Am Sonntagmorgen, 03.07.2020

von Fra‘ Georg Lengerke, München

„Zur Hölle mit Euch! Oder wohin?“ Ist Gott gerecht oder barmherzig angesichts des Krieges?

Kann es Gnade geben für Kriegsführer und Gewaltherrscher? Oder ist für sie ein Platz in der Hölle - auf Erden oder danach - schon reserviert? Was mit Blick auf die Gnade Gottes widersprüchlich scheinen mag, kann angesichts der Gerechtigkeit Gottes Sinn machen. Dabei ist die Hölle weniger ein Ort als ein Zustand. Die Wahl fällt der Mensch wohl auch selbst.

© Jr Korpa / Unsplash

„Vergelt’s Gott!“,

sagt man in Süddeutschland noch manchmal zum Dank. Das heißt so viel wie: Möge Gott dir erstatten, was du mir geschenkt hast. Das ist ein freundliches Wort. Anders klingt es jedoch, wenn der Anlass nicht Dank, sondern die Klage über eine erlittene Ungerechtigkeit ist. „Vergelte es Dir Gott“ würde dann bedeuten: Gott soll das Böse, das Du mir angetan hast, auf Dich selbst zurückfallen lassen.

Dieser Wunsch klingt heute nicht mehr so weltfremd wie noch vor einiger Zeit. In Kriegszeiten verschärft sich auch im öffentlichen Diskurs der Ton. Bis vor kurzem galt die Rede von der Hölle nur als Angstmacherei christlicher Fundamentalisten.

Heute sind auf Demonstrationen gegen den Krieg in der Ukraine immer wieder Schilder zu sehen mit Aufschriften wie:

„Go to hell! – Fahr zur Hölle!“

Gemeint sind offenbar ganz Russland oder sein Präsident. Und Mitte Mai schrieb eine große deutsche Boulevardzeitung auf ihrer Facebook-Seite, der Patriarch von Moskau werde, so wörtlich,

„den Kreml-Diktator kaum vor der Hölle retten können: Sie werden dort wohl gemeinsam schmoren.“[1]

Was bedeutet „Hölle“ heute?

Gut, wir können annehmen, dass die Rede von der Hölle auch hier bildlich gemeint ist. Aber für was ist „Hölle“ hier ein Bild? Soll damit gesagt sein, dass es auf keinen Fall und nirgends Gnade für einen Gewaltherrscher oder Kriegstreiber geben darf? Dass er auf immer in einem irgendwie gearteten Zustand der Verdammnis verschwinden soll? Dass es zwischen ihm und seinen Opfern nie wieder Versöhnung geben kann oder darf?

Jedenfalls ist die Perspektive der Hölle in diesem Fall so lapidar dahingesagt, wie in dem Schlager von Wolfgang Petry, der darin seiner Ex-Freundin zuruft:

„Wahnsinn, warum schickst du mich in die Hölle?“

Und bei dem die Zuhörer dann für einige Takte aufgeputscht das Wort „Hölle, Hölle, Hölle…“ im Rhythmus des Liedes grölen, als hüpften sie auf Bierzelttischen.

Nein, hier geht es um das Empfinden, dass jemand, der schwere Schuld auf sich geladen hat, nicht einfach so davonkommen darf. Es geht darum, dass den Opfern und den Tätern Gerechtigkeit widerfahren soll.

Den Opfern soll Genugtuung und Heilung zuteilwerden; und die Täter sollen sich ihrer Schuld stellen, Verantwortung übernehmen und für ihre Taten büßen. Und das soll über die irdische Lebenszeit hinaus gelten.

Es geht nicht an, sagt das Gerechtigkeitsempfinden, dass die Verantwortlichen für Gewalt, missbrauchte Macht, verschuldetes Elend und vorsätzlichen Mord für immer das letzte Wort behalten. Es geht nicht an, sagt die Forderung der Gerechtigkeit, dass jemand, der mit dem Vorwurf ungerechten Verhaltens konfrontiert wird, sich einfach entzieht – sei es, dass er sich für einen friedlichen Lebensabend nach Paraguay absetzt oder sich das Leben nimmt.

Gibt es „gerechte Vergeltung“?

Die christliche Offenbarung spricht von Gott auch als einem „gerechten Richter“. Diese Bezeichnung ist zwischenzeitlich auch unter Christen in Verruf geraten. Zu ambivalent sind die Erfahrungen mit menschlichen Richtern. Aber in Zeiten des Krieges wird der Ruf nach einer Gerechtigkeit über den Tod hinaus wieder laut.

Offenbar macht erst der Glaube an ein „jenseitiges“ Gericht die Unvollkommenheit oder das Ausbleiben irdischer Gerichte erträglich. Und ist es nicht gerade der Gedanke an eine vollkommen gerechte richtende Instanz im Tod, der uns davor bewahrt, während unserer eigenen Lebenszeit übereinander voreilig zu Gericht zu sitzen?

Aber hinter dem Wunsch (oder eher dem Fluch), jemand möge „zur Hölle fahren“ steht mehr und anderes als nur der Wunsch, dass ein Gewalttäter oder Aggressor eine seiner Tat entsprechende Strafe erhalten soll. Die wäre ja bloß gerecht im Sinne einer Vergeltungsgerechtigkeit.

In einem Rechtsstaat würden wir doch im Falle strafrelevanten Verhaltens genau das erwarten: eine gerechte Vergeltung. Ist mit „Hölle“ nicht doch noch etwas anderes gemeint?

Bei der Frage nach Schuld, Vergeltung und Vergebung geht es um mehr als bloß um Strafrecht. Es geht um das alltägliche Leben mit seinen Verfehlungen, Verwerfungen und Bosheiten. Ich stelle mir das manchmal vor: Wie sähe mein Leben aus, wenn mein Verhalten gegenüber den Menschen um mich herum eins zu eins auf mich selbst zurückfiele.

Oder anders gesagt: Wie sähe mein Leben aus, wenn mich selbst alles das mit ganzer Wucht träfe, was ich jemals anderen

„in Gedanken, Worten und Werken […] Gutes unterlassen und Böses getan“

habe, wie das christliche Schuldbekenntnis es formuliert. Vielleicht ahnen wir bei dieser Überlegung, wie verunsichert und ausgenutzt unser Leben dann aussähe, wie beschämt und einsam, wie verletzt und arm.

Alle sind schuldig

Kann es sein, dass das der Gerechtigkeit Gottes entspricht? Es geht ja nicht nur um exemplarische Superbösewichte, um die Kriegsverbrecher, Massenmörder oder Kinderschänder aus den Abendnachrichten. Es geht um jeden Menschen. Es geht um alles, was wir einander antun.

Im biblischen Buch der Psalmen findet sich das Gebet eines Menschen in größter Not. Und der malt sich das Schreckensbild eines Gottes aus, der uns ganz genau gemäß unseren Verfehlungen behandelt. Und er fragt:

„Würdest du, HERR, die Sünden beachten, wer könnte bestehen?“

(Ps 130,3)

Wer von uns also hätte eine Chance, wenn Gottes Gerechtigkeit allein in der Vergeltung bestünde? Die Antwort ist: niemand. Kein Mensch wird nicht schuldig. Wir unterscheiden uns hinsichtlich unserer Schuld nur graduell.

Nach dem Verständnis von Juden und Christen ist Gottes Gerechtigkeit anders. Die Bibel erzählt einerseits vom Zorn Gottes über die Ungerechtigkeit der Menschen und von seinem Mitleid mit den Opfern von Ungerechtigkeit, Bosheit und Gewalt. Zugleich offenbart sich Gott in Jesus Christus und wird ein Mensch, „um alle Menschen zu retten“, wie der Apostel Paulus gleich zwei Mal in seinen Briefen schreibt (Tit 2,11, vgl. 1 Tim 2,4).

Gerechtigkeit, Einsicht und Barmherzigkeit

Das Leben und Leiden Jesu erzählt uns, dass er den Sündern, nachgeht, also auch den Tätern – um sie noch in der äußersten Verderbtheit und Verworfenheit zu suchen und zu finden. Gott wirbt um die Menschen, um sie wieder an sich zu ziehen und sie in jene vollendete Liebe, Freude und Herrlichkeit zu führen, die die Christen „Himmel“ nennen.

Es ist als lägen die Gerechtigkeit und die Barmherzigkeit Gottes hier miteinander im Streit. Die Opfer wollen Gerechtigkeit. Die Täter wollen Barmherzigkeit. Aber kaum ein Mensch ist nur das eine, Täter oder Opfer.

Darum braucht jeder beides: Die Gerechtigkeit, auf die die Opfer sich berufen können und die die Täter ihr Unrecht erkennen lässt. Und die Barmherzigkeit, die mit den Opfern fühlt und die die Täter nicht ihrer Selbstverdammnis überlässt. Bei Gott gehören Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zusammen. Ja, sie bedingen einander.

Ohne Barmherzigkeit wird die Gerechtigkeit zur Tyrannei. Ohne Gerechtigkeit ist die Barmherzigkeit die Mutter der Auflösung."

So formuliert es der große mittelalterliche Theologe Thomas von Aquin. Das gilt sowohl von der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, die wir nötig haben, als auch von der, die wir anderen gegenüber üben sollen.

Gott ist barmherzig, indem er die Menschen nicht den unerträglichen Folgen ihrer Schuld überlässt, sondern ihnen Vergebung und einen Neuanfang schenkt. Davon erzählt der Tod und die Auferstehung Jesu.

Denn das Leiden Jesu Christi kommt nicht von Gott. Es kommt von uns Menschen und ist genau das, was wir täglich einander und zugleich ihm antun. Seine Antwort ist eine unsterbliche Liebe zu den Menschen, die die Folgen unseres Tuns trägt und erträgt und wegträgt.

Himmel und Hölle auf Erden

Und Gott ist gerecht. Er liebt den Sünder und hasst die Sünde und verurteilt sie, in dem er den Sünder zur Verantwortung zieht und Sühne verlangt. Und das, sagt der christliche Glaube, geschieht in einer Begegnung zwischen dem Täter und dem gekreuzigten Jesus, der sich mit allen Opfern verbunden hat.

Hier geschieht die Erkenntnis der eigenen Schuld und die Wegnahme all dessen, was gegen die Liebe ist. Diese Reinigung tut weh, aber mit ihr beginnt der Himmel als der Ort, an dem Täter und Opfer einander wieder in die Augen schauen können und füreinander wollen, dass das Leben heil wird.

War es das jetzt schon mit der Hölle? Nein. Denn all das geschieht nicht gegen den Willen des Menschen. Gott zwingt nicht. Und das hat etwas mit dem Bild von der Hölle zu tun haben.

Was soll das eigentlich sein, die „Hölle“? Anders, als es die unzähligen Bilder von ihr nahelegen, ist die „Hölle“ christlich gesehen kein Ort, sondern ein Zustand. Und sie ist nichts, wohin der Mensch verdammt wird, sondern etwas, was der Mensch wählt und sich antut. Hölle bedeutet, dass jemand partout nicht lieben und nicht geliebt werden will.

Menschen können schon hier und jetzt in der Hölle sein. Nämlich da, wo sie sich nichts Gutes mehr gefallen lassen. In der Hölle macht der Mensch sich unerreichbar für das Gute, dass ihm von anderen oder für andere zuteilwird. Hölle heißt auch, sich nichts vergeben, sich nicht versöhnen lassen zu wollen.

Hölle ist Trotz und Verhärtung von Herz und Geist, die zu einer Haltung geworden sind und schlimmstenfalls im Tod ihre endgültige Gestalt bekommen können – wenn ein Mensch es denn gar nicht anders will.

Gott will alle retten

Die Theologen haben Jahrhunderte darum gerungen, ob das sein kann, dass ein Mensch sich endgültig selbst verdammt.

Die Verteidiger der menschlichen Freiheit haben betont, dass das möglich sei, weil Gott die Freiheit des Menschen nicht einfach überfährt und aussetzt und ihn nicht zur „ewigen Seligkeit“ zwingt. Diejenigen, die die Liebe Gottes betonen, hielten dagegen, mit ihr sei es unvereinbar, dass Gott zulassen könnte, dass Menschen sich selbst von dem vollendeten Glück ausschließen, das die Christen Himmel nennen.

Wir können diese Frage hier offenlassen. Worauf es im Glauben der Christen ankommt, ist, dass Gott alles tut, um auch noch den letzten Menschen aus dem selbstgewählten Gefängnis von Trotz, Selbstverliebtheit und Selbstverschließung heraus zu werben.

Im Glaubensbekenntnis der frühen Kirche heißt es, Jesus Christus sei

„hinabgestiegen in das Reich des Todes und am dritten Tage auferstanden“.

In der alten Übersetzung stand da „hinabgestiegen in die Hölle“. Christus, so sagt das christliche Bekenntnis, steigt in seinem Tod in das Reich des Todes und der Gottesferne hinab, um die, die dort sind, hinaufzuholen ins Licht und in die unzerstörbare Gemeinschaft mit Gott.

In der Ostkirche zeigt uns die Ikone der Auferstehung, die sogenannte „Anastasis“, wie Jesus Christus durch ein zersprengtes Tor aus dem Abgrund des Todes heraussteigt und als erstes Adam und Eva aus der zuvor verschlossenen Totenwelt heraufholt.

Zwischen Drohung und Hoffnung

„Vergelt’s Gott“,

sagt man im Süden manchmal freundlich zum Dank. Aus dem Mund eines Opfers wiederum kann das bedrohlich klingen. Es gibt noch so ein Wort, das anders gemeint sein kann als es meistens verstanden wird.

„Gnade dir Gott!“

Das kann ein Opfer einem Täter sagen, um deutlich zu machen, dass er seine „ewige Glückseligkeit“ oder seinen „Himmel“ aufs Spiel gesetzt hat. Beides hänge an dem seidenen Pfaden der Gnade Gottes. Und die solle der Gewalttäter ja nicht einfach für selbstverständlich halten.

„Gnade dir Gott“, kann aber auch ein Wunsch sein – oder wenigstens der Ausdruck einer letzten Hoffnung. Der Hoffnung, dass auch der böseste Mensch noch den Weg zurück in die Güte und in das Gutsein Gottes findet. Der Hoffnung, dass die Hölle leer ist.

Der Hoffnung, dass der Fluch der Menge unerfüllt bleibt und der schuldig gewordene Mensch sich nicht auf ewig selbst verdammt, sondern erfährt, dass Gott ihm gnädig ist – zusammen mit seinen Opfern.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.

Musik:

David Gómez – Goodbye

Danish String Quartet – Shore

Danish String Quartet – Unst Boat Song

The Esterhazy Singers – A Choral Amen


[1] https://www.facebook.com/BILDnews/posts/5543245959043456, abgerufen am 13. Juni 2022, 10:25 Uhr


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Dieser Beitrag wurde am 03.07.2022 gesendet.


Über den Autor Fra' Georg Lengerke

Fra' Georg Lengerke, Jahrgang 1968, ist Geistlicher Leiter der Kommende junger Malteser in München. Nach Bundeswehr und Erstem Juristischem Staatsexamen entschied er sich, Professpriester des Malteserordens zu werden, studierte Theologie in Frankfurt und Innsbruck und wurde 2000 in Mainz zum Priester geweiht. Nach Kaplanszeit und Promotion zum Dr. theol. mit einer Arbeit über die Gegenwart Christi im Armen war er bis 2016 Leiter des Geistlichen Zentrums der Malteser in Ehreshoven bei Köln. Fra' Georg betreibt den Podcast und Blog www.betdenkzettel.de. Kontakt: mail@betdenkzettel.de

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