Morgenandacht, 29.06.2022

Pfarrer Christoph Stender, Aachen

Worte nach oben

Umgangssprachlich nehmen wir das Wort Gott oft in den Mund. Schlimmes geschieht: „O Gott“. Unangenehmes bleibt aus: „Gott sei Dank.“ Etwas fasziniert: „O mein Gott“. Verwunderung über einen Menschen: „O Gott, wie kann man nur so doof sein.“

Diese Formulierung „O Gott“ ist heute eher einzuordnen als Redewendung. Dass gerade das kurze „O Gott“ nach christlicher Tradition auch ein Stoßgebet sein kann, ist fast vergessen.

Anders als ein klassisches Gebet wie das „Vater unser“, oder ein „Gegrüßet seist du Maria“ ist mit dem Begriff Stoßgebet ein kurzes, rasch gesprochenes Gebet gemeint. Ein solches Gebet bringt spontan eine im nächsten Augenblick zu erwartende Situation in Verbindung mit Gott.

Das Stoßgebet verbindet ein Ereignis mit dem Namen Gott ohne eine direkte Bitte, einen Dank oder einen Lobpreis einzubeziehen, wie das bei alt überlieferten Gebeten oft der Fall ist.

Mit dem Stoßgebet beziehen die Betenden Gott mit einer gewissen Leichtigkeit und Unmittelbarkeit in ihre momentane Situation einfach mit ein. Das Stoßgebet kann getragen sein von der festen Gewissheit: Gott ist gegenwärtig. Egal was geschieht: Gott lässt mich nicht allein.

Manchmal auch von einem Kreuzzeichen begleitet, findet das Stoßgebet seinen Platz am Beginn eines Weges, als Auftakt, eine besondere Arbeit zu verrichten oder mit Blick auf ein wichtiges Gespräch. Manchmal ist das Stoßgebet nur einsilbig: Gott.

Ich erinnere mich oft an den Ratschlag meines Religionslehrers als ich Schüler an einer Realschule in Krefeld war. Er wägte ab zwischen den spontanen selbst formulierten Gebeten und den aus der Tradition überlieferten Gebeten. Sein Ratschlag:

„Sprecht mit Gott frei in eurer urwüchsigen Sprache! Aber bedenkt, dass es auch Situationen geben kann, in denen euch keine eigenen Worte einfallen. Dann betet mit den Worten, die Frauen und Männer euch überliefert haben, mit vorformulierten Gebeten.“

Dieser Ratschlag hat auch in meinem Leben immer wieder gewirkt. Ich bin zwar mehr der Typ, der Gott häufig am Tag in kurzen Gebeten einen Einblick in mein Denken, Fühlen und Handeln gibt.

Aber in manchen Situationen, suche ich eben doch ganz bewusst nach Gebeten aus der Tradition. Denn gerade diese vorformulierten Gebete bieten mir einen Perspektivwechsel. Die bereits gefundenen Worte anderer ermöglichen mir eine „Draufsicht“ auf den Ausschnitt meines Lebens, den ich Gott gerade zumuten möchte.

Gebet kann ein vages, suchendes Tasten der Gedanken eines Menschen sein, der sich eines Gottes nicht sicher ist oder ihn sogar bezweifelt.

Beten ist ein Sich-Ausstrecken, ein Über-sich-Hinausgreifen in die Möglichkeit der Realität einer unverfügbaren Macht. Dies zu tun, bedarf der Selbstachtung. Denn wer betet, hält zumindest die Möglichkeit, dass es eine höhere Macht gibt, in diesem Moment für denkbar. Eine höhere Macht, die auch am Beter, der sich nach ihr ausstreckt, ein Interesse hat.

Um Gott wissen, an Gott zweifeln, Gott suchen ausgedrückt in stammelnden Worten ist Gebet, immer auch verbunden mit der Frage: „Ist da wer?“


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Dieser Beitrag wurde am 29.06.2022 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Stender

Der katholische Priester Christoph Stender ist der Geistliche Rektor im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken (ZdK). Nach seiner Priesterweihe im Aachener Dom 1987 durch Bischof Klaus Hemmerle, war er als Kaplan in der Eifel tätig und als Religionslehrer am dortigen Clara Fey Gymnasium. Seine studentischen Wurzeln hat er in Paderborn und Frankfurt am Main, denn dort studierte er Religionspädagogik, Philosophie und Theologie. Dem studentischen Leben begegnete er über lange Jahre als Hochschulpfarrer an den Aachner Hochschulen und im Team des Mentorates für Lehramtsstudierende der Katholischen Theologie an der RWTH Aachen. Weitere Informationen
www.christoph-stender.de

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