Morgenandacht, 28.06.2022

Pfarrer Christoph Stender, Aachen

Geflügelte Worte

Oft haben gerade ältere Menschen viel zu erzählen: wie die Großeltern, die Bekannte im Altenheim oder der 80-jährige Ehrenvorsitzende im Sportverein. Ihr Reichtum ist die Erfahrung in Lebensjahren.

Lebensjahre sind die Vorratskammern, aus denen heraus erzählt werden kann. Und je mehr Jahre sich ansammeln umso reichhaltiger ist die Vorratskammer gefüllt.

Wenn mein Opa begann zu erzählen, dann war in meinen jungen Jahren die Bereitschaft zuzuhören oft eher begrenzt. Kaum hatte er begonnen zu erzählen, unterbrach ich ihn nicht selten mit der Frage:

„Opa, hatten wir das nicht schon letzte Woche?“

Und Opa antwortete meist recht entspannt:

„Ach, bist du dir da sicher?“

Die junge Generation heute, so erlebe ich sie öfters, tickt da etwas anders. Denn ich habe den Eindruck, dass viele junge Menschen heute mehr Geduld aufbringen, den Erzählungen aus den Vorratskammern älterer Menschen zuzuhören.

Ein Grund dafür könnte sein, dass in Zeiten unübersichtlicher, vieler Handlungsoptionen Erfahrungen als Orientierungshilfe geschätzt werden. Erfahrungen von damals können der Orientierung heute dienen.

Eine solche Orientierungshilfe, in der es um den Umgang mit dem Geld geht, verdichtet sich bereits im Mittelalter in einer Redensart, die heute noch in Gebrauch ist:

„Etwas auf die hohe Kante legen.“

Wohlhabende Menschen brachten ihr Vermögen damals nicht auf die Bank, sondern bewahrten es bei sich im Haus auf. Ein beliebtes Versteck für die kleineren Vermögen, waren Geheimfächer in den hölzernen Rahmen über ihren vornehmen Betten, an denen die sie umgebenden Vorhänge angebracht waren. Wer Geld in ein solches Versteck, also auf die hohe Kante legte, der schützte und sparte sein Geld.

Diese Redensart kann auch heute zu denken geben, ob verdientes Geld nicht doch besser auf die hohe Kante gelegt werden sollte, anstelle es für Dinge auszugeben, die momentan nicht dringend benötig werden.

Das zweite Buch der Bibel, das Neue Testament, überliefert Jesus als einen besonders begabten Erzähler. So manche seiner Worte haben sich bis heute auch als Redensart erhalten.

Wenn beispielsweise eher fremde Menschen einander etwas anvertrauen, dann ist oft damit die Bitte verbunden es nicht „auszuposaunen“. Die Quelle dieses Ausdrucks findet sich im 6. Kapitel des Matthäus-Evangeliums:

„Wenn du nun Almosen gibst, sollst du es nicht vor dir ausposaunen, wie es die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Gassen, damit von den Leuten sie gepriesen werden.“

Direkt daran anschließend folgt eine Aussage Jesu, die auch mit Geld zu tun hat:

„Wenn du also Almosen gibst, so lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut, auf dass dein Almosen verborgen bleibe.“

Zur Redensart geworden ist mit Blick auf unsere Spendenbereitschaft:

„Deine Linke soll nicht wissen, was die Rechte tut“

Geflügelte Worte verdichtet aus den Erfahrungen, den Vorratskammer der Menschen, die vor uns waren und die uns heute Orientierung geben können: Vertrautes nicht „ausposaunen“. Handeln als würde die „linke Hand nicht wissen was die rechte tut“.

Jedes Leben ist eine Vorratskammer, die viel Erzählenswertes bevorratet. Scheuen wir uns nicht, diese Reichtümer zu teilen.


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Dieser Beitrag wurde am 28.06.2022 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Stender

Der katholische Priester Christoph Stender ist der Geistliche Rektor im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken (ZdK). Nach seiner Priesterweihe im Aachener Dom 1987 durch Bischof Klaus Hemmerle, war er als Kaplan in der Eifel tätig und als Religionslehrer am dortigen Clara Fey Gymnasium. Seine studentischen Wurzeln hat er in Paderborn und Frankfurt am Main, denn dort studierte er Religionspädagogik, Philosophie und Theologie. Dem studentischen Leben begegnete er über lange Jahre als Hochschulpfarrer an den Aachner Hochschulen und im Team des Mentorates für Lehramtsstudierende der Katholischen Theologie an der RWTH Aachen. Weitere Informationen
www.christoph-stender.de

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