz Jesu in Weimar

Predigt von Pfarrer Timo Gothe

Auf einer Wanderung kam ich kürzlich zweimal am selben abgelegenen Hof vorbei. Am Morgen grüßte mich dort ein alter Mann auf seinen Stock gestützt und wies mir ungefragt den Weg.

Am Nachmittag arbeitete die junge Familie vor dem Haus und erkannte mich
wieder. Die Hitze des Tages, Auf und Abstieg des Weges, all das stand mir wohl ins Gesicht geschrieben. Und wie in einem Urreflex des Menschlichen wurde mir über den Gartenzaun ein Glas Wasser angeboten.

Wir konnten uns nicht mit Worten verständigen – ich spreche kein albanisch – und doch schien es in dem Moment, als sei es das selbstverständlichste auf der Welt. Einem Durstigen ein Glas Wasser reichen.

Was so banal erscheint, ist eben nicht selbstverständlich und war es nie. Selbstverständlich ist der Abwehrreflex: Was geht mich die Not des Fremden an? Hab‘ ich nichts Besseres zu tun? Die Ressourcen sind knapp. Bei uns das Gas, andernorts das Wasser. Die Zeiten sind schlecht, da bin ich mir erstmal selbst der Nächste.

Einer liegt halbtot im Straßengraben – so schildert es das Evangelium – zwei von drei gehen an ihm vorüber damals zur Zeit Jesu. Heute nicht ohne vorher noch ein postbares Video aufzunehmen.

Warum Jesus das Gleichnis vom barmherzigen Samariter erzählt, ist ja die am Beginn des Evangeliums groß gestellte Frage:

„Was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben?“

Für mich liegt etwas von Verzweiflung in dieser Frage an Jesus. Es schwingt der Verdacht mit: Mach ich genug? Kann ich überhaupt etwas tun, das so gewichtig ist, dass es mir das ewige Leben verheißt.

Es liegt auch eine Last in dieser Frage. Was alles noch ist zu tun? Reicht es?
Wo doch das Gesetz dem Gesetzeslehrer bekannt ist und er, als Jesus ihn darauf verweist, pflichtschuldig zitiert: Das ist zu tun: Gott und den Nächsten lieben mit ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzer Kraft und ganzem Denken. Vollumfänglich sozusagen.

Doch als Jesus näher erläutern soll, wie das Gesetz zu erfüllen sei, zeigt sich:
Der Weg zum Leben, auch zum ewigen Leben, führt über den Mitmenschen.
Und genauer gesagt: Über den Mitmenschen, der in Not geraten ist.

Der Schlüssel ist: Mitgefühl, Mitleid, Barmherzigkeit und Zuwendung. Arg
strapaziert all das in Zeiten, in denen Menschen die Pflege ihrer Angehörigen zu
viel wird, in denen eine Krise nach der anderen an unsere Hilfs- und Spendenbereitschaft appelliert.

Und dennoch. Wenn eine bedürftige Person, der wir im Stadtbild begegnen, unser Herz nicht mehr anrührt, wenn die Frage: Wie können wir helfen?, gar nicht mehr auftaucht, dann ist etwas verloren und zu Bruch gegangen.

Ich weiß nicht, ob man zu Mitgefühl erzogen werden kann. Ich glaube vielmehr, dass es in unseren Herzen grundgelegt ist und zum wahrhaft Menschlichen gehört.
Wir müssen es nur freilegen.

Schauen wir dazu kurz in die erste Lesung des heutigen Sonntags aus dem Buch Deuteronomium.

Mose unterweist das Volk über die Satzungen und Gebote Gottes und sagt: Das Gebot geht nicht über deine Kraft und ist nicht fern von dir. Es ist nicht im Himmel, nicht jenseits des Meeres und ich möchte ergänzen: Das Gebot, das zum Leben führt, ist nicht zu finden erst am Ende langer theologischer Studien. Du musst dafür auch nicht nach Santiago laufen oder wie Elon Musk erst in den Weltraum und dann zum Papst fliegen.

Nein, so hörten wir in der Lesung:

„Das Wort ist ganz nah bei Dir, es ist in deinem Herzen. Du kannst es halten.“

Das Gesetz als Frage des Herzens. So verstanden verbindet es uns mit allen Menschen guten Herzens, auch über unterschiedliche Glaubenswelten und Religionen hinweg. Das ist ja der Witz an Jesu heutigem Gleichnis.

Er führt einen Samariter an als den, der nicht vorbeigeht, als den, der ein Herz hat.
In den Augen des frommen Gesetzeslehrers ist der Samariter kein Mann des Glaubens. Er ehrt Gott nicht im Tempel von Jerusalem und hatte auch sonst irrige Ansichten. Aber genauso so einen Ungläubigen macht Jesus zum Protagonisten seiner Geschichte.

Als würde er sagen: Barmherzigkeit kann jeder, der ein Herz hat. Und das ist dann die wahre Religiosität und wahre Menschlichkeit zugleich.

Mir hat sich das eindrücklich bestätigt. Neulich auf einer Wanderung in Albanien.


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Dieser Beitrag wurde am 10.07.2022 gesendet.





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